Tagebuch

20. September 2026

Rettungshubschrauber am Morgen. Noch müssen nicht die Wahlverlierer auf die Kliniken verteilt werden. Es ist unsere Nachbarin, die stark unterkühlt aufgefunden wurde. Helle Aufregung im Haus, jeder weiß was, niemand Genaueres. Intensivstation auf alle Fälle. Besuch am Nachmittag zu Kaffee und Kuchen. Perlen des deutschsprachigen Nachrichten-Journalismus am Abend. Jessy Wellmer erkundigt sich beim Schweriner Wahlsieger, warum sein Ergebnis nicht so gut ist wie das seines Kollegen in Sachsen-Anhalt, ob er vielleicht der falsche Kandidat gewesen sei? Wir wissen aus vergleichender Demokratie-Geschichte, dass Wahlsieger wahlweise die falschen Kandidaten sind. Dafür leiten inzwischen Jung-Bürgerinnen aus einem Ergebnis von 25,5 Prozent einen klaren Regierungsauftrag ab und alle fragen sich vor allem, warum sich der Kanzler schon 18 Uhr meldete, nicht wie üblich der Generalsekretär. Er kennt sich eben einfach nicht aus, dieser Noch-Kanzler.

19. September 2026

Du sollst keine Suche beginnen, deren Ende du nicht absehen kannst, dies ist das vierzehnte Gebot für Besitzer überfüllter Arbeitszimmer. Ich habe die Suche dennoch begonnen bis nahe an den Kreislauf-Zusammenbruch. Das Buch, nach dem ich fahndete, lag übrigens an einer Stelle, wo es hin gehörte, wenn es nicht dort lag, wo es früher immer lag quer auf anderen. Meine Anthologien mit DDR-Autoren sind nun streng chronologisch aufgestellt, selbst vordem verstreute Lyrik hat jetzt Reihenfolge. Immer neu beim Blättern Überraschungen: die hat einst auch Gedichte geschrieben, der rühmte einst den Genossen Wilhelm Pieck? Vorzeitig beende ich für diesen Monat die 10.000- Schritte-Reihe. Die AOK teilt mir dann zeitnahe mit, ich könne mich jetzt ausruhen. Am Abend bleiben Reststapel, die auf Sonntag warten. Julius Bab über Thomas Paine gelesen. Sein Buch über Friedrich Kayßler wartet in Griffweite. Ebenso sein „Leben und Tod des deutschen Judentums“.

18. September 2026

Unsere elfte Schweizreise führte uns am 16. September 2006 in die Region Goms im Kanton Wallis. Hinter Altdorf hatten wir eine falsche Spur erwischt und mussten unfreiwillig durch den endlos langen Seelisbergtunnel, am Ende 30 Kilometer mehr. Am 18. September der Ausflug nach Brig, wir wunderten uns damals noch, welche auch kleinen Summen in welchen auch kleinen Geschäften man mit Karte zahlen konnte. Heute erregt es unseren heftigen Unmut, wenn es heißt irgendwo: Keine Kartenzahlung möglich. Das gestern begonnene Lehrstück „Die Feststellung“ zu Ende gelesen. Immer noch der Jahrgang 1926. Ich sammle schon mögliche Schreibanlässe für 2027. Nach langer Pause erstmals wieder unsere große Teichrunde über die Nelson-Mandela-Brücke. Alle Bänke leer heute, weniger Wasser in den Teichen, aber immer noch genug. Überall Spuren der Sturmschäden an etlichen Bäumen, Stapel von Stämmen und Ästen, teils wohl Totholz-Deponien.

17. September 2026

Erstmals in der Weltgeschichte seit Hammurabi (Babylon) hat ein neuer Bundestrainer gleich zwei Nationalmannschaften auf einen Streich berufen. Da tritt der neue Großskandal in der Ukrainer glatt in den Hintergrund der Aufmerksamkeit. Außerdem ist Korruption dort ja nun wirklich nichts Neues, das Thema ist durch, die Moderatoren-Karteikarte kann nach unten gelegt werden. Kürzlich sah ich eine Sendung, in der es um den Jemen ging, einst hatte ich in Berlin einen Kommilitonen von dort, der gern seltsame Blätter kaute. Ich sah, wie saudischen Bomber Angriffe flogen und hörte die Sprecherstimme sagen, dass es nichts nützte. Es gab also schon einmal Menschen, die wussten, dass Bomben nicht helfen, nur zerstören. Nicht einmal die Deutschen erhoben sich gegen Hitler, als die Royal Airforce versuchte, die Wohngebiete in Schutt und Asche zu legen. Es gelang Briten nebst Amerikanern großenteils perfekt, dennoch musste Berlin erobert werden. Nur lernt niemand daraus.

16. September 2026

Wikipedia kennt den genauen Geburtstag nicht, der Sächsische Literaturrat kennt ihn: heute wird Reiner Tetzner 90 Jahre alt. Seine Frau Gerti Tetzner folgt ihm im November, um sie gibt es einen Hype, der vor allem ihrem Roman „Karen W.“ gilt. Der Medienbetrieb hat in gewissen Abständen das unabweisliche Bedürfnis, sich einzugestehen, dass es doch bisweilen Literatur gab in  der DDR. Der Roman hat 52 Jahre auf dem Buckel, bemerkt wurde er erst nach der Neu-Edition 2025. Ich hatte heute ein Buch in der Post von 2015, das mich überraschenderweise im Personenregister und im Text führte. Nie hätte ich davon erfahren, nun weiß ich es. Leider stimmt nicht, was dort über mich steht, aber das ist das Leben. Ich selbst stimme ja bisweilen nicht. Das Buch heißt „Gesperrte Ablage“ und behandelt die „unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945 bis 1989“. Wenn schon, dann will ich in der DDR unterdrückt gewesen sein. War ich aber gar nicht so richtig.

15. September 2026

Unser Lieblings-Exverleger feiert heute seinen 72. Geburtstag. Frühe Gratulation mit Foto vom Radebeuler Weinberg. Das Wasser sollte ab 7 Uhr nur noch kalt sein, war aber auch kurz nach 8 Uhr noch warm. Nichts wird so kalt gegessen, wie es gekocht wurde. Am Sonntag hätte ich an Sherwood Anderson denken können (150. Geburtstag), gestern an Michel Butor (100. Geburtstag). Über Anderson schrieb ich vor Jahren, über Butor nie. Der Sorbe Jurij Koch erlebt seinen runden Geburtstag heute, es ist der 90., auch über ihn schrieb ich einst, als mich die Diktatur noch beutelte. Mein Antiviren-Programm schützt mich vor dem Besuch der Koch-Seite. Aber natürlich ist nicht Koch es, vor dem ich beschützt werden muss, sondern seine Website, die irgendwelche Kriterien nicht erfüllt. Heute ist der Internationale Tag der Demokratie und einige Länder Mittelamerikas feiern ihre Unabhängigkeit von Spanien. Ich wäre lieber von Trump unabhängig als von Spanien.

14. September 2026

Tagesschau-Lehrstunde am Abend: aus einer Journalistenfrage in Finnland die Folgerung, dass sich der Druck auf Kanzler Merz erhöht. Will nur sagen: Wir ARD-Journalisten erhöhen den Druck auf Kanzler Merz. Während das ZDF im zweiten Wort der Nachricht die Spionin deutsch-ukrainisch nennt, hat die ARD Mühe, diese Information ganz am Ende unauffällig unterzubringen. Es darf nicht sein, dass Ukraine oder ukrainisch in negativen Zusammenhängen erscheint. Wir waren vor 13.30 Uhr wieder in Ilmenau. Kein Postberg. Der Wein bei den Nachbarn zu holen. Nette Sorten. Der Kalender verrät, dass wir vor fünf Jahren das Schiff von Genua nach Sizilien bestiegen. Vorher Genua-Erkundung. Was hatte man uns Jahre zuvor für Unsinn über Genua erzählt. Seither sind wir Werbebotschafter für diese Hafenstadt, die ihre Morandi-Brücke schneller wieder aufbaute als bei uns die Planungsunterlagen aus dem Keller geholt werden. Noch mehr Druck auf Kanzler Merz!

13. September 2026

Tag des offenen Denkmals in Dresden. Zu Hause verpassen wir ihn in den letzten Jahren meist, weil wir außer Landes sind. Heute Friedhöfe. Erst Tolkewitz mit Ehrung für den in Dresden geborenen Heinz Knobloch. Der Berliner Freundeskreis, der auf seiner Knobloch-Seite einigen meiner Texte zusätzliche Verbreitung verschafft (Aufrufe inzwischen im fünfstelligen Bereich), hat alles bestens vorbereitet. Die Akustik in der Feierhalle ist gewöhnungsbedürftig. Am Grab weitere Details. Wir suchten und fanden König Kurt und später den Eliasfriedhof, wo wir mit dem Staunen kaum fertig wurden: Was für ein Schatz. Die Eliasmarmelade aus Mirabellen, die auf dem Friedhof wuchsen. Und ein Buch über alle Schriftsteller, die mehr oder minder lange in Dresden waren in den letzten sechshundert Jahren. Nach Caspar David Friedrich eine Besenwirtschaft in Radebeul, wo wir nach vielen Treppen sechs Weine verkosteten, dabei einen Schwarzriesling als Blanc de Noir ausgebaut. 

12. September 2026

Heute reisen wir zum Kurzbesuch nach Dresden. Wir gedenken dort nicht des 150. Todestages von Anastasius Grün, der eigentlich Graf Anton Alexander von Auersberg hieß, Politiker war und Lyriker. Dergleichen kommt eher selten vor. Wir hatten in Thüringen zuletzt einen SPD-Lyriker, den alle liebten, die sich von ihm Lotto-Mittel erhofften oder ähnliche Wohltaten. Man soll weder über den Geliebten noch über die Liebenden sein Stäbchen brechen. Selensky, unser aller illegitimer Lieblingspräsident, hat ein (Triggerwarnung) objektives Interesse an der Fortsetzung des Krieges gegen sein Land, weil er andernfalls sich Wahlen stellen müsste, die er höchstselbst wegen des Kriegsrechts für unmöglich erklärt hat. „Liebesgedichte“ heißt sehr schlicht ein Band aus dem Jahr 1962, in dem letztmals Biermann-Verse abgedruckt waren innerhalb der DDR. Am 15. November will der Sangesbarde 90 Jahre alt werden. Trau keinem über 89, lässt sich da frohen Mutes sagen.

11. September 2026

Kleine Zwischenfreuden: Die Google-Suche „Christa Reinig 100“ hat mich auf dem dritten Platz. Kleiner Ärger: Das Amtsblatt des Ilm-Kreises wird so spät ausgeliefert, dass die Hälfte der angekündigten Termine vorbei ist. Zum Ausgleich gibt es mit einem Monat Verspätung den Nachruf auf Helmut Hüttner, den Arnstädter Alt-Bürgermeister. Er gehörte zum Jahrgang 1940, der in der DDR-Literatur mein spezieller Forschungsgegenstand war bis Ende 1989. Unvergessen mein erster Besuch in seinem dunklen Amtszimmer im Rathaus Arnstadt. Ich wurde ihm von einem Kollegen als der neue Journalist aus Ilmenau vorgestellt. Er war nie der Mann zum Duzen, anders als der Alt-Bürgermeister von Ilmenau, dessen Mann für die Kultur in Ilmenau ich wahrscheinlich auch dann nicht geworden wäre, wenn meine Stimmenzahl gereicht hätte. Kultur gehört im Zweifel zu den Dingen, die die CDU an Koalitionspartner oder andere Abstimm-Partner abgibt. Kein Trauergrund.

10. September 2026

Gestern ein furchteinflößender Brief der Genossenschaft an alle Mieter der Hausnummern 2 – 5. Es ist eine so genannte energetische Sanierung vorgesehen. Wir werden am 26. September erfahren, was genau geplant ist. Absehbar ist vor allem für mein Arbeitszimmer reiner und absoluter Horror, der Rest der Wohnung wird wohl schwer bis mittelschwer in Mitleidenschaft gezogen werden. Zur Vertreter-Versammlung war davon noch kein Wort zu hören. Mein neuer Zugang zum Munzinger-Archiv funktioniert. Das ist mehr als hilfreich, wenn es um Sekundärliteratur geht, aber natürlich haben auch die Essays fast immer eigenen Wert. Leider gibt es den Artikelservice nicht mehr, den ich früher bisweilen nutzte.Vielleicht wäre die Nutzungsgebühr inzwischen so hoch, dass niemand mehr danach fragen würde. Während der grüne Wunsch nach 5 Mark pro Liter Benzin sich erfüllte, still, ohne grünen Jubel, ohne dass irgendwelche Abgeordneten an Zapfsäulen laut weinen würden.

9. September 2026

Noch zweimal schlafen, dann dürfen wir alle uns fragen, wo wir waren, als. Ich war in meiner Redaktion, wartete auf die Anzeigenbelegung per Fax. Fragte nach und wurde angeplärrt vom Chef vom Dienst: Ihr wisst wohl gar nicht, was los ist? Nein, wussten wir nicht, weil wir arbeiteten und nicht auf den Redaktionsfernseher starrten, den wir gar nicht hatten. Heute vor 80 Jahren starb Mynona, der eigentlich Salomo Friedländer hieß und allerlei schöne Sachen geschrieben hatte zuvor. Gesammelt in Büchern mit solchen Titeln: „Das Nachthemd am Wegweiser“, „Der verliebte Leichnam“ oder „Rosa die schöne Schutzmannsfrau“. Soweit mein eigener Bestand. In der DDR war Helga Bemmann für ihn zuständig, wir sollten froh sein, dass wir sie hatten. Unsere Freunde aus der Interpretierwirtschaft tun sich schwer mit dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt, ein ehemaliger Sowjetbürger erzählte gar, in Erfurt wolle die AfD ein KZ auf dem Flugplatz errichten. Warnend.


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