Tagebuch

17. August 2019

Die erste Trainerentlassung der neuen Bundesligasaison hat es noch nicht gegeben, obwohl Hertha in München einen Punkt holte. Im Bunge-Museum auf Gotland sieht man Bildsteine aus der Zeit von etwa 700 nach Chr., dazu alte Hofanlagen aus drei verschiedenen Jahrhunderten. Wir suchten und fanden Steinhügelgräber, viele Raukar in Kyllaj und natürlich auch wieder zwei Landkirchen: Hellvi, Lärbro. An der Kirche von Lärbro bekam gerade eine schwedische Nachrichteneinheit Freiluftunterricht erteilt. Ich fotografierte natürlich nicht, dafür aber einen 800 Jahre alten Stuhl in der Kirche. In Lärbro gibt es eine Grabstätte für KZ-Opfern, die man in Schweden nicht vermuten würde. Sie überlebten Bergen-Belsen oder Mauthausen und kamen zur Genesung mit dem Schiff ins Krankenhaus Lärbro, wo sie dann doch starben. Ohne das Foto hätte ich das nach nun zwanzig Jahren nicht mehr gewusst, die Steinsetzungen faszinieren wie damals, ich würde gern wieder hin.

16. August 2019

Was auch immer in Ilmenau und Umgebung zu Goethes 270. Geburtstag veranstaltet wird, eine Mattiné, wie meine ehemalige Heimatzeitung ankündigt, kann es nicht sein, denn eine solche gibt es gar nicht. Dafür Rechtschreibprogramme an Computern, die vermeintlich hie und da einmal ihren freien Tag haben. Wie es scheint. Vor 20 Jahren, am 16. August 1999, durchstreiften wir Visby, wo vor dem Konstmuseum, das exakt so heißt, diverse seltsame Exponate stehen, ein Tisch mit einem Stuhl dazu, von dem man eben so mit dem Kinn auf die Tischkante reichte. Das Wort Konst ist wie das Wort Worst eines meiner Lieblingswörter geworden, die Worst kenne ich freilich aus dem flämischen Sprachraum. Wo sie auch anders schmeckt. Ich besuche heute Gehren zur Vorbereitung des Klassentreffens in der kommenden Woche, vor meiner Rede werde ich zum Gedanken an all jene auffordern, die nicht mehr leben, es sind schon 16 Namen beisammen.

15. August 2019

„Wieviel Gesichter kann ein Mensch sich merken? Gibt es eine obere Grenze dafür? Und wird sie nur von Leuten wie Napoleon erreicht, die sich Menschen merken, damit sie für sie sterben?“ Der kleine Korse hat dem kleinen Elias Canetti, von dem die Frage stammt, sicherlich heftig imponiert. Auch dem etwas höher gewachsenen Goethe imponierte der Kaiser aller Franzosen, schon weil der dreist behauptet hatte, den „Werther“ schiere sieben Mal gelesen zu haben. Am 15. August 1769 erblickte Napoleone Buonaparte das Licht über Ajaccio. Am 18. Mai 2003 bestaunten wir den Sarkophag im Pariser Invalidendom, am 27. September 2018 sein feudales Verbannungsdomizil auf der Insel Elba. Friedrich Sieburg widmete seine Napoleon-Darstellung Gottfried Benn, ihr erster Abschnitt trägt die Überschrift: „Der klügste Mann der Welt“. Von der Menschheit schreibt Sieburg: „Indem sie den großen Mann rühmt, reicht sie sich selbst die Palme.“ Das ist eine mögliche Lesart.

14. August 2019

„Es ist ein anderes Lernen, wenn man lange gelebt hat. Die Dinge melden sich wieder, aber sie hatten viel Zeit, sie wandeln sich in Sprüngen von Jahrzehnten.“ Das steht in Elias Canettis „Aufzeichnungen 1992 – 1993“. Unmittelbar davor: „Einer beschließt, zum Abschied noch alle zu beleidigen, die ihm nahestanden. Am schwersten beleidigt er die, die er am längsten im Herzen trug.“ Am heutigen 25. Todestag des Nobelpreisträgers könnte es eine Versuchung sein, seinen schweren Beleidigungen nachzuforschen. Man kann aber auch die Finger davon lassen. Es reicht, wenn ein Konjunktur-Journalist die Aussage eines gehörnten Ehemannes ohne Anführungsstriche in eine Überschrift verwandelte: „Das Monster von Hampstead und seine Frau“, zu lesen einst im Oktober 2006 in den sonst so seriösen LITERATUREN. Wo Willi W., der Journalist, den Schreib-Voyeur für die gehobenen Stände spielte. KZ-Ärzte sind Monster, Kindermörder. Dem Boulevard.

13. August 2019

Am 13. August 1961 hatte ich Ferien, am 13. August 1999, einem Freitag, entdeckten wir eine Blindschleiche, die sich versteckte und hervorkam, zweimal gelang mir ein Schnappschuss. Pfand auf schwedische Bierbüchsen beeindruckte mich, der 50.000. Kilometer mit unserem Peugeot blieb dem Abreisetag gen Gotland vorbehalten. Johann Elias Schlegel hat heute 270. Todestag, was nach dem 300. Geburtstag am 17. Januar bedeutet: er ist gerade einmal 30 Jahre alt geworden. Das Buch aus dem Weimarer Arion Verlag in der Reihe „Textausgaben zur deutschen Klassik“, welches mein einziges von ihm ist, dafür 655 Seiten stark, bleibt provokant in Sichtweite, mehr geschieht mit ihm vorerst nicht. Es scheint beim Nachsuchen, als sei dieses Buch das einzige in der Reihe gewesen, was 1963 dies oder jenes bedeutete, von dem ich nichts weiß. Nach vier Jahren Grundschule kann jedes fünfte Kind in Deutschland nicht richtig lesen, lese ich. Es ist nicht schade um uns, denke ich.

12. August 2019

Der Montag erlaubt einen Blick auf die schwedischen Fotos von vor zwanzig Jahren. Da stehen die neuen Biersorten aus Ronneby, erst 14, dann noch einmal 11, da liegt der Sohn mit Jules Verne auf dem Bett, da arbeitet die Tochter als brave Studentin am Küchentisch. Vom Vortag sehe ich rote Seerosen und Wisente in Eriksberg, wir drehten zwei Runden, ehe wir sie sahen: wuchtige Tiere  im Schilf, die von uns keine Notiz nahmen. Ich durchforste meine Bestände im Archiv zu Elias Canetti, finde anhand der Bibliographie in Büchern und Zeitschriften mehr, als ich vermutet hätte. Im guten alten DDR-Buch „Österreich heute“ Aufzeichnungen aus dem Jahr 1971, fast Satz für Satz einfach nur begeisternd. Annemarie Auer hat keineswegs nur Christa Wolf gemobbt, sie schrieb auch zu Canetti und das sogar mehrfach und ausführlich. Noch der Feuilletonist Richard Christ (1931 – 2013) begann mit einem kokett selbstkritischen Blick seine Canetti-Lektüre anno 1982 im August.

11. August 2019

Abreisetag schon wieder, wir haben leichte Mühe, alles, was vorher in zwei Kofferräumen Platz fand, in einem Kofferraum zu verstauen, etwas muss auch auf den Rücksitz. Die Stunde Fahrtzeit bis Ilmenau ließe auch kompliziertere Transport-Lösungen zu, so aber geht alles wie im Logistik-Zentrum geplant. Der eigens aus Dresden gecharterte Transfer-Fahrer ist Verwandter ersten Grades, mehr erlaubt der Datenschutz nicht zu sagen, und er hat 1.45 Stunden von Dresden bis Ilmenau gebraucht, was man ein zügiges Fahrtempo nennen könnte. Wir brauchen in umgekehrter Richtung meist länger, was uns selten beunruhigt. Am Abend ist endlich die Krimi-Sommerpause zu Ende, es gibt Claudia Michelsen, die ich sehr mag, und Matthias Matschke, den ich nicht ganz so sehr mag, was mit seinem Vornamen nichts zu tun hat. Die Post enthielt zwei sehr dünne Bücher, einen nicht ganz dünnen Katalog und die üblichen Presseerzeugnisse, den Rest holte ich an der Tankstelle ab.

10. August 2019

Das Damenprogramm sieht heute einen Einkaufsbummel in Staffelstein vor, während wir der Lektüre frönen. Das Damenprogramm endet vorzeitig wegen einer seltsamen Anzeige im Cabrio-Display, die sich in einer Audi-Werkstatt in Bamberg klären soll. Dort erst ein Weiterverweis, dann ein Test, der sich „Auslesen“ nennt. Es folgt die vorübergehende Ausmusterung des muckenden Gefährts, Umstieg des betroffenen dynamischen Duos in unseren pannenfernen C-HR, der uns zum Schloss Seehof bringt, wo einst der Fürstbischof aus Bamberg seinen Sommersitz hatte. Auf dem Gelände könnte man heute Europa-Parlament und sämtliche Nebengebäude unterbringen und hätte immer noch genug Platz für schießbare Hirsche oder Skulpturen wie einst. Wenn der Bayerische Staat für so etwas Geld ausgibt, wollen wir dem Gott des Geldausgebens danken, dass er keine Blitze vom Himmel sandte und auch nicht die Verantwortung an den Landesrechnungshof abgab.

9. August 2019

Mehr als eine Stunde brauchen wir nicht bis Schwabthal, unser Hotel hat diesmal das Zimmer 71 für uns reserviert, für Uwe und Tina die Nummer 72. Wir können eine drehbare Wand zwischen unseren Balkonen in Betrieb nehmen und sitzen beisammen, als hätten wir einen gemeinsamen sehr langen Balkon, eine ähnliche Variante kennen wir aus Bad Rodach. Was wir gestern ruhig angehen ließen, steigern wir heute in der Obermain Therme. Der Fünf-Sterne-Premium-Aufguss, den wir im Verlauf des Tages zweimal nehmen, vermittelt wie immer den Eindruck, wir Deutschen seien doch kein so schlimmes Volk, wie bisweilen von uns gedacht wird. Wie wir da so fröhlich zu Musik der Spider Murphy Gang inmitten unserer Schweißtropfen sitzen, später zu spanischen Klängen, da sind wir doch kein Volk auf Abwegen. Im Dampfbad ätherische Öle aus Japan, am Abend alles auf die Zimmerrechnung. Heute sind auch die Weine aus dem Kühlschrank kalt genug, der Cremant zuvor.

8. August 2019

1999 der erste schwedische Sonntag, Erkundung der unmittelbaren Umgebung, ich fotografierte den Küchentisch, an dem wir frühstücken, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Doppelstockbett im Zimmer für die Kinder, die letztmals beide mit uns in den Urlaub reisten. Ich notierte: „Mein Tee schmeckt anders als in Norwegen sehr ordentlich.“ Was eine Frage des Wassers ist, natürlich. Das Bier im Supermarkt, das frei zugänglich ist, hat etwas mehr Alkohol als das vor vier Jahren in Simrishamn. Die Supermärkte hier sind auch am Sonntag offen, einer von 11 bis 17 Uhr, einer von 9 bis 20 Uhr. Bei uns würden Kirche, Gewerkschaften und Linke im Stechschritt nebeneinander kämpfen, um das auszuschließen. In Berlin bekämpfen die Roten Brigaden derzeit den so genannten „Späti“, damit dessen Umsätze alle konzerneigenen Tankstellen zufließen, die bekanntlich für Shell, Agip oder wen immer Not leiden und deshalb Bockwürste verkaufen müssen. Wir reisen heute schon wieder.

7. August 2019

Der letzte Satz im Tagebuch vom 7. August 1999 lautet: „Unser Anwesen liegt weitab von aller Zivilisation.“ Es war ein typisch rot-weißes Haus, für das in Deutschland keine Versicherung Schutz geboten hätte, es gab wohl einen Schlüssel der altertümlichsten Art, aber die Tür zum Haus hätte jeder ungelernte Einbrecher mit dem feuchten Daumennagel öffnen können. Die schwedische Provinz Blekinge nahm uns für eine Woche auf, ehe wir für zwei Wochen auf der Insel Gotland siedelten. Ich notierte mir Unterschiede zur 97er Anfahrt nach Kiel, in Rostock fanden wir den Hafen schneller, die Nachtfahrt überstand ich gut, nur eine knappe halbe Stunde nach 4 Uhr war anstrengend, die Überfahrt nach Trelleborg funktionierte problemlos, ans schwedische Tempolimit gewöhnte man sich. Unser Schiff hieß „Mecklenburg-Vorpommern“, unser Auto war ein Peugeot, unser Grundstück groß und mit einem extra Kaminhäuschen. Ringsum Wald mit Hasen und Rehen.

6. August 2019

Wiesengrund ist ein Name, bei dem ich zwanghaft an eine gastronomische Einrichtung denke, in der ich neuerdings relativ regelmäßig für sechs Euro so viel essen kann, wie ich will. So viel aber schaffe ich gar nicht mehr, nur Hin- und Rückweg zu Fuß sind gut für den Schrittzähler. Wenn ein lebender Theodor aber zusätzlich Wiesengrund heißt so wie ich Kurt nach meinem in russischer Gefangenschaft im Januar 1945 an Hunger und Auszehrung gestorbener Onkel, dann kann es nur der Adorno sein. Theodor W. Adorno, der heute vor 50 Jahren in der Schweiz starb, wo er Urlaub im feinen Zermatt machte, hat mich nie so bewegt, dass ich mich etwa für das Pseudonym Thea Dorn entschieden hätte, wie es Thea Dorn tat, die eigentlich Christiane Scherer heißt. Man kann Thea Dorn mögen, wie ich es herzlich tue, ohne gleich Adorno mitzumögen. Immerhin bin ich zu der Ansicht gelangt, dass der Top-Scorer der Frankfurter Schule hyperklug über Fernsehen schrieb.


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