Ödön von Horvath: Himmelwärts

Wer nicht geneigt ist, eine einmalige Aufführung eines Stückes in einer Matinee-Veranstaltung als Uraufführung zu akzeptieren, der muss die letzte Premiere eines Horvath-Stückes in Wien vor dem Einmarsch der Hitlerschen Heerscharen 1938, sie war am 5. Dezember 1937, Regie führte Peter Michel, anderweitig verbuchen. Solchen Lesarten würde auch die Aufführung am Neujahrstag 1950 im Kleinen Theater im Konzerthaus in Wien nicht genügen, erst die Uraufführung der Originalfassung am 9. April 1953 an gleicher Stelle wäre dann geeignet für die saubere Registratur. Dem Horvath-Freund muss das nicht mehr als ein Achselzucken entlocken, er braucht auch kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er sich amüsiert fühlt von diesem „Märchen in zwei Teilen“, an dessen Ende sich der Teufel und Sankt Petrus buchstäblich in den Armen liegen und voneinander verabschieden bis in Bälde. „Wiedersehn, lieber Teufel! Wiedersehn!“ ruft der Himmelspförtner und wer das als einen versöhnlichen Schluss empfindet, der muss für sich entscheiden, ob er solche aus Prinzip verabscheut oder ob er sich sagt: Selbst im Leben kommen solche Schlüsse vor, warum also sollte ich der Kunst sie missgönnen, oder sie als minderen Ranges schnöde abqualifizieren?

Ödön von Horvath hat in einem Zeitungsinterview einen Satz von sich gegeben, der im Falle dieses Märchens gegen ihn verwendet wird, ohne dass ihm vorher wie in einem guten amerikanischen Film seine Rechte vorgelesen wurden. Der Satz lautet: „Ich halte die Form der Märchenposse gerade in der gegenwärtigen Zeit für sehr günstig, da man in dieser Form sehr vieles sagen kann, was man sonst nicht aussprechen dürfte.“ Das stand am 14. September 1933 in der „Wiener Allgemeinen Volkszeitung“ und lässt scheinbar nur eine Deutung zu: Es fordert Leser und Zuschauer, falls es denn welche gibt, auf, nach just diesen verborgenen Botschaften, Aussagen, Urteilen zu fahnden. DDR-Leser kennen vielleicht besser als alle anderen Leser deutscher Zunge die Bedeutung des Blicks zwischen die Zeilen, auf einen gewissen Lenin geht das Wort von der Sklavensprache zurück, deren sich die Künstler bedienen und es wäre ein weites Feld, den kunst-fördernden Nebenwirkungen abwesender Freiheit nachzuspüren. „Himmelwärts“ aber, von Horvath gar nicht ausdrücklich als Posse charakterisiert, existent nur als vervielfältigtes Bühnenmanuskript bis zum schließlichen Erstdruck 1970, sprach de facto ins Ungewisse zu nur fiktiven Adressaten.

Dem späten Stück (spät in Horvath-Relation, es werde nie vergessen, dass er noch vor seinem 38. Geburtstag starb, der 9. Dezember 1901 jährt sich heute, der 1. Juni 1938 liegt im kommenden Jahr 80 Jahre zurück, kaum Grund für große Jubiläums-Aktivitäten) ist nichts eingeschrieben, was die Herzen ehrlicher Antifaschisten hätte höher schlagen lassen können damals, das Märchen ist arg unpolitisch, wenngleich Deuter mehrfach darauf hinwiesen, dass an einer Stelle, an der die Frau Steinthaler, Mutter von Luise, Witwe des in der Hölle schmorenden Gerichtsvollziehers und selbst tot, gemeinsam mit Petrus Zeitungsschau im Himmel betreibt, auf die so genannten Februar-Unruhen im Wien des Jahres 1934 angespielt wird. Es gab Tote, Hinrichtungen nach Todesurteilen, diese Realität ist aber im Märchen nicht relevant. Das dem Dramatiker zum Vorwurf zu machen, ist eine Willensentscheidung des Kritikers. Der folgt natürlich seinen Wunschbildern und Theoremen. Die wiederum in Zeitgeist-Zusammenhängen stehen, selbst wenn sie ihr Selbstverständnis in purer Opposition dagegen kultivieren. Bisweilen offenbart schon das Geburtsdatum des Deuters alles Nötige, die stets verräterische Sprache kommt hinzu und wir wissen, von wem wir was halten.

Es gibt im trotz allem eher schmalen Gesamtwerk Ödön von Horvaths die sehr frühen „Sportmärchen“, die manchmal nur wenige Druckzeilen umfassen. Wer eine separate Ausgabe davon sucht: die Nummer 963 der Insel-Bücherei, erste Auflage 1972, versammelt sie und hat ein Nachwort von Traugott Krischke, dessen Herausgebername zu Horvath gehört wie nur irgendeiner: symbiotisch fast. Dies Insel-Buch wird bisweilen zu abenteuerlichen Preisen angeboten, ansonsten finden sich die Märchen aber auch in den einschlägigen Ausgaben der Prosa Horvaths. Eines der Sportmärchen trägt den Titel „Legende vom Fußballplatz“ und ist einfach nur schön und traurig und traurig und schön. Es geht um einen sieben Jahre alten Jungen, der sich auf dem nassen Rasen hinterm Tor buchstäblich den Tod holt, den ein Engel in den Himmel führt, wo genau der Aufseher, der ihn immer ins Gras schickte, ihm unter dauernden Verbeugungen einen Platz auf der Tribüne anweist, erste Reihe Mitte. Das kann nur jemand missverstehen, der erstens kein Verhältnis zum Fußball und zweitens keine Ahnung von Kindern hat. Beides trifft offenbar auf den 1947 geborenen Kurt Bartsch zu, der vor einigen Jahren für die Sammlung Metzler über Horvath schrieb.

Es schmerzt, wenn Bartsch die Seligkeit des toten Siebenjährigen so missdeutet: „Die Seligkeit besteht also in der Sinnlosigkeit eines endlosen Wettspiels …   und in einer Bornierung, der Ausblendung komplexer Lebenszusammenhänge zugunsten bloßen Zuschauens.“ Wir können ganz optimistisch davon ausgehen, dass in keiner denkbaren Welt kleine Jungen im ersten Schulalter, kleine Mädchen ganz sicher ebenfalls nicht, auf komplexe Lebenszusammenhänge spekulieren. Man braucht nur bei einer beliebigen Fußball-Übertragung im Fernsehen in die Gesichter der Kleiner zu schauen, die an der Hand der großen Stars zur Aufstellung auf den Rasen marschieren dürfen. Mit genau solch einem Jungen lässt Horvath den ersten Teil seines Märchens beginnen. Er bekommt seine kleinen Flügel und dann auch schon den Traumplatz für die Endlospartie im Stadion des Petrus-Himmels. Es ist eine Einstimmung und ihr folgt schon Frau Steinthaler. Klassenkämpfe der damaligen Zeit sind das nicht gerade, was aber will das besagen? Oskar Maurus Fontana sah 1937 die Matinee-Vorstellung und schrieb: „Mit originellem Witz in der Situation und im Wort wird hier das Heute und das Ewige kontrastiert. Auf der Erde allerdings geht es dann nicht so erdenhaft zu wie im Himmel und in der Hölle; die Erde sieht Horvath mehr vom Standpunkt der Literatur.“

Erdenhaft also geht es zu in Horvaths Himmel und just diese Erdenhaftigkeit serviert das Vergnügliche des Spiels, zumal die Sprache der Protagonisten nicht irgendeine beliebige ist: „Himmelspförtner und Teufel sprechen die gleiche saftige Sprache des Volkes und der Volkspossen.“ (Fontana). Der Teufel verschreibt einem der Verdammten ein Fichtennadelbad, damit der sich beruhige. Ein uralter Autogrammjäger, der in den Himmel kommt und dort zuerst dem zufällig vorbeikommenden Julius Cäsar einen Namenszug abschwatzt, möchte zwar rasch zu seinen Flügeln kommen, es mögen aber auf keinen Fall cremefarbene sein, auf denen sähe man jeden Fleck. So sieht das Irdische im Himmel aus. Als später auch der Gerichtsvollzieher oben erscheint nach Verbüßen seiner Jahre im Fegefeuer, erkundigt er sich zuerst, ob man oben ein Krügel Bier bekommen könne und Petrus sagt: auch mehrere. Den Intendanten, der Luise Steinthaler unbeachtet neben dem Bühnentürl sitzen ließ, schleppt der Vizeteufel im Pyjama vor seinen Chef, der ihm sofort eine zweite Chance einräumt, als er hört, dieser Mann verspreche ihm eine neue unsterbliche Seele. Den Kontrakt unterzeichnet Luise Steinthaler ohne jeden Skrupel, sie will Erfolg als Sopran.

Und was, bitte, was ist der schönste Ausdruck dieses Erfolges: „Und in der fünften Reih ist ein Kritiker ohnmächtig geworden vor lauter Begeisterung“. Kritiker, die vor Begeisterung ohnmächtig werden: ehrlich: solch eine Aufführung sähe ich gern, für sie würde ich mich sogar verpflichten, nicht etwa dem Teufel meine ohnehin eher sterbliche Seele zu verschreiben, aber, was dem nahe kommt, ein Jahr nur Romane auf der Bühne zu besuchen, sogar Castorf, wenn er das Telefonbuch vom Berlin-Mitte für die Bayreuther Festspiele dekonstruiert. Luise Steinthaler hat nach dem Teufelspakt sieben Jahre rauschende Erfolge, ihre Karriere ist ein Grundrauschen. Aber, in der Prosa-Literatur ist das die geklonte Grundidee von etwa viertausendfünfhundert Romanen, der Erfolg ist nicht alles. Horvath hat ins Stück einen Pfusch des Vizeteufels listig eingebaut: der ließ den Vertragstext in einer vermeintlichen Winzigkeit falsch durchgehen: es hätten die privatesten, nicht nur die privaten Gefühle ausgeschlossen werden müssen. Ohne windigen Anwalt, wohl aber unter tätiger Einflussnahme des Himmels, wird der Fehler zu einer Art von Ausstiegsklausel, wobei der Teufel als echter Teufelskerl die Größe hat, den Kontrakt in großer Geste selbst zu zerreißen.

Es ist darauf hingewiesen worden, dass Luise Steinthaler Züge von Maria Elsner (10. Juni 1905 – 7. November 1983) trage, die eine kurze Zeit mit Horvath verheiratet war. Es ist darauf hingewiesen worden, dass Horvaths Einfall, Hölle, Erde und Himmel auf der Bühne übereinander synchron zu zeigen, auf eine Inszenierung von Heinz Hilpert im Jahr 1928 zurückgehen könnte. Hilpert hatte „Die Verbrecher“ von Ferdinand Bruckner dreietagig spielen lassen. Genannt wird als Einflussgröße auch die vieraktige Komödie „Ehen werden im Himmel geschlossen“ von Walter Hasenclever. Deren Uraufführung gab es am 12. Oktober 1928 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin, Regie Forster Larrinaga, den Alfred Kerr in seiner Premieren-Kritik gleich gar nicht erst eigens erwähnt. Zum Märchen „Himmelwärts“ tragen solche Aussagen wenig bei, zumal beide erwähnten Stücke ja auch nicht gerade dem Theaterjahr 1928 ihren ewig unlöschbaren Stempel aufprägten. Eine kleine Recherche ergibt übrigens, dass Forster Larrinaga tatsächlich Robert Forster-Larrinaga hieß (1880 – 1932), was den Hasenclever-Herausgebern Kurt Pinthus, Bernhard Zeller und Edith Hasenclever offenbar verborgen blieb. Und allerdings auch arg unwichtig ist.

Wie unzuverlässig selbst ein Standardwerk wie „Reclams Schauspielführer“ sein kann in wenigen Worten, erhellt die dortige Aussage, „Himmelwärts“ sei ein „modernes Mysterium um einen Theaterdirektor, den buchstäblich der Teufel holt“. Wer immer die Substanz des Märchen für das Nachschlagewerk so zusammenfasste, muss die etwas abgegriffene Diagnose erdulden: knapp daneben ist auch vorbei. Die Substanz liegt in solchen hübschen Sätzen wie denen des Teufels: „Damals hab ich mich nie rasieren müssen und hab Flügel gehabt, heut muss ich mich täglich zweimal rasieren und hab einen Schwanz.“ Der Teufel, wissen wir, ist ein gefallener Engel und Horvath gibt ihm im Märchen die wunderbare Chance, zum gestiegenen Teufel zu werden, er muss nur weiter Kontrakte zerreißen. Walther Huder (30. Dezember 1921 – 20. Juni 2002), Mitbegründer der deutschen Exil-Forschung, blieb angesichts des Märchens in zwei Teilen von allem Humor komplett verlassen: „Flucht ins Märchen, noch dazu mit den dialektisch gestaffelten Schauplätzen: Himmel, Erde, Hölle, Pakt mit dem Teufel, zumeist auch hier aus Karrieregründen unterschrieben, das zählte schon immer zum Themenrepertoire der Literatur, nicht nur in historischen Notzeiten“.

Warum er dann Thomas Mann mit seinem „Doktor Faustus“, nicht aber Goethe nennt, bleibt sein Geheimnis. Dagegen hilft auch seine folgende Behauptung nicht: „Es demonstriert die logische Alternative zum kleinbürgerlichen, sich jovial und unverbindlich gebenden Tingeltangel einer Invasion des Himmels auf Erde, die ihrem Metier entsprechend nicht ernst genommen wird, so etwas wie ein leichtgeschürztes Konterfei der sogenannten Goldenen Zwanziger Jahre. Diese Alternative ist die Inflation der Hölle“. Kurt Kahl hielt „Himmelwärts“ vor allem dies zugute: „Das Stück erscheint vor allem deshalb bemerkenswert, weil es Horvaths Bemühen zeigt, zu neuen Themen und neuen Formen zu gelangen.“ Wie groß im Detail der Einfluss von Franz Theodor Csokor dabei war, mit dem Horvath eine immer engere Freundschaft verband, mag der üblichen Einfluss-Schnüffelei des sich Forschung dünkenden Treibens überlassen sein. „Die Gestalten sind insgesamt mit mehr Liebenswürdigkeit gezeichnet, als es in früheren Stücken Horvaths der Fall war. Luise ist ein vom Schicksal nicht geschlagenes, sondern vernachlässigtes Geschöpf.“ (Kahl) „Du bist der sogenannte typische Fall: zugut für die Höll, zu schlecht für den Himmel“ sagt Petrus.

Er sagt es zum Hilfsregisseur Lauterbach (welch ein Name!), der in unserem Verständnis ein Regie-Assistent ist und kein höheres Ziel kennt, als einmal selbst zu inszenieren, am liebsten Shakespeare und dessen „Der Widerspenstigen Zähmung“. Dieser Lauterbach hat den Aufenthalt in der Hölle wie einen gedehnten Intensiv-Kurs in positivem Denken erfahren: „Aber es war vorteilhaft für meine Entwicklung, dass ich das alles durchgemacht hab“. Ihn führt sein märchenhafter Weg zurück auf die Erde, er wird Kellner und lernt in dieser Eigenschaft Luise Steinthaler näher kennen und lieben. Denn Luise verliert im Augenblick, da der Teufel den Kontrakt zerreißt, mitten auf der Bühne und mitten in ihrer Arie die Stimme. Die einst nur den Erfolg wollte, will nun ihr kleines Glück und es gibt tatsächlich Menschen, die ihr dies missgönnen. Nicht im Stück, wohl aber unter denen, die über das Stück schrieben. Wie viel Arroganz lebt unter diesen Menschen, die ihr eigenes kleines Glück im Geschwätz vom großen finden! „Damit wird kritisches Potential verschenkt“, kreidete die 1945 geborene Johanna Bossinade Horvath an. Als ob es nicht schön ist, wenn jemand was zu verschenken hat. Und sei es kritisches Potential. Irgendjemand freut sich vielleicht darüber.


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