Arthur Eloesser: Christian Felix Weiße
Zu den Lieblingskindern der deutschen Literaturgeschichtsschreibung hat er nie gehört. Daran wird auch sein heutiger 300. Geburtstag nichts ändern. „Reclams Literaturjahr 2026“, bis 2024 hieß das noch „Reclams Literatur-Kalender“, hat ihn nicht und wer ihn vielleicht in der sechsbändigen „Geschichte der deutschen Lyrik“, wenigstens dort, vermutet, ebenfalls Reclam Stuttgart, der irrt. Er kommt eher nie als selten vor. Selbst da, wo man glauben sollte, es ginge gar nicht ohne ihn, geht es ohne ihn. Gotthard Erler, der in diesem Jahr bei hoffentlich leidlicher Gesundheit sein 93. Lebensjahr vollendet, preisgekrönter und ordensgeschmückter Fontane-Experte und mit Gattin Therese Herausgeber des von Johann Gottfried Seume verfassten Buchs „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ (Rütten & Loening Berlin 1989), erwähnt ihn mit keiner Silbe, obwohl er doch in Seumes Leben eine durchaus nennenswerte Rolle gespielt hat. Eberhard Zänker, Verfasser einer empfehlenswerten Seume-Biographie (Faber & Faber Leipzig 2005), bietet sich an, Interessierten vorenthaltene Fakten zum Thema nachzuliefern. Christian Felix Weiße, am 28. Januar 1726 im sächsischen Annaberg geboren, am 16. Dezember 1804 im sächsischen Stötteritz nahe Leipzig auf eigenem Grund und Boden gestorben, war zeitweise ein wichtiger, vor allem berühmter Mann.
„Ich besuchte Herrn Weiße, dessen „Kinderfreund“ Herr Berquin teils übersetzen, teils nachahmen will. Er ist nicht nur einer der artigsten Dichter Deutschlands, sondern auch ein merkwürdiger Gelehrter im ganzen Umfang des Wortes. Er ist die Eleganz selbst, und das Einkommen von einer ansehnlichen Stelle, die er bekleidet, setzt ihn in den Stand, seine alten Tage der philosophischen Ruhe, dem Wohltun und den Musen zu weihn. Er ist einer der stärksten Antagonisten der literarischen Kalmücken, von denen ich dir bei Anlass des Theaters von München schrieb, die, gleich den Truppen des Dschingis-Khans, vor einigen Jahren einen Einfall auf den deutschen Parnass taten, die Musen notzüchtigten, die schönen Blumenbetten der alten deutschen Dichter verheerten, die Sprache verstümmelten, die Wörter mit tatarischer Wut zerfetzten und vielleicht auch im Hunger noch Kinder gefressen hätten, wie ihre Originale, wenn ihre Disziplin der Wut ihres Angriffes entsprochen hätte und nicht so geübte Leute, wie Herr Weiße ist, sie nach der Hitze des ersten Anfalls zerstreut hätten. Nun haben sie sich allgemach hinter die Hecken und Gebüsche verlaufen, wo sie manchmal noch Feuer auf die Vorübergehenden geben, aber sich nicht lange mehr halten können.“ Geschrieben hat das Johann Kaspar Riesbeck und zitiert hat daraus Arthur Eloesser.
Riesbeck (12. Januar 1754 getauft – 8. Februar 1786) hatte 1783 in Zürich seine „Briefe eines Reisenden Franzosen über Deutschland“ veröffentlicht, etwas wie ein Buch des Jahres damals, rasch in ganz Deutschland gelesen, vielfach übersetzt und bald nachgeahmt. Ein schriftstellerischer Nachvollzug einer von ihm selbst unternommenen Reise ist es nicht, sondern eher eine Kompilation eigener Reiseerlebnisse aus jüngeren Jahren mit denen anderer. Wobei natürlich anzumerken ist, dass die Rede von jüngeren Jahren bei einem Mann, der seinen 32. Geburtstag keine vier Wochen überlebt hat, kaum angemessen ist. Auch sind die einzelnen Kapitel unterschiedlich lang. Das mit Abstand längste gilt Wien, wo er von 1775 bis 1777 lebte, ehe er Ende 1777 nach Salzburg übersiedelte. Der Absatz, den Arthur Eloesser zitiert, findet sich im Kapitel zu Leipzig, in das auch Exkurse nach Weimar und Gotha eingearbeitet sind: lesenswert in mehrfacher Hinsicht. Eloesser selbst konnte kaum anders, er musste, als er die Geschichte des bürgerlichen Dramas im 18. und 19. Jahrhundert zu seinem Thema machte, auf Christian Felix Weiße kommen. Sein 1898 bei Wilhelm Hertz in Berlin erschienenes Buch enthält genau deshalb mehrere Aussagen zu ihm, in ihrer Summe sogar ausführlicher als gut dreißig Jahre später in seiner großen zweibändigen Literaturgeschichte.
In der hieß es 1930 abschließend: „Der Kreissteuereinnehmer Christian Felix Weiße war vor Schröder und Iffland der größte Bühnenlieferant von Singspielen, Lustspielen, Trauerspielen, für die er Rohstoffe und Muster aus England und Frankreich bezog; seine Mittelstellung und Mittelmäßigkeit bezeichnet noch einmal die Bedeutung von Leipzig als einer Vermittlerin von literarischen und kulturellen Bewegungen, die sich bei nachlassender Aufsicht Gottscheds gut vertragen konnten.“ Das Wort Bühnenlieferant klingt bösartiger, als es gemeint ist. Noch zu Goethes Zeiten, die so sehr viel später ja gar nicht lagen, war der Bedarf, ökonomisch gesprochen: die Nachfrage, nach „Stoff“ für seine Hofbühne deutlich größer als das Angebot an hochwertiger Theaterkost. Intendant Goethe musste nehmen, was er nur immer kriegen konnte. „Kein Wunder also, dass er angesichts der Aufgabe, dreimal in der Woche zu vorgeschriebener Stunde Effekt zu erzielen und ein breites Publikum herbeizulocken, gerne auf die Produkte der leichteren Muse zurückgreift und dabei neben Schröder und Weiße vor allem Kotzebue und Iffland zur Basis des Repertoires macht.“ Leider verschweigt der Autor dieser Aussage, Dietrich Fischer Dieskau, in seinem Buch „Goethe als Intendant“, was genau von Weiße auf dem Weimarer Spielplan landete.
Der berüchtigte Hans Knudsen, als er unter dem Titel „Goethes Welt des Theaters“, Untertitel „Ein Vierteljahrhundert Weimarer Bühnenleitung“ diese Seite des Goetheschen Wirkens darzustellen unternahm, ließ Christian Felix Weiße unerwähnt, Schröder, Kotzebue und Iffland aber sind bei ihm präsent. Eine Scheidung ohne sachlichen Grund. Es könnte freilich sein, dass Fischer-Dieskau gar keine Weiße-Inszenierung in Weimar kannte, es wäre dann nicht die einzige Fehlleistung seines Buches. Arthur Eloesser 1930: „Der Nachfolger von Schlegel wurde der Leipziger Christian Felix Weiße, gewiss ein platterer Geist, aber von mehr Theaterinstinkt; er schrieb oder bearbeitete unzählige Trauerspiele, Schauspiele, Lustspiele, Singspiele, er lieferte, moralisch, empfindsam, unanstößige Unterhaltung für die so lange unterernährte Kindheit der deutschen Bühne.“ Über Weiße in Weimar schreibt er nichts, wohl aber umreißt er seinen Platz in der deutschen Theater-Geschichte. Ein „platterer Geist“ als Johann Elias Schlegel (17. Januar 1719 - 13. August 1749), denn der ist gemeint, auch ein sehr früh Verstorbener, „aber von mehr Theaterinstinkt“. Damit zielt Eloesser mindestens indirekt auf den Umstand, dass in Deutschland mehr als in anderen Ländern der Zeit damals, Theaterpraxis und Schreiben fürs Theater oft völlig verschiedene Dinge waren.
Es hätte sein können, verrät der Kenner der Theatergeschichte und auch der Literaturgeschichte vom Barock bis zur Gegenwart, dass in Hamburg statt Lessing Weiße angestellt worden wäre. Dann hätte es nie eine „Hamburgische Dramaturgie“ gegeben, nie auch ein Lob aus der Feder von Lessing für Weises Komödie „Amalia“, ursprünglich als Trauerspiel angelegt, dann umgeschrieben. „Amalia“, so die Autoren von „Aufklärung. Erläuterungen zur deutschen Literatur“ (Volk und Wissen, Berlin 1977), „galt in seiner Zeit als das beste rührende Lustspiel.“ Mit „Amalia“ war Arthur Eloesser bestens vertraut, kannte die einschlägige Sekundärliteratur, vor allem sicher das 1880 in Innsbruck erschienene 400-Werk „Christian Felix Weiße und seine Beziehungen zur deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts“ von Jakob Minor. Der Österreicher (15. April 1855 – 7. Oktober 1912) folgte in Wien 1885 Erich Schmidt auf dessen Lehrstuhl. Schmidt wiederum wurde an der Berliner Universität prägender Lehrer von Eloesser. „Das Thema vom falschen Freunde geht dann in Brawes „Freigeist“ über. Ch. F. Weiße hat es auch in ein Lustspiel „Amalia“ übernommen, nicht von Brawe, wie Sauer meint, sondern direkt von Moore: aus dem tragischen Süjet hat er einen Verkleidungsspaß gemacht, dem man aber die ernsthafte Abstammung noch anmerkt.“
Edward Moore wiederum (22. März 1712 – 1. März 1757) machte mit seiner Tragödie „The Gamester“ am 7. Februar 1753 den Schauspieler David Garrick (19. Februar 1717 – 20. Januar 1779) berühmt. Er wurde einer der größten seines Faches im 18. Jahrhundert. Weiter Eloesser: „Während Brawe die von Moore empfangene Anregung in einer höheren Sphäre zu verwerten suchte, nimmt Christian Felix Weiße in seinem Lustspiel „Amalia“ das alte Süjet des „Gamesters“ wieder auf, nur mit der Neuerung, dass er aus dem einen Spieler ein Spielerpaar gemacht hat. Der ernste Grundton des englischen Trauerspiels wird hier mit einem aus Nivelle da la Chaussées „Mélanide“ erborgten Motiv ziemlich unorganisch verquickt. Als Mann verkleidet folgt Amalia ihrem Geliebten, der sich mit einer anderen Frau der Spielleidenschaft hingegeben hat. Der angebliche Kavalier spielt hier durchaus die Rolle des Verführers Stuckely. … Die Verführung scheitert an der Tugend der Rivalin. Amalia verzichtet zugunsten der anscheinend leichtsinnigen, in Wahrheit edlen Geliebten. Der Liebhaber steht hier wie Mellefont schwankend zwischen zwei Frauen. Die ebenso edle wie verschmitzte Amalia löst den Knoten, indem sie nicht nur den Geliebten wieder freigiebt, sondern auch das liebende und spielende Paar aus seinen Nöten erlöst.“
Auf Erläuterung aller genannten Namen, Rollen, Titel ist hier aus Platzgründen verzichtet. Es geht um „Amalia“ in Eloessers Deutung: „Es soll hier die Glückseligkeit erwiesen werden, die ein tugendhaftes Herz um sich verbreitet. Diese Moral wird von der Uneigennützigen selbst ausgesprochen. „Und was für eine Quelle unaussprechlicher Freuden sind nicht Handlungen, durch die wir andere auf der Welt glücklich machen.“ Das Lustspiel verhält sich durchaus moralisierend, es hat nur wenige ohne Zusammenhang hineingetragene komische Elemente, so dass seine Abstammung aus dem ernsten bürgerlichen Drama in allen Hauptzügen zu erkennen ist. Das beweist schon der äußere Rahmen. Während Weißes Komödien sonst in Deutschland angesiedelt sind, spielt die „Amalia“ in England, im Mutterlande des bürgerlichen Trauerspiels.“ Dass Christian Felix Weiße, der erfolgreichste Singspieldichter des Jahrhunderts, sich der oben schon angedeuteten Situation für den akademischen Schriftsteller sehr bewusst war, belegt Eloesser 1898 mit einem längeren Zitat. Er weiß aus eigener Erfahrung, wovon er spricht, war er doch zunächst gemeinsam mit Lessing mit der Neuberschen Theatertruppe, später mit der Kochschen in Leipzig verbunden, deren Musiker J. C. Standfuß 1752 beginnend die Musik für Weißes Singspiele komponierte.
Das Zitat lautet: ... sie haben niemals eine gute Schauspielergesellschaft gesehen, und kennen die dramatische Dichtkunst blos aus Aristoteles und Hedelin, oder höchstens aus etlichen guten Stücken. Es ist aber gewiss, dass es fast ebenso schwer ist, ein guter dramatischer Dichter blos aus den Regeln zu werden, ohne ein Theater gesehen zu haben, als man aus bloßen choreographischen Grundsätzen schwerlich ein großer Tänzer werden wird; man kennt weder die große noch die kleine Welt, weder den Hof noch das gemeine Leben, weder die Sprache des Umgangs, noch der Leidenschaften genug, man machet einen Versuch auf der Studierstube, er gelingt nicht, und der theatralische Dichter stirbt in seiner Geburt.“ Dass auch Goethe sich an Singspielen versuchte, ist ohne allen Zweifel zuerst Weiße zu verdanken. Kritischer als nötig sah Eloesser 1930 den Umgang Weißes mit Shakespeare. Weiße war ihm da einer, „der nicht davor zurückschrak, Shakespeares Richard III. zu zähmen oder Romeo und Julia zu verheiraten.“ Im Falle des „Richard III.“ ist bis heute unsicher, ob Weiße direkt auf Shakespeare zurückgriff oder auf eine Quelle, die Shakespeare selbst schon benutzt hatte. Auch „Romeo und Julie“, Uraufführung in Leipzig am 27. April 1767, geht auf Originale im italienischen Novellenschatz (Matteo Bandello und Luigi da Porto) zurück.
Arthur Eloesser hat für seine Behandlung Christian Felix Weißes ausschließlich dessen Bühnenwerk herangezogen. Es findet sich kein Wort bei ihm zum Lyriker Weiße, kein Wort zu seiner Rolle als Herausgeber von Zeitschriften. Die zahlreichen Korrespondenzen, die er führte mit Zeitgenossen, die Freundschaften, die er pflegte, die Kollegen, die er förderte, all das ist außerhalb des Blickfelds geblieben. Der Seume-Biograph Eberhard Zänker schrieb gar: „Als Herausgeber der Zeitschrift Der Kinderfreund und als Lyriker mit seinen Kleinen Liedern für Kinder wurde er zum Begründer der Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland.“ Die aber wird bis heute traditionell bestenfalls als eigener Gegenstand behandelt, nicht innerhalb allgemeiner Literaturgeschichte. Benno von Wiese verzichtete für sein voluminöses Standard-Werk „Deutsche Dichter des 18. Jahrhunderts“ noch 1977 auf einen eigenständigen Artikel über Weiße. Doch neun seiner versammelten Mitarbeiter fanden dennoch genügend Grund, Weiße zu erwähnen in ihren Beiträgen. Im Band „Aufklärung“, ebenfalls 1977, gestand das Herausgeber-Kollektiv Weiße volle zwölf Druckseiten zu, erstaunlich ausführlich, faktenreich, informiert, die Verdienste nicht verschweigend, die Bedeutung nicht übertreibend. Vergleichbares war nie Eloessers Absicht, kein Grund also heute für einen Vorwurf.