Margot Pfannstiel 100

Wer wissen oder, sagen wir es zurückhaltender, ungefähr ahnen möchte, was Mäander sind, muss sich nicht zwingend nur an Wasserläufe klammern, die sich irgendwie unbedrängt durch irgendwelche Täler schlingeln und schlängeln, da einer Kopfweide die Wurzelfüße befeuchtend, dort einer quellwärts strebenden Bachforelle einen Abenteuerschwimmplatz bietend. Es geht auch mit Menschen-Biografien. Nicht mit solchen zuerst, die, in zwei immer ungleiche Teile zerfallend, vom Handkantenschlag der Geschichte ins Leben gerufen wurden. Die so genannten gebrochenen Biografien, jüngsthin in Sonntagsreden zum Respektieren freigegeben, stets mahnend und raunend. Nein, die inneren, die normalen, die üblichen, wie sie das vierzig Jahre andauernde umzäunte Menschenversuchsfeld DDR hervorbrachte: wie der Fleischwolf das Gehackte. Margot Pfannstiel, die ihren heutigen 100. Geburtstag nicht erreicht hat, bot, bis sie am 10. Oktober 1993 starb, ein Mänder-Muster-Leben, wie man es nicht erfinden kann. Das Leben selbst schreibt Geschichten wie diese. Und es schämt sich ihrer nicht. Wie ich mich des Umwegs nicht schäme, der mich von Heinz Knobloch zu Margot Pfannstiel führte, sie wenige Wochen jünger als er, beide vom Jahrgang 1926.

Geboren also am 18. Juni 1925 in Altenburg, wir nennen es großzügig Ost-Thüringen, obwohl die Bratwurst dort „Roster“ heißt, was keine Bratwurst verdient hat. Irgendwo verläuft der Kümmel-Äquator (oder Meridian) als zusätzliche Hürde. Ihr Wikipedia-Eintrag fußt nicht eben auf einer üppigen Quellenbasis. Die gehaltvollste ist zweifelsfrei Klaus Polkehns Buch „Das war die Wochenpost“ (Ch.Links Verlag 1997), da lebte die Chefreporterin und Chefredakteurin schon nicht mehr. Sie hatte aber gemeinsam mit Polkehn noch ein Buch „Dresden mit Umgebung. Reisen mit Insider-Tips“ herausgegeben, mehr als eine nur gewisse Nähe darf vorausgesetzt werden. Polkehn widmete ihr ein eigenes kurzes Kapitel in seinem Buch: „Geschichte und Menschen. Aus der Arbeit einer Chefreporterin“. Er liefert einige Textproben von ihr: die älteste von 1973, die jüngsten von 1992, alle also aus der Zeit nach dem VIII. Parteitag der SED, was heute als Zeitangabe nach einer Fußnote ruft. Die könnte lauten: ähnlich wie in der allgemeinen christlichen Zeitrechnung: vor Christus und nach Christus. Die Zäsurlinie lag zwischen Walter Ulbricht und Erich Honecker.

Margot Pfannstiel begann als Stenotypistin, arbeitete in der Gemeindeverwaltung Miersdorf, heute Ortsteil von Zeuthen, und ist auf der einschlägigen Wikipedia-Seite unter den mit der Ortschaft verbundenen Persönlichkeiten verzeichnet, es sind freilich nur vier. 1947 trat sie der SED bei, ein Jahr später begann sie als Volontärin bei „Neues Deutschland“. Dort wurde sie Redakteurin und Reporterin. Es sei Klaus Polkehn zitiert aus seinem Kapitel „Die erste Redaktion“: „Chefreporterin wurde Margot Pfannstiel, die bis zum Sommer 1953 im Neuen Deutschland gearbeitet hatte und dort wegen „Zugehörigkeit zur parteifeindlichen Gruppe Zaisser-Herrnstadt“ entfernt worden war.“ Es muss eine recht milde Form von Parteifeindlichkeit gewesen sein, sonst wäre sie kaum von der Reporterin zur Chefreporterin aufgestiegen. Alle Kaderentscheidungen von nennenswerter Relevanz traf immer die Partei, die nach Lenins und Stalins allseits bewährtem Vorbild in regelmäßigen Abständen Feinde identifizieren musste. Das Prinzip nannte man damals „Einheit und Reinheit der Partei“. Wie auch immer, die Chefreporterin, die zwischenzeitlich Chefredakteurin wurde, dann erneut Chefreporterin, muss sich nicht nachträglich ihr Leben zerreden lassen. Von wem auch?

Die erste Redaktion der „Wochenpost“, das verdeutlicht auch der Blick auf Margot Pfannstiel, war die Bildung einer Seilschaft, wie sie nach 1990 kurzzeitig allgemein und grundsätzlich in Frage gestellt wurde. Heute weiß selbst der ganz Naive, dass Netzwerker sein, auf ein Netzwerk oder gar mehrere zurückgreifen zu können, nicht nur hilfreich sein kann, sondern definitiv hilfreich ist. Hätte Heinz Knobloch eigene Sibylle-Bücher veröffentlicht und sich an weiteren beteiligt, wenn nicht die Chefredakteurin der „Sibylle“, DDR-Frauen-Hochglanz ganz eigener Art, Margot Pfannstiel gewesen wäre? Sie amtierte von 1958 bis 1968 als Nachfolgerin von Rudolf Nehring (1922 – 1968) und gab sieben Sibylle-Bücher heraus. In den Büchern selbst ist sie nicht immer als Herausgeberin genannt. Ein Kochbuch, ein Kosmetik-Buch, Feminismus heute hin und her, es war eben so. Ihr zentrales, man darf es wohl so nennen, Reportage- und anschließend auch Buchthema war der Bergbau, dazu ebenfalls kein typisches Frauen-Thema: die Schwerindustrie der DDR, Hochöfen etwa. In Polkehns Buch ist einiges davon vorgestellt, einen Bogen bildend von den Euphorien des Aufbaus in den frühen Fünfzigern bis zur Abwicklung und Demontage in den frühen Neunzigern.

Hatte Margot Pfannstiel in ihren Reportagen, ihren Porträts immer auch kleine Verschwiegenheiten, von denen sich heute kaum noch klären lässt, ob sie einer Selbstzensur, der berühmt-berüchtigten „Schere im Kopf“, äußeren Eingriffen oder auch gelegentlich einem Nicht-Wissen entstammten, so ist unterm Strich daraus kein großer Vorwurf zu konstruieren. Ein Porträt mit dem Titel „Der Ingenieur“ operiert mit biographischen Sprüngen, die man verdächtig finden könnte. Pfannstiel will, zutiefst journalistisch, den „Wochenpost“-Lesern einen Mann vorstellen, wie er 1945 auf dem Gebiet der späteren DDR extrem selten vorkam: nur zwei seiner Sorte lebten da, genau zwei Eisenhütteningenieure. Den einen der beiden namens Karl-Heinz Zieger porträtiert sie. Ohne Quellenangabe nahm der Mitteldeutsche Verlag Halle (Saale) 1974 „Der Ingenieur“ in seine Anthologie „Menschen in diesem Land“ auf, dem 25. Jahrestag der Gründung der DDR gewidmet, auch wenn das nirgends im Buch so stand. Es ist der Band, in dem auch Heinz Knobloch präsent ist mit „Der Neubäck“. Der 1911 in Freiberg geborene Zieger ebenda 1937 sein Diplom und ging nach Oberhausen in die berühmte Gutehoffnungshütte, die der Unternehmerfamilie Haniel gehörte.

Das Unternehmen stellte Zieger noch „uk“, so Pfannstiel, „als schon mehr Eisen im Ruhrgebiet einschlug, als gegossen wurde.“ Er floh vor dem Einmarsch der Amerikaner gen Osten, in Richtung Freiberg. Auf dem Weg dorthin begegneten ihm zahllose Menschen, die auf der Flucht vor den Russen waren. Nicht alle Details sollen und können hier nacherzählt werden. Wichtig aber für die oben aufgestellte Behauptung von den kleinen Verschwiegenheiten ist dies: „Der erste Weg führte ihn zu Professor Maurer, seinem Lehrmeister“. Pfannstiel nennt ihn den Erfinder des nichtrostenden Stahls, der „von Krupp, der durch diese Erfindung Millionen verdiente, mit hundert Talern abgefunden worden war.“ Hier stimmt fast nichts, hier ist, neben der unangebrachten Poesie mit den Talern, vor allem zu bedauern, dass die wirkliche Geschichte des Lehrmeisters ausgeklammert ist. Das ist die Nazi-Vergangenheit des Professors Eduard Maurer (3. November 1886 – 21. Februar 1969), der nicht einmal davor zurückschreckte, den Mann, als dessen Assistent er gearbeitet hatte, als Juden identifizieren zu lassen: Professor Dr. Benno Strauß (30. Januar 1873 – 27. September 1944). Er starb im Arbeitslager Lenne, unterwegs auf dem Transport ins KZ Theresienstadt.

In Essen gibt es einen Stolperstein für ihn. Maurer dagegen war Mitunterzeichner des Briefes deutscher Professoren an Hitler, NSDAP-Mitglied rückwirkend zum 1. Mai 1937. Maurers Frau nahm sich das Leben, als er nach einer Verhaftung seitens der Sowjets nicht gleich wieder nach Hause kam. Er wollte ihr folgen, das klappte aber nicht. Nach Stalins Tod und dem XX. Parteitag entfernte er eine Gedenktafel für Stalin nicht schnell genug. Gemessen am Diplom-Ingenieur ist das die biografisch klar interessantere Geschichte, freilich ohne Repräsentativ-Anspruch für die immer noch junge DDR. Vielleicht wusste Margot Pfannstiel von all dem nichts. Sie erzählt, ohne sich festzulegen, entweder Zieger oder ein sowjetischer Offizier hätten Maurer bewegt, seine Koffer und Kisten wieder auszupacken. Die hundert Taler waren tatsächlich 5000 Reichsmark. Zieger erhielt schon 1952 den Nationalpreis I. Klasse. Er lernte Jahre später eine der Diskussionsreden des XXIV. Parteitages der KPdSU auswendig, die des Ministers für Schwarzmetallurgie, des Genossen Iwan Kasanetz, der vom 2. Oktober 1965 bis zum 26. Juli 1974 im Amt war. Der wundersame Weg vom Nazi-Professor zum Stalin-Verehrer, ich wiederhole mich, hätte ein ganz anderes Porträt erbracht.

In „Das Lächeln der Wochenpost. Wie unsereiner Zeitung machte“ (Jaron Verlag Berlin 2002) hat Heinz Knobloch diese Erinnerung an Margot Pfannstiel: „Viele Jahre später, es wird 1980 gewesen sein, fragte die früh verstorbene Margot Pfannstiel junge Bewerber, warum sie denn in unserer Wochenpost anfangen wollten. Antworten: Es war kein Studienplatz frei bei den Biologen, bei den Germanisten oder irgendeiner anderen Fachrichtung hier und dort. Da ging man eben zum Zeitungsverlag, um erst einmal unterzukommen vor der Universität. Keiner, keine sagte: „Ich muss Zeitung machen! Etwas anderes gibt es für mich nicht! Ich muss Journalist werden! Es ist mein Traum! Mein Leben!“ Bis heute unvergessen das Gesicht von Margot Pfannstiel, als sie mir das erzählte auf dem Flur der Wochenpost. Verwundert und ein wenig traurig. Wir waren anders angetreten. Das erklärte auch die Zusammensetzung der Redaktion.“ Dass die Bewerber einfach nur ehrlich waren, kam beiden nicht in den Sinn, denn beide kamen aus einer anderen Zeit. Und beide waren auch als Feuilletonisten Kollegen der älteren Schule. Knobloch zeigte es in „Kreise ziehen“.

In seiner Vorbemerkung zu Margot Pfannstiels „Ferien irgendwo“ würdigte er: „Als Chefredakteur des Modejournals „Sybille“ (er schreibt den Titel tatsächlich falsch und keiner im Verlag merkt es) hat Margot Pfannstiel jahrelang durch Aufträge Feuilletons hervorgerufen und veröffentlicht.“ Ihr eigenes sehr kurzes singt das Lob der etwas anderen Ferien: „Es kann eine kleine Stadt sein, ein Kietz, ein Nest, eine Gegend, irgendwo.“ Als Knobloch dies in seine 1974 erschienene Feuilleton-Sammlung aufnahm, war er sich seiner Leser sicher. Heute müsste man der weiteren Erklärung, welche Ferien sie meint, schon eine Fußnote anfügen. Pfannstiel: „Niemand steht danach an, merkt es vor. Es ist auf jenen Angeboten zu finden, die als Umlauf durch die Nicht-Schwerpunkt-Betriebe gehen.“ Denn ganz nebenher hat die Feuilletonistin den Zwei-Klassen-Urlaub der sozialistischen DDR ins Blickfeld gerückt, unaufgeregt, weder satirisch noch sonst anklagend: an die Betriebe, die sich als Schwerpunkt fühlen durften, gingen eben Urlaubsplätze in Oberhof oder Ahrenshoop oder gar nach Mamaia oder Goldener Sand (steht so da und soll vermutlich „Goldener Strand“ heißen). Den gab und gibt es in Bulgarien, heute leider als Billig-, teilweise Billigst-Urlaub mit Ost-Charme.

Noch einmal sei Klaus Polkehn zitiert: „Ein Tabu wurde in der Ausgabe vom 2. Juni 1956 angepackt. Margot Pfannstiel fragte: „Ist Schweigen immer Gold?“ Sie schrieb: Das Schweigen um den Tatbestand Republikflucht aus der DDR „wurde in der Vergangenheit nicht nur geduldet, es war gleichsam der verhüllende Mantel für ein heikles Thema. Dieses Schweigen aber muss gebrochen werden, weil sich dahinter Dummheit, Feigheit und Gleichgültigkeit verbergen, die nur zu gern von den wirklichen Feinden unserer Republik ausgenutzt werden.“ … Nach der Schilderung einiger Fälle, wo Leute verärgert, verprellt, eingeschüchtert oder bedroht worden waren und deshalb in den Westen gingen, schrieb Margot Pfannstiel: „Wir können es uns erlauben, offen über unsere Fehler zu sprechen. Wir können es uns nicht erlauben, darüber zu schweigen.“ Ehemalige DDR-Bürger wissen: Wir konnten es sehr gut. Wer offen über Fehler der DDR sprach, der lieferte dem Feind Munition im ideologischen Klassenkampf, in dem es laut hausgemachter Theorie keine Koexistenz geben durfte. Tabu-Brüche, eigentlich Medienlieblinge an sich, haben heute ihren allgemeinen Ruf verloren. Heute gibt es Tabubrüche, die umgehend in die Bleikammern öffentlichen Redens führen.

An eine Diskussion am 12. August 1961 in Klaus Polkehns Wohnung erinnert sich der Inhaber: „Wenn ich mich recht erinnere, gaben sich Rudi Wetzel und Margot Pfannstiel in jener abendlichen Debatte überzeugt, man werde die Grenze dichtmachen.“ Und auch daran: „Die DDR war nur in den sozialistischen Ländern diplomatisch anerkannt. Wenn also Margot Pfannstiel 1956 für die Wochenpost nach Paris fahren wollte, nützte ihr der DDR-Reisepaß überhaupt nichts.“ Niemand argwöhnte demnach, die Reporterin, die gelegentlich auch im Ruhrgebiet unterwegs war, könnte von ihrer Reise nicht zurückkehren. Anderen erging es da schlechter, die durften nicht einmal den Sozialismus an der Grenze vor seinen Feinden schützen, wenn sie Verwandte im Westen hatten. Margot Pfannstiel war zweifellos privilegiert, wenngleich nicht so extrem wie ihr Jahrgangsgenosse Klaus Beuchler, der Korrespondent in der Schweiz war. Und sie war verantwortlich „dafür, dass in der Zeitung Woche für Woche jene gut geschrieben, informativen Reportagen standen, die in den anderen DDR-Medien fehlten.“ Ihr unterstanden unter anderem Monika Maron und Irina Liebmann. Rolf Pfeiffer, Fred Seeger und Sieglinde Wolff, noch heute sehr bekannt sind nur die beiden ersten.

Aus dem Jahr vor ihrem Tod überliefert Klaus Polkehn Zitate, die Margot Pfannstiels bittere Bilanzen zum Ausdruck bringen: „Über Eisenhüttenstadt werden keine euphorischen Reportagen mehr geschrieben. … Kapitalismus war nun einmal so. Was die DDR-Bürger über ihn lernten, hat gestimmt, falsch war die Schlussfolgerung, dass der Sozialismus siegen würde.“ Und auch das: „Bewahrheitet hat sich der Ausspruch des jetzt so geschmähten Lenin, dass sich letzten Endes die Überlegenheit einer Gesellschaftsordnung an der Arbeitsproduktivität entscheide.“ Sie besuchte auch einen einstigen ersten Schmelzer: „Es sei eine schleichende Krankheit gewesen, erzählen die Aktivisten der 50er Jahre. Irgendwann setzten sich die Aufbauerfolge nicht mehr fort. … Gute Arbeit zahlte sich nicht aus, schlechte Arbeit blieb ohne Folgen.“ Wer heute nach DDR-Büchern von Margot Pfannstiel sucht, wird in Antiquariaten durchaus fündig. Da gibt es „Die Tulpenkanzel. Bilder aus der Geschichte Freibergs und des Erzbergbaus“ von 1980, auch die 2. Auflage von 1983. Da gibt es „Seilfahrt und Ofenreise. Geschichten aus Hütte und Schacht“ von 1979 und von 1987 noch „Der Locomotivkönig. Berliner Bilder aus der Zeit August Borsigs“. Wer da mag, der kann.


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