Joseph Roth: Der Vorzugsschüler

Nein, man muss diese Geschichte nicht kennen. Sie ist kurz, kein verhinderter Roman und doch etwas wie ein Roman. Denn sie enthält ein ganzes Leben aus der frühen Kindheit bis zum Grab. Es ist das Leben von Anton Wanzl, den seine Eltern Tonerl nennen. Wir sind in Österreich, wir sind, genauer gesagt, in Wien. Nur die Josefstadt wird einmal namentlich genannt, es kommt auch noch eine Provinz vor, die aber namenlos bleibt. Anton Wanzl ist der Vorzugsschüler, er ist der Musterschüler, der Musterstudent und ein Satz taucht in der Geschichte mehrfach auf: „Und etwas geschickt anstellen – das verstand Anton.“ Erzählt hat das alles einer, der später in die Reihe der größten der Großen deutscher Sprache aufrückte, geboren am 2. September 1894, gestorben am 27. Mai 1939: Joseph Roth. „Der Vorzugsschüler“ erschien in einer gekürzten Fassung erstmals am 10. September 1916 in „Österreichs Illustrierte Zeitung“, Wien. Das war ein Periodikum, das zunächst dreimal im Monat, später wöchentlich oder vierzehntägig erschien. Das Blatt begleitete Roth sein Leben lang, denn es existierte von 1894 bis 1838. Wann er den ersten Kontakt genau knüpfte und wie, ist, soweit ich weiß, nicht überliefert. Komplett gibt es den „Vorzugsschüler“ erst seit 1973.

Hermann Kesten war es, der Freund, der das Frühwerk in seine Ausgabe „Die Erzählungen. Mit einem Nachwort von Hermann Kesten“ aufnahm, Verlag Kiepenheuer & Witsch. Kesten hat mehrfach über Roth geschrieben, unter anderem in seinem Buch „Meine Freunde die Poeten“. In Hermann Lindens Gedächtnisbuch „Joseph Roth. Leben und Werk“ ist er gleich dreifach vertreten: mit „Der Mensch Joseph Roth“, „Der Schriftsteller Joseph Roth“ und „Der Tod des Dichters“. Es wäre ein eigenes Thema, der 1927 begonnenen Beziehung beider Männer nachzugehen, hier nur die Fußnote, dass in „Meine Freunde die Poeten“ einige kleine, dafür sehr ärgerlichere Unkorrektheiten stehen blieben, so, was die Todesumstände von Roths Frau Friederike betrifft. Den einleitenden Sätzen Kestens ist nichts hinzuzufügen: „Die gesammelten Werke können einen Autor erschaffen, bekräftigen oder erledigen. Es bedarf nicht erst der gesammelten Werke von Joseph Roth, um zu erkennen, dass er ein Prosaist von hohem Rang und einer der besten deutschen Erzähler im zwanzigsten Jahrhundert ist. Aber erst seine gesammelten Werke beweisen, dass er einer jener Epiker ist, die durch die Fülle ihrer Werke gewinnen, dass er zu den Dichtern gehört, die in jedem Satz unverwechselbar sie selber sind, und dass seine gesammelten Werke so trefflich unterhalten wie die besten seiner einzelnen Werke. Ich ergänze nur: „Der Vorzugsschüler“ passt dazu genau.

Denn, wem es Befriedigung verschafft, mag Abstriche machen, sein erzählender Erstling enthält eben auch schon sehr viel des späteren Meisters. Selbst wenn er alles enthielte, spräche es nicht gegen das spätere, sondern für das frühe Werk. Das geht bis in von später her als Vorausdeutung zu lesende Namen hinein: in Antons Wanzls bescheidenem Liebesleben spielt eine Mizzi Schinagl eine kleine Hauptrolle. Eine Mizzi Schinagl hat dann eine tragende Rolle in Roths später „Geschichte der 1002. Nacht“. Der Name Eibenschütz taucht im „Vorzugsschüler“ nur als Bestandteil eines Firmennamens auf, Anselm Eibenschütz heißt der Eichmeister in der wunderbaren Geschichte „Das falsche Gewicht“, 1971 von Bernhard Wicki mit Helmut Qualtinger als Eichmeister verfilmt und mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet. Weitere Namen, die erscheinen, sind die zweier echter Dichter: Schiller und Walther von der Vogelweide. 1916 war Joseph Roth 22 Jahre alt, die pompös aufgezogenen Schiller-Jahre 1905 und 1909 waren ihm aus eigener Schulzeit sicher noch lebhaft im Kopf. Von Anton Wanzl heißt es: „Nichtsdestoweniger deklamierte er Schillersche Balladen mit feurigem Pathos und künstlerischem Schwung“. Den Walther von der Vogelweide zitiert er der angestrengt lauschenden und nichts verstehenden Mizzi Schinagl, die ihm eben ihre Liebe gestand.

Das waren Zeiten, als man einer kleinen Miederverkäuferin bei Popper, Eibenschütz & Co. mit Pathos über Minnesänger sowie die erste und zweite Lautverschiebung kommen konnte. Zum Dank gab es Küsse, nur eben die Liebe, zu der Anton Wanzl, wie Joseph Roth mehrfach betont, nicht wirklich fähig war, die bleibt ein Phantom, das um so leichter auf eine andere Weibsperson fixiert werden kann. Dies ist dann Lavinia Kreitmeyr, die Tochter des Hofrates Sabbäus Kreitmeyer. Der war, so Roth, mit einer frappierenden Selbstverständlichkeit, „wie die meisten Gelehrten alten Schlages, ein Pantoffelheld, er fand alles für richtig, was seine würdige Gemahlin anordnete, und glaubte an sie wie an die alleinseligmachenden Regulen der lateinischen Grammatik.“ Allein der Gedanke, ein oberschlauer Lektor eines oberfeinen Verlages könnte kurzzeitig auf die Idee verfallen sein, so ein Traumwort wie Regulen durch eines zu ersetzen, das jeder Trottel kennt, macht mich melancholisch, bezogen auf Hugo Loetscher las ich von solchen Ansinnen, ich greife also nichts aus der Luft. „Seine Lavinia war ein sehr gehorsames Kind, las keine Romane, beschäftigte sich nur mit der antiken Mythologie und verliebte sich nichtsdestoweniger in ihren jungen Klavierlehrer, den Virtuosen Hans Pauli. Hans Pauli nannten sich gleich zwei Schriftsteller als Pseudonym zu Roths Lebzeiten: Moritz Heimann und Max Hoffmann, letzterer starb allerdings schon 1912.

Anton Wanzl, der sich geschickt anstellen kann, macht sich die würdige Gemahlin geneigt, um dann auch den Rivalen aus dem Feld zu schlagen: „Anton rückte bald mit seiner schweren Rüstung der Gelehrsamkeit ins Feld, gegen solche Waffen konnte Hans Pauli nichts ausrichten, denn er war, wie so viele Musiker, ohne größeres Wissen, seine schwerfällige Verträumtheit erdrückte in ihm dasjenige, was man in der Gesellschaft „Geist“ nennt, und er musste sich beschämt zurückziehen.“ Natürlich könnte man fragen, woher der junge Joseph Roth seine dreiste Soziologie des Musikers hat. Doch sind wir hier an einer Stelle, die sehr genau zeigt, was den geborenen Erzähler, fünf Euro ins Phrasenschwein, eben auszeichnet: die Selbstverständlichkeit des Sagens, die mehr nicht braucht. Die verrückterweise ja auch weder behaupten noch erklären will, schon gar nicht etwa sich rechtfertigen. Schwerfällige Verträumtheit: sehr gut kann ich mir das vorstellen. Und nun kommt es knüppeldick: „Hans Pauli aber verstand jetzt die Tragik seines Künstlerlebens. Er war verzweifelt, dass man ihm einen Anton Wanzl vorgezogen, er hasste die Menschen, die Welt, Gott.“ Das sind zwei Sensationssätze, Kürzestfassungen ganzer Regalreihen schwerblütiger Künstlerromane. Zum Glück lesen Romanautoren vermutlich solche Sätze nicht, sonst schämten sie sich, von anderen Hänsen zu erzählen, denen andere Antone vorgezogen werden, plus Menschen-, Welt- und Gotthass.

Roth-Biograph Wilhelm von Sternburg sieht „Der Vorzugsschüler“ so: „Eine konventionelle Erzählung hat der 21-jährige geschrieben. Der Einfluss Arthur Schnitzlers und der Jung-Wiener ist nicht zu übersehen. Und doch hat Roth hier auch schon seine ganz eigene Dramaturgie gefunden. Die Welt ist Schein, und der Emporkömmling wird der Held des 20. Jahrhunderts sein. Er geht im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen, um seine Ziele zu erreichen.“ Nun, ich kann mir sehr viel schlechtere Einflüsse vorstellen als den Arthur Schnitzlers, den ohnehin nur jemand bemerkt, der eben Schnitzler und seine Eigenheiten gut kennt, also kaum jemand auf Gottes Erde. Ärgerlich ist für mich das folgende bei Sternburg: „Aber Anton Wanzl ist nicht nur Täter. Wie Richard Wagners Alberich der Minne entsagt, um in den Besitz des Ringes zu gelangen, der ihm die Macht über die Welt verspricht, so verneint auch Wanzl die Liebe, um Macht und Ansehen zu gewinnen.“ Nein, er verneint sie nicht: es ist keine in ihm, das ist ein Unterschied. Ansonsten ist Alberich natürlich die kleine Frau an Professor Börnes Seite in der Rechtsmedizin (kleiner Scherz!). Als die Erzählung erscheint, „übt er schon Gewehrgriffe in der Wiener Renner-Kaserne.“ Die Roth-Chronik besagt lapidar: Am 28. August rückt er zur Einjährigen-Schule des 21. Feldjäger-Bataillons ein.

Er tut das mit seinem Freund Józef Wittlin. Bei Rudolf Koester findet sich dazu diese Aussage: „Aus ihnen selbst nicht ganz klaren Gründen überwanden die beiden eine bislang recht heftige Abneigung gegen Waffengewalt und Militär.“ Wittlin, zwei Jahre jünger, überlebte seinen Freund Roth um fast 37 Jahre, er starb am 28. Februar 1976 in New York, wohin er mit Hilfe von Hermann Kesten 1941 auf seinem Emigrationsweg gekommen war. DDR-Leser konnten sich 1980 mit seinem Roman „Das Salz der Erde“ vertraut machen, der zuerst 1937 im Amsterdamer Verlag Allert de Lange erschien, bei dem auch Joseph Roth publizierte, dann 1969 bei S. Fischer in Frankfurt am Main. Die bei WIKIPEDIA angegebene Jahreszahl 2000 ist falsch. Wittlins „Erinnerungen an Joseph Roth“ ist zu entnehmen, dass das 21. Feldjäger-Bataillon eine exklusive Truppe war, zu der die Freunde unbedingt gelangen wollten. Schreiber wollten sie nicht werden, der Musterungsarzt musste buchstäblich bequatscht werden, Roths Musterung war am 16. Mai 1916. Wittlin zur weiteren Entwicklung: „Nach einer Woche beschwerlichen Rekrutendienstes im Bataillon hatten wir bereits genug vom Krieg und vom Militär.“ Auf die schöne Geschichte vom „edelsten Menschen ..., der uns jemals auf unseren verwickelten Lebenswegen begegnet ist“, die von Ludwik Brudzinski, den Roth bis an sein Ende wie einen Heiligen sah, muss hier leider verzichtet werden.

„Der Vorzugsschüler“ hat ein Ende, wie es in der langen und breiten Literaturgeschichte nur selten vorkommt: „Herr Anton Wanzl aber lag tief drinnen im schwarzen Metallsarg und lachte. Anton Wanzl lachte zum ersten Male. Er lachte über die Leichtgläubigkeit der Menschen, über die Dummheit der Welt. Hier durfte er lachen. Die Wände seines schwarzen Kastens konnten ihn nicht verraten. Und Anton Wanzl lachte. Lachte stark und herzlich.“ Ein paar Zeilen kommen noch danach, diese aber sind abgründig. Keine, die man schreibt, wenn man 19 ist oder 20. Joseph Roth hat sie geschrieben. Wir kennen nur sehr wenige Briefe aus jenen jungen Jahren, die etwas von dem verraten, wie er war damals: Briefe an Paula Grübel zum Beispiel, seine Cousine in Lemberg. Die er mit Muniu oder mit Muniu Faktisch unterschrieb. Einer ist vom 14. August 1916: „Aber 19 Jahre wie ein Flaum auf der Wagschale der Ewigkeit.“ Ein anderer, nicht eindeutig zu datieren: „Kannst Du Dir etwas Verwandteres denken als die Begriffe: Heimat und Kuchengeruch?“ Heute, wo sich ganze Feuilletons an dem Umstand abarbeiten, dass sich sogar Grüne um den Begriff Heimat mühen, der, Überraschung, gar nichts Rechtes hat! Und dies für Feministinnen, und alle, die es werden wollen: „Studentinnen und Straßendirnen sind keine Frauen.“ Ach, der Joseph, der Roth.

Noch dies und dann Schluss: „Ein Glück, dass mir Tante Mina in Lemberg noch meinen Revolver abgenommen hat, denn ich hätte heute die leibliche Schwester meiner Mutter niedergeschossen.“ Der aus dem Feld geschlagene Hans Pauli übrigens „hielt viel von Treue und verlangte, wie die meisten Künstler, ein weibliches Weib, bei dem er seine Launen austoben, aber auch Trost und Erholung finden könnte.“ Noch so ein tückisches wie. Von Mizzi Schinagl, die später ins Wasser gehen will, es aber nicht tut, schreibt der Jungwissende Roth: „Sie erzählte das und jenes, es wurde Abend, der Flieder duftete, die Amsel schlug, der Mai kicherte aus dem Gebüsch.“ Hier wäre wohl auch der gute Heinrich Heine aufzurufen und wieder hätten wir Luxuswissen, auf das keine Steuern erhoben werden. Als Anton nach glänzend bestandenem Abitur, Matura genannt in den Kronländern von Kaiser Franz Josef, überlegt, was er studieren könnte, fällt ihm auch die Theologie ein: „Dazu hätte er sich vielleicht am besten geeignet, dazu befähigte ihn seine blasse Scheinheiligkeit. Seine Entscheidung fällt jedoch zugunsten der Literatur, in der er es bis zum Doktor bringt. „Er war so gescheit, dass er nicht gut sein konnte.“ Ob in Anton Wanzl eine Karikatur des späteren Edel-Nazi-Professors für Literatur- und Theatergeschichte Heinz Kindermann vorliegt, wie es Józef Wittlin behauptete, ist schwer zu sagen. Wäre es so, nähme es der Geschichte nichts und gäbe ihr wenig.


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