Zum 200. Todestag Wilhelm Heinses 2003
Fußballvergleiche soll man in Kreisen von der höheren Schriftkunst Verpflichteten vielleicht doch nicht bemühen. Obwohl man ihnen bisweilen durchaus etwas entnehmen kann.
LANGEWIESEN – Dem Nicht-Fachmann jedenfalls blieb die von Festredner Dr. Gert Theile aufgeworfene und Antworten suchend umkreiste Frage nach dem Grund, warum Wilhelm Heinse, eben noch populär wie kaum ein anderer deutscher Autor seiner Zeit, schon bald darauf vergessen ist wie ein des Amtes verlustig gegangener Generalsekretär einer Partei sozialistischen Zuschnitts, am Ende nicht geklärt.
Der Festredner gab mögliche Antworten und der gebildete Leser weiß, dass der gebildete Redner gern „Annäherung“ nennt, was der Politiker schon für einen Zugriff halten würde und mit diesem in Langewiesen geborenen Wilhelm Heinse ist es halt so eine Sache. Er lebte, und jetzt kommt der Fußballvergleich, als sehr guter Torwart in einer Zeit, in der vor ihm noch bessere Keeper die ersten drei Anwartsplätze für das Nationalteam blockierten, folgerichtig saß er bei den großen Spielen nicht einmal auf der Bank.
Bei der Suche nach Traditionslinien, nach Namen von Autoren, die nach Heinse und schon im anschwellenden Vergessen Heinses seinen Namen noch hochhielten oder ihn bald wieder entdeckten, ihn zum Geheimtipp machten, was für den Nachruf gut und bisweilen sogar für die Tantiemen der Erben noch ergiebig sein kann, stößt die Forschung und der Festredner belegt es, immer wieder auf Namen, die sich selbst zur Avantgarde zählten und die es im idealen Falle auch richtig so sahen.
Das spricht für Heinse. Und nicht zuletzt deswegen, weil es wellenartig Mode bleibt, dem Goethe-Kult einen Anti-Goethe-Kult entgegenzusetzen, bleiben dem nun 200 Jahren toten Heinse alle Chancen für wellenartige Wiederentdeckungen erhalten. Zu schön sind die Angriffsflächen, die der Goethe bietet jedem, der welche sucht, zu verlockend ist es, in den Goethe umstehenden Glaskästen nach brauchbaren Plätzen zu suchen, von denen aus sich Steine werfen lassen. Heinse ist einer dieser Glaskästen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine nennenswerte Zahl von Menschen eine neue Gesamtausgabe durchliest außer dem Herausgeber und seinem Team, darf dennoch als eher gering veranschlagt werden, aber wohl bereitete Häppchen, wie sie etwa der Eulenspiegel-Verlag, als er noch ein DDR-Verlag war, unter dem Titel „Die Hitze des Einfalls“ herausbrachte, die werden wohl eine Quelle des Genusses bleiben auch jenseits allen gelehrten Einordnens und Zuordnens. Und dennoch bleibt es wichtig, dass sich auch eine offizielle „Pflege“ um einen Mann bemüht, der das wahrscheinlich leidlich belustigt beobachten würde, wenn es ihm gegeben wäre. Man denke an den anderen Klassiker, dessen Büste traditionellerweise sogar noch klassischer aussieht als die Goethes, einfach des Profiles wegen. Den musste der Schüler Hermann Hesse noch für unschickliche Lektüre halten und schon 1905, als der hundertste Todestag Schillers zu begehen war, da hielt sich, wer auf sich hielt, eher fern von den wilhelminischen Jubilierorgien unter tätiger germanistischer Mithilfe.
Die Nachwelt ist schlauer geworden, scheint es wenigstens, wenn man in Langewiesen in der Kirche das Feiern beobachten darf. Man vermeidet den Sturz aus dem einen in das andere Extrem. Man lacht ohne Häme oder Hohn, wenn Bürgermeister Horst Brandt bekennt, das Langewiesener Buch sowohl gelesen als auch verstanden zu haben. Das ist allemal um Längen besser als das bekannte Getue jener, die den Anschein erwecken, als hätten sie täglich Rilkes „Duineser Elegien“ unterm Kopfkissen und fällt einem dann das entsprechende Exemplar in die Hände, kleben die Goldschnittseiten oben noch aneinander.
Vielleicht lesen ja am Ende doch ein paar Menschen mehr den alten Heinse nach einem solchen Jubiläumsjahr, das ja auch in Aschaffenburg und in Mainz und gar gemeinsam mit dem kleinen Langewiesen vorbereitet und begangen wird, als es ohne das ganze Treiben getan hätten. Das Heinsehaus in Langewiesen ist ja im Nebeneffekt auch nichts, was der Stadt nicht prächtig zu Gesicht stünde. Die geladenen Gäste gingen nach dem Festprogramm dorthin. Langewiesen hat jetzt den dritten Abguss der Heinse-Büste, die in der Walhalla nahe Regensburg steht. Das ist etwas und das ist viel. Und weil es den rührigen Freundeskreis in Langewiesen gibt, besteht eine Gefahr nicht: Dass hier eine Eintagsfliege flog.
Zuerst veröffentlicht in: Freies Wort, 16. Juni 2003, S. 9, Titel: Dem Vergessen so entrissen.
Unterzeile: Langewiesen würdigt mit Festprogramm den großen Sohn der Stadt