Heinz Knobloch: Der Neubäck

Vielleicht wäre es von Seiten des Verlages ein Spaß am Rande gewesen, sein Porträt-Buch zum 25. Jahrestag der DDR mit Arbeiten von 25 Autoren zu füllen. Vielleicht sind ja sogar genau so viele angeschrieben worden um Mitarbeit, alle sagten zu, drei wurden nicht fertig, oder drei sagten ab oder zwei sagten ab und einer wurde nicht fertig. Das Leben ist vielfältig, sonst wäre es nicht das Leben. Hier also hat sich Heinz Knobloch für den Bäcker Werner Ansorg aus dem Thüringer Zella-Mehlis entschieden. Er hat sein Porträt „Der Neubäck“ genannt, weil die Familien-Bäckerei, als sie ankam, schon die vierte im Ort war. Wer auf der Suche nach einem liebevollen Porträt ist, wird hier fündig. Viel mehr liebevoll wäre aufgetragen gewesen und das wollte Knobloch sichtlich nicht. Er musste sein Porträt mit einer Widmung versehen, die er sicher liebend gern unterlassen hätte: Für Gerda Ansorg (1925 – 1973). Sie hat nicht einmal ihren fünfzigsten Geburtstag erlebt, im Porträt ist von ihr kaum die Rede. 22 Autoren, davon nur vier Frauen, eine davon Margot Pfannstiel, haben Porträts verfasst, zwei der drei Herausgeber, nämlich Manfred Jendryschik und Klaus Walther, steuerten eigene Arbeiten bei, Sylvia Albrecht, die dritte im Bunde, hat nur herausgegeben. Margot Pfannstiel (18. Juni 1926 – 10. Oktober 1993) ist hier genannt, weil sie zu den Mitbegründern der „Wochenpost“ gehörte 1953 und weil gut drei Monate nach Knoblochs ihr 100. Geburtstag ist.

Fünf Jahre später ist „Der Neubäck“ auch in einem eigenen Buch von Heinz Knobloch gelandet. Es war die zweite der drei von Helga Thron veranstalteten Sammlungen in der bb-Reihe des Aufbau-Verlags Berlin und Weimar (für Interessenten: die Nummern bb 244; 415 und 588), der Titel „Nachträgliche Leckerbissen“. Die Herausgeberin griff jeweils auf bis dahin schon vorliegende Bücher Heinz Knoblochs zurück und gab ihm die Möglichkeit, einige bisher noch in kein eigenes Buch aufgenommene Feuilletons hinzuzutun. Das erhöhte natürlich den Kaufanreiz für alle ausdauernden Knobloch-Freunde, von denen es, man darf ausnahmsweise die Floskel „bekanntlich“ einsetzen, schon früh eine erkleckliche Menge gab. Sechs Novitäten dieser Art gerieten unter die Leckerbissen, „Der Neubäck“ dabei die mit Abstand längste im Büchlein. Zu vermuten ist, dass der Porträtist Knobloch den ihm bereits gut bekannten und sympathischen Werner Ansorg eigens noch einmal aufsuchte, um Stoff für sein Porträt anzureichern. In der bb-Ausgabe ist der Text mit der Angabe „November 1973“ versehen, das dürfte die Entstehungszeit der Niederschrift meinen. Thüringen, das für alle, die es nach Überblicken verlangt, war für Heinz Knobloch eine gern besuchte Gegend. Er war in Erfurt und Heiligenstadt, in Schmalkalden, in Weimar, Oßmannstedt und Bad Langensalza. Sah sich überall um, mal kurz, mal länger, mal zum zweiten Rundgang.

Und schrieb natürlich anschließend darüber. Bisweilen waren Einladungen zu Lesungen der Anlass, für den offenbar begabten Vorleser (und Erzähler) gab es nicht wenige solcher Einladungen im Lauf seines DDR-Lebens und auch danach. Für „Der Neubäck“ fand er einen hübschen Einstieg: „Ich bin voreingenommen, ich sage es gleich, denn ich esse gern Brot.“ Recht ähnlich hat er im Jahr des Nachdrucks noch einmal angefangen: „Die Wahrheit: ich esse gern Fisch.“ Das ist nachzulesen in „Hecht, Zander, Barsch ...“, auch als „Sibylles Angelhaken“ tituliert im Verlag für die Frau, Leipzig 1979. Voreingenommenheiten zuzugestehen ist selten der Frühsport erfolgreicher Schriftsteller, die für die Öffentlichkeit am liebsten unvoreingenommen an alles herangehen, schonungslos alles aufdecken, was unter den Decken versteckt oder unterm Teppich breitgetreten wird. Hier also legt einer das Geständnis ab, gern Brot zu essen und Fisch auch. Beim Fisch räumt er ein, ihn nicht gern zu angeln. Beim Brot hätte sich eine ähnliche Erklärung seltsam angehört: er backe nicht gern Brot. In Landstrichen, wo Brot als Grundnahrungsmittel gilt, sollte man (Allergiker weghören) es wenigstens nicht mit Grausen in den Mund nehmen. Bei Knobloch geht es aber sofort so weiter: „Brot spricht viele Sprachen und wenn ich als Kind Brot nicht aufgegessen hatte, bekam ich zu hören, dass ich eines Tages noch daran denken würde. Das ist eingetroffen.“ Neugier geweckt.

Ich bin übrigens auch voreingenommen: der Bruder meines Vaters, Onkel Werner, Vornamensvetter des „Neubäcks“ aus Zella-Mehlis, war Bäcker in Mühlberg, in Schwabhausen und zuletzt in Finsterbergen. Er bekam Urkunden für sein Brot. Und mein Urgroßvater Hilmar fuhr, als Werner noch in Mühlberg am Backofen stand, immer mit dem Pferdewagen nach Röhrensee, damit die dort auch täglich Frisches vom Bäcker Ullrich essen konnten. Mein Urgroßvater Hilmar starb 1945 im damals abenteuerlichen Alter von 80 Jahren. Mein Onkel Werner starb in Finsterbergen vor seinem Backofen, als er nur wegen einer Herzattacke nicht das Brot im Ofen verbrennen lassen wollte. Das Gebäck zu meiner Jugendweihe 1967 war von ihm. Ich habe also ein Bild von Werner Ansorg, ohne ihn je gesehen zu haben und wenn, dann unbewusst. Nicht ausgeschlossen, dass er mir dort über den Weg lief oder ich ihm: In Zella-Mehlis hatte ich sehr nette Zeitungskolleginnen, in Zella-Mehlis tagte die Kommission zur Aufklärung von Stasi-Verwicklungen in meiner Firma. Ich gehörte ihr an. Heinz Knobloch aber hebt damit an, sich erst einmal über „die literarischen Gelehrten“ lustig zu machen, die angeblich „sieben Grundarten der Beschreibung“ gefunden hatten. Werner Ansorg, so die kursiv gedruckte Wendung von der Totale zur Einzelheit, ist 1920 geboren. Und schon wird es knifflig, denn Knobloch war zu Lesungen im Landkreis Suhl unterwegs, passierte Zella-Mehlis.

Ich bin schon wieder voreingenommen: Zu DDR-Zeiten gab es die Stadt Suhl und es gab den Kreis Suhl Land. Juristische „Landkreise“ waren Nachwende-Produkte. Die Kreisstadt von Suhl Land wurde Zella-Mehlis, weil Suhl natürlich nicht gleichzeitig kreisfrei und Kreisstadt sein konnte. Ähnlich erging es einen Bezirk weiter Weimar, da wurde Apolda zur Kreisstadt von Weimar Land, weil Weimar eben kreisfrei war. Mein Chefredakteur zu Anfang der neunziger Jahre rechnete es zu seiner privaten Pressefreiheit, Ilmkreis statt korrekt „Ilm-Kreis“ zu schreiben, er ließ sogar meine Korrekturen korrigieren, um mir zu zeigen: Ich bin der Chef. Er war es, genützt hat es ihm nichts. Also Heinz Knobloch war zu Lesungen unterwegs und entdeckte ein Mehliser Gebäck namens Schütz: „Die einzigen Menschen, die solche Schütz essen können, sind die Zella-Mehliser, denn nur dort werden noch Schütz gebacken.“ Ich kenne Menschen, die essen ganz allein auf dieser Welt Babshüllerli, wenige Kilometer von Zella nebst Mehlis entfernt und kein Feuilletonist hat je sein tiefes Bedauern darüber in die „Wochenpost“ getragen, dass man in Berlin auf sie verzichten muss. Hätte sich die Berliner Bako-Schrippe einst nach Thüringen fortgepflanzt, wäre ich wohl umgehend auf Knäckebrot umgestiegen. Noch ehe Knobloch aber ans Backen seines Bäckers geht, lässt er ihn in Sachen Nationales Aufbauwerk zu Wort kommen: 25 Jahre DDR sollten schließlich hochleben.

Jüngere können sich das kaum noch vorstellen, schon gar nicht Menschen, denen Marshall-Plan und Rosinenbomber Glück und Freiheit vor die Füße warfen: das kleine Ländchen nebenan, das sogar eine Nationalhymne singen ließ für ein paar Jahre, die mit „Auferstanden aus Ruinen“ begann, das installierte eben dieses Nationale Aufbauwerk, Kürzel NAW, an dem man sich beteiligen durfte unter mildem Zwang der Freiwilligkeit in ihrer Form als Einsicht in die Notwendigkeit. Man leistete Stunden, NAW-Stunden, in aller Regel in einfachster Handarbeit, mit Spaten und Schaufel, so wie man in der vorbildlichen Sowjetunion ganze Wolga-Don-Kanäle oder ähnliche Großbauten von Hand in die Welt setzte. Werner Ansorg spricht bei Knobloch von 27 Großeinsätzen, von 1750 Zentnern Material, die getragen wurden. „Bis zum 1. Januar 1968 waren es 23.000 Aufbaustunden im Wert von 80.000 Mark.“ Keine 3,50 Mark für eine Stunde! Das sagten allerdings so weder der Bäcker noch der Journalist. Aber: „In der Bibliothek von Zella-Mehlis las ich meine Feuilletons vor, und in der ersten Reihe, in die sich nicht immer jemand setzt, saß ein Ehepaar und freute sich sichtlich über manchen Satz und Nebensatz.“ Auch wenn wir natürlich ahnen, wer das Ehepaar war, verrät er es sicherheitshalber noch: „Der Leser weiß, es sind Werner und Gerda Ansorg“, er fand die beiden „belesen und zutraulich“. „Dann luden sie mich für den nächsten Abend zu sich ein.“

Es gibt sicher auch heute keine Statistiken, wie oft dergleichen vorkommt, Heinz Knobloch hatte dabei jedenfalls ein gutes Gefühl: „Das ist eine große Sache. Da kann einer dutzendfach und jedes Jahr verreisen, nach Thüringen oder anderswohin in denselben Ort, und er wird nur das Ferienheim kennen, das Hotel, die Gaststätten und Kulturräume. Da kann er regelmäßig und jeden Sommer dort gewesen sein, er kennt kaum etwas, wenn er keinen Zutritt gewinnt in das tägliche Leben hinter den Türen.“ Dafür wurden später die Ferien auf dem Bauernhof erfunden, da darf der Gast sogar selbst zusammen geschaufelten Mist auf eine Schubkarre laden und ihn dann mit Schwung auf den Haufen kippen, der in irgendeiner Ecke vor sich hin stinkt. „Ein altes Haus. Noch älter in seinem Urgrund. Von 1664 das Kellergewölbe. Ein Haus mit Backstube, Laden und Wohnung. Die Toilette über eine offene Veranda zu erreichen, „Fränkische Laube“ hieße das, sagt Ansorg.“ Die Gastgeber schockieren ihren Gast mit einer Frage und der sonst immer fragende Gast hält es, als er darüber im November 1973 schreibt, keineswegs für nötig, für Aufklärung zu sorgen. Die Frage war: „Sie kennen Dokschitzer nicht?“ Ich gestehe sofort: ich auch nicht, nie gehört. Und Knobloch lässt den Namen weitere zweimal fallen, ohne einen Vornamen zu nennen oder gar Informationen dazu. Also: es ging um Timofei Alexandrowitsch Dokschitzer (13. 12. 1921 – 16. 03. 2005), einen Trompeter.

Den mochten Gerda und Werner Ansorg sehr und dann mochte ihn Heinz Knobloch auch. In seinem Erzählen, so verrät er zeitig, bevorzugt er die „chaotische“ Art der Beschreibung. So inszeniert er sich als aufmüpfig: Wie ich etwas beschreibe, ist meine Sache und meine Sache nenne ich, weil es ein wenig provokant klingen soll, chaotisch. Wollte man seine Art tatsächlich chaotisch nennen, weil er abschweift, springt, vergisst, auslässt, wäre selbst da noch eine besondere Definition von chaotisch nötig. Denn Chaos als Gegensatz zu Ordnung verstanden, gibt es bei ihm nicht, Ordnung ist immer da bei ihm, seine sehr eigene Ordnung freilich. Die ihn bisweilen auch hindert, eigene Fragen zu stellen. Wie, hätte eine lauten müssen, bewältigt Neubäck Ansorg rein zeitlich all das, wenn er in seiner Backstube keinen Gehilfen hat, alles allein macht. Knobloch erfährt von ihm den Tageslauf eines Bäckers, ich kann mich erinnern, dass mein Bäcker Werner seinen so schilderte, dass er das Abendprogramm im Fernsehen nie sah, nicht wusste, was da gezeigt wurde, nicht mitreden konnte über das, was alle anderen gesehen hatten. Wiederholungen für Schichtarbeiter, die es damals noch gab, konnte er ebenfalls nicht sehen, weil nach Brot und Brötchen eben das Gebäck an die Reihe kam, der Kuchen, die Plätzchen. Ansorg aber leitete das Heimatmuseum, war im Vorstand des Kulturbundes, des aktiven, wie Knobloch ausdrücklich hervorhebt. Alles kostet Zeit.

Und macht dann sogar, Wunder über Wunder dem Außenstehenden, aus eigenem Antrieb (oder in geheimer Mission?) während der Weltfestspiele in Berlin den Agitator aus dem Volk. „Begreift ihr“, fragt Knobloch, „warum er diesen Sommer nach Berlin musste, als dort Weltfestspiele waren?“ Und kennt offenbar auch Details seines dortigen Auftretens: „Und mit einer so tiefen philosophischen Einsicht. Mit einer solchen Parteilichkeit für die Sache des Menschen, wie unser Staat sie von seinen Gesellschaftswissenschaftlern erwartet, aber nicht von den Bäckermeistern.“ Einer „von jenseits der Elbe“ fragt Ansorg „mit Bonner Tonfall böse“: „Wer sind Sie denn wirklich?“ Ich kann mich noch sehr gut an unsere gängige Abkürzung von damals erinnern: BBU, die Bösen Bonner Ultras. Denen warf unser Staat also Bäckermeister entgegen, in diesem Falle einen, der sich laut bekennt, Mitglied der CDU zu sein. Knobloch lässt dieses Kätzchen erst nach zwölf von sechzehn Seiten Porträt aus dem Säcklein. Werner Ansorg ist bei Licht besehen ein Wundertier. Liebt einen russischen Trompeter, zitiert Kästner und Mittelhochdeutsch. „Und schon spricht er von Diderots Enzyklopädie wie andere von der Oberliga.“ Ansorg steht 3.30 Uhr auf, schläft nach dem Mittagessen eine Stunde. Nach Obst- und Sandkuchen vor dem Essen folgen nach der Mittagspause Teegebäck, Blätterteig, Torten und vor dem Abendessen noch der Sauerteig für den nächsten Tag.

Dann tatsächlich der Satz: „Er hat keinen Gehilfen oder Lehrling.“ Wann also macht er alles, was er macht im Ehrenamt, wie das heute hieße? Oder ist gar Gattin Gerda Gehilfe, Verkäuferin und Lehrling in einem, nicht eigens der Erwähnung wert? „Was bedeutet Karneval beim Bäcker? 8000 Pfannkuchen.“ Abermals bin ich voreingenommen: Einer der ersten Aufträge während meines ersten Ferieneinsatzes als künftiger Journalist (1968) führte mich nicht zu privaten Bäckern, wohl aber zu den beiden Ilmenauer Großbäckereien (HO und Konsum, das für alle, die nicht dabei waren) mit just dieser Frage: Wie viele Pfannkuchen wurden zu Fasching gebacken? Karneval gab es nicht bei uns. Der Aushilfsvolontär Ullrich verließ mit Zahlen im Block und einer großen Tüte voller Pfannkuchen den Ort seiner Recherchen. Den hauptamtlichen Redakteuren schmeckte es wie mir auch. „Begreift ihr, warum ich diesen Bäcker mag, der sich keinen Swimmingpol gebaut hat hinterm Haus für sein Geld, sondern am Schwimmbad der Stadt mitgearbeitet?“ Ansorgs Türklinke ähnelt der an Goethes Haus. Knobloch war Beobachter und merkte sich, was er gesehen hatte. Und zu allem, das Sahnehäubchen auf den Sahnehäubchen, besitzt Werner Ansorg ein Buch aus dem Jahr 1705, aus dem sich der Feuilletonist bedienen darf: „Und ich kann Zitate herausschreiben, die noch manches Feuilleton würzen werden.“ Die zu entdecken, müsste man sie leider vorher kennen.

Knobloch hat immer auch Vorschläge, die zu realisieren andere aktiv werden müssten: „... wenn es gelingt, Dresdner Stollen vorweihnachtlich zu verlöten, warum dann nicht auch das seltene, das einmalige Brot?“. Es gelänge natürlich leicht, aber selbst ein erzsozialistischer Betriebswirtschaftler hätte sich nach der Nachfrage zu erkundigen gehabt. Ein völlig unbekanntes Brot einlöten und dann hoffen, dass es schon so viele Menschen zu einem sicher deutlich teureren Preis als das heftig gestützte Normalbrot der DDR (1,04 Mark das Vierpfundbrot!) kaufen werden, den Aufwand an Technik und Material wenigstens auszugleichen, das wäre Hochrisiko-Einsatz, der in Planwirtschaft passt wie ein Sechs-Zylinder-Motor in einen Trabant 500. Aber Knobloch hat ja auch all die Themen nie bearbeitet, die er anderen als höchst interessant immer wieder einmal ans Herz legte. „Ich gehöre zu der Generation, die es nicht sehen kann, wenn Brot weggeworfen wird.“ Zu der bekannte sich auch Bäcker Werner Ansorg. Dennoch landeten in der DDR Tonnen an Brot in den Futtertrögen der privat gemästeten Schlachtschweine, weil das Brot eben so lächerlich billig war. Auch das durfte man als Wegwerfen deuten. Knobloch dachte im November 1973 auch schon an den 50. Geburtstag der DDR. Bis dahin sollte „die Brotkunst als solche begriffen, gesetzlich geschützt und maßgeblich gepflegt“ worden sein. Als ein Stück Weltgeschichte, Volkskunst, Erbe.

Auch einen Massenbedarf an Tonformen für Lebkuchen, den musealen Holzformen, Modeln, nachempfunden, kann sich der Porträtist vorstellen, die im Heimatmuseum als Mitbringsel zu verkaufen wären. Auch hier müsste natürlich irgendwer in Vorleistung gehen. Das wäre dann wieder an andere delegiert, die über Geld und „materielle Deckung“ (so hieß das in der DDR) verfügten. „Das Heimatmuseum hat mit einer geschenkten Kuhglocke begonnen. Zwar hatte es schon vor dem ersten Weltkrieg hier eine wertvolle Waffensammlung gegeben, sie wurde aber am Ende des zweiten Weltkrieges von den Amerikanern mitgenommen.“ Wäre die Rote Armee 1945 zuerst in Thüringen und damit auch Zella-Mehlis gewesen, hätte sie die Sammlung wohl nicht angefasst? Knobloch referiert ein wenig Heimatgeschichte anhand des Museums: „An jedem Satz hängt eine neue Geschichte. Jede eine Abschweifung wert ...“. Auch die Schneekopfkugeln (meine Eltern besaßen eine). Knobloch: „... ich werde nie ein Mineralienkenner werden, aber solch ein Stein ist schön, ob roh oder geschliffen.“ Und man konnte ihn im Museum kaufen! „Aus Venedig sogar kamen die Schatzsucher in den Thüringer Wald.“ Suchten sie nach Schneekopfkugeln? Oder wonach sonst? Knobloch hörte Werner Ansorg eine Schalmei blasen: „Das sind im geschlossenen Raum schreckliche, aber gut geschmetterte Töne“. Damit verständigten sich einst die Hirten.

Der erste Hausbesuch bei Werner und Gerda Ansorg endete tief in der Nacht, der Wein aus dem Keller hatte Knobloch nicht wankend gemacht: „... ich ging leichtfüßig durch die Nacht. Glücklich und reich beschenkt. Ich merke jetzt, ich hätte schon längst über alles schreiben sollen, diesen ersten Abend mit seinen empfindbaren Überraschungen festhalten müssen, doch es gibt, wie ich erst in den letzten Monaten festgestellt habe, bei mir zwei Stufen der Begeisterung. Entweder so, dass ich sage: Merk dir das, registriere, notiere, das musst du schreiben. Oder aber es ist so überwältigend, dass kein Platz ist für diesen Gedanken.“ Da können wir uns also alle gratulieren, die Fans und die, die es vielleicht werden wollen, dass die DDR ihren 25. Geburtstag bei leidlicher Gesundheit erlebte. Vermutlich wäre sonst die zweite Stufe der Begeisterung nicht in die Schreibphase zurück geschlagen. Und wir würden Werner Ansorg womöglich nur in den Archiven der lokalen Presse, um hier alle Werbung zu vermeiden, finden. Jenseits der ehemaligen Grenze ist er noch aufgetreten als Folklore-Darsteller, als man dort nicht mehr Rentner sein musste, um hin zu dürfen. Es gibt bei Knobloch auch einen Friedrich Schlütter, Werkzeugmacher, den ich nicht kenne. Ich kannte aber sehr gut eine Karin gleichen Namens, mit der ich anno 1973 meine erste Reportage-Tour durch Ferienlager des Kreises Ilmenau unternahm, es wurde daraus mehr als eine halbe Zeitungsseite.


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