Dieter Fringeli. Dichter im Einsatz

Ein Prophet in eigener Sache war Dieter Fringeli nicht. Sein Gedicht „wahr sagen“ lautet: „seit heute/ weiß ich es/ ich sterb an einem/ donnerstag// welch schöne aussicht/ auf ein ausgedehntes/ wochenende“. Tatsächlich starb er an einem Freitag, es war der neunte April 1999. Ich aß Truthahnfilet zu Mittag in der „Altmarktschenke“ und lauschte am Abend im Theater Arnstadt dem Vortrag von Hansgeorg Stengel, 77 Jahre alt dazumal. Fringeli dagegen wäre heute erst siebzig geworden und ist doch schon mehr als dreizehn Jahre tot. Es soll Alkohol im Spiel gewesen sein, was nicht heißt, er wäre ohne ihn wesentlich älter geworden. Nehmen wir nur Queen Mum, die Gegenthese, die noch mit 99 im Damensattel saß, obwohl sie oder weil sie.

Dieter Fringeli ist mir zuerst mit seinem Buch „Von Spitteler zu Muschg“ wichtig geworden. Seine dicke Anthologie „Gut zum Druck. 97 Schriftsteller der deutschen Schweiz“ leuchtet mir feuerrot entgegen, wenn ich im Esszimmer den Blick hebe vom Tellerrand. Sie steht frei von Berührungsängsten neben den beiden Schweizer „Erkundungen“ aus tiefer DDR und auch neben „Schweiz heute“ (die an Dicke überlegen), über Spektralfarben darf gestritten werden. 75 Jahre deutschschweizerische Literatur im Schnelldurchlauf sind auf alle Fälle ein Einstieg zu Fringeli, zur Einstiegsdroge fehlt dem Bändchen aus dem Baseler Friedrich Reinhardt Verlag allerdings das Suchtpotential. Mit „Dichter im Einsatz“ steht es da etwas anders, auch „Dichter im Abseits“ hat durchaus Paukenschlagpotential. Wäre jedoch ein eigenes, sehr eigenes Thema.

„Dichter im Einsatz“ (Benzinger Zürich) weckt vermutlich absichtlich falsche Erwartungen. Denn weder schreibt Fringeli über schreibende Spanienkämpfer noch über friedensbewegte Autoren, die sich an Zäune ketten. Nicht einmal ein echter Vegetarier ist dabei, der mit Bircher-Müsli in der Backentasche gegen die Ausbeutung der dritten Welt kämpft. Fringelis Dichter-Auswahl steht im Einsatz für „das Leben“. Das möchte die Freunde historischer Konkretheit denn doch ein wenig verwirren, denn „das Leben“ ist natürlich von derartiger Vielfalt, dass die geballte Allgemeinheit dieser Ebene eher verschreckt. Gegen dieses deduzierte Vorurteil hilft: Lektüre. Schon drei Arbeiten später innerhalb des kurz bevorworteten Bändchen ist die Vermutung eher nahe liegend: Irgendeinen Titel musste das Buch ja schließlich bekommen.

Die Abfolge Friedrich Dürrenmatt, Erika Burkart, Karl Krolow offeriert bereits Disparates, die weitere Reihe mit Nicolas Born, Eugen Gomringer, Walter E. Richartz, Otto Steiger, Jürg Federspiel und schließlich Peter Rühmkorf macht es kaum homogener. Vielleicht ist es ja doch am einfachsten, eine Sammlung Sammlung sein zu lassen. In ganz alten Zeiten nannten frohgemute Autoren hohen Ranges ihre Bände schon mal einfach „Vermischte Schriften“ und gegen diese wiederum ist Dieter Fringeli nahezu monochrom. Dass er Schweizer ist, verleugnet er an keiner Stelle, auch wenn er sich schwer tut mit der Separierung des Schweizerischen vom Deutschen, soweit es die deutschsprachige Literatur der Schweiz betrifft. Angeblich hat hier die DDR, man erinnert sich kaum oder sehr wohl, mit ihrer verkniffenen Liebe zum Tell-Land eigener Ideologie zugearbeitet, indem sie (wer denn nun genau) einer eigenständigen Schweizer Literatur das Wort und den Essay redete. Ob Fringeli Derartiges ahnte?

Man kann sich ein Thema auch erfinden, wenn einem sonst keins einfällt. Fringelis eigene Argumente bezüglich der selbstverständlichen Einbeziehung der Österreicher in ein Gesamt, dem der Autor aus Basel sich nicht einmal scheut, ironiefrei den Ausdruck „großdeutsch“ beizugesellen, haben immerhin das Potential, nicht gleich wieder vergessen zu werden. Ich halte es mit der zugegeben nicht bruchsicheren intuitiven Lesart, ein Schweizer Autor sei einer, der dort geboren wurde und im idealen Falle dort auch lebt und eine der vier üblichen Landessprachen für sein Schreiben nutzt. Wir schieben Sibylle Berg und Irena Brezna und so weiter mutig an den Rand der Problematik, weil es schlussendlich um die Bücher der Herrschaften geht (Frauschaften inklusive). Da nun ist Dieter Fringeli, nur ganz rasch sei es erwähnt, etwa mit seinem Herangehen an Jakob Schaffner, in einem Maße vorbildlich, das einem die Ohren sausen hier im Land, dem die AGE Feuilleton (Arbeitsgemeinschaft Empörung) ihren fahlen Stempel aufdrückt.

Dieter Fringeli, der über Alexander Xaver Gwerder promovierte und unter seinen Hausheiligen Walter Muschg nannte, lässt in „Dichter im Einsatz“ keine Gelegenheit aus, der deutschen Großkritik verbal vor das Schienbein zu treten. Seine diesbezüglichen Aussagen haben nicht nur Charme, sondern auch Wahrheit. Es geht los mit der unter dem „Kahlschlag“-Dogma segelnden Ignoranz der deutschen Vorkriegsliteratur gegenüber und reicht bis hin zur wenig bestreitbaren Diktatur der „47er“, sprich der „Gruppe 47“, die noch lange nach ihrem förmlichen Hinscheiden jedes rituelle Hirschbrüllen für sich entschied, solange nur die Hauskritiker ihr Monopol auf Daumenheben und Daumensenken ausübten. Und das ist sehr lange, denn anders als Fringeli haben sie partiell teil am ewigen Leben hinnieden. Karlheinz Deschner dagegen ist für Fringeli der Schmerzensmann des Anderslesens. Hat den überhaupt noch jemand beim Thema Literatur auf dem Schirm? Ist das nicht der mit der in die hundertzwölfte Fortsetzung gehenden Kirchenkritik?

Zurück zu Fringeli, dessen bei Jeger-Moll erschienener Dickband „Mein Feuilleton“ zu meinen Blätter-Büchern zählt, die ich zur Hand nehme, wenn ich auf Meinungspirsch bin. Denn, es klingt blöd, die Anerkennung der Tatsache, dass andere vor einem gedacht haben, hilft entschieden gegen die Annahme, die eigene mit Löffeln gefressene Weisheit sei zugleich selbiger letzter Schluss. Ich freue mich über jeden klugen Gedanken, deren liebste mir die sind, die ich dann doch gern selbst gedacht hätte. Muschg-Fan Fringeli zitiert dies: „Natürlich ist dieser verkrampfte Avantgardismus der deutschen Literatur nur ein Teilausschnitt aus der unglücklichen Beziehung der Deutschen zu ihrer Geschichte überhaupt, besonders der politischen.“ Unmittelbar hinter dieses Zitat setzt der Zitierende in Klammern vier Wörter: „Muschg lesen! Walter Muschg.“ Ist das nicht genau jenes Ausrufezeichen, das sich Elke Heidenreich so sehr lieh, dass es schien, als hätte sie es in Erbpacht genommen: Lesen!!!

Bei Dürrenmatt, erster Text nach dem Vorwort, ist Fringeli sich seiner selbst nicht sicher. Er referiert ein Interview und schiebt Sätze dazwischen, von denen ich nicht weiß, ob sie weitere Dürrenmatt-Sichten referieren oder eigene. Da hätte ich dann schon lieber das Interview als Wortprotokoll, man kann es ja autorisieren lassen. Die auffallendste Fehlstelle zu Dürrenmatt in diesem Beitrag aber ist mir die Abwesenheit eines Wortes, das seit Friedrich Schiller immer zitiert, selten wirklich verinnerlicht wurde: SPIEL. Ich meine sehr tapfer, man könne, was Friedrich Dürrenmatt trieb und unterließ in seinem Leben, ohne Spiel dabei und darin zu sehen, nicht wirklich schlüssig erklären. Wobei unerörtert bleibt, ob es einer solchen Erklärung tatsächlich bedarf. Bei Erika Burkart, zweiter Text, bin ich einfach nur froh, mehr erfahren zu haben, auch wenn mein Archiv sie vorher keineswegs aussparte. Was für eine Ansage: „Naturgedichte als stürmische Demonstration – es gibt nichts Stichhaltigeres! Das Liebliche als Mahnmal, knallharte Intervention.“ Natürlich gibt es Stichhaltigeres. Es gibt nichts hartnäckiger sich Haltendes als die Verwendung dieses immer falschen Superlativs. Aber Fringeli verwahrt sich dagegen, Erika Burkart nur in Beziehung zu anderen Dichterinnen zu setzen, Loerke und Lehmann auszuklammern.

Den Schluss, den angeblich Erika Burkart vermittelt, Dichtung sei das einzig Sinnvolle in einer zur Warenhölle verkommenen Welt, mag ich nicht einmal probeweise ziehen, wie es Fringeli tut. Auch weiß ich nicht, was eine Realität sein soll, „deren Wahrheitsgehalt immer dürftiger wird“.  Verblüffend ist heute, wie weit weg damals beim Denken an Bäume die Überlegung war, dass Holz nicht nur Gegenstand von Profitgier, sondern auch und zwar immer und von allem Anfang an, nachwachsender Rohstoff ist, man muss halt nur pflanzen nach dem Fällen und Roden. An Burkart schließt Fringeli Karl Krolow, den aber erst nach einem Hieb gegen Hans Magnus Enzensberger, dem postmoderne Wurstigkeit nachgesagt wird, um einen Kontrast zu haben. „Es wird dem heutigen Leser dunkel vor Augen, wenn er bedenkt, wie dieser poetisch verbrämte Feuilletonismus Maßstäbe setzte.“ Neben solchen Enzensbergers, will Fringeli sagen, müssen andere ihr Dasein als „Geheimtip“ fristen (so schrieb man das vor der Rechtschreibreform). Etwa Karl Krolow.

Damit erkennbar wird, welche unseriösen Maßstäbe ich anlege, wenn ich messe, sage ich, dass mir der Text zu Krolow schon deshalb der bis dahin stärkste schien im Bändchen, weil er unter den Opfern des Kahlschlag-Terrors Irmgard Keun nennt. Dieter Fringeli ist jedoch der Anwalt aller, die nach 1945 plötzlich vergessen blieben, obwohl ihre Stunde hätte schlagen können nach Exil und Totschweigen. Auch in der Schweiz, das ist verblüffend genug, vollzog sich ein ähnlicher Prozess, was dann vielleicht doch wieder für die These von der wie auch immer definierten Einheit spräche. Rund um Nicolas Born baut Fringeli dann eine fast peinlich distanzlose Jubilierorgie um 68er Autoren, die teilweise heute schon vergessener sind als damals die Totgeschwiegenen. Ich sehe das freilich nicht mit einem weinenden Auge, denn es zeigt Zeitverhaftung. Auch dem Propheten kleben bisweilen Krümel im Bart. Die „Große Koalition“ von 1969 als Absurdität abzutun und von Verrat zu tönen, das klingt dann doch sehr aufdringlich nach K-Gruppen-Gedröhn.

„Die Poeten jonglierten die Welt an die Wand.“ Hätten sie diese Macht, müsste man sie aus ihrer unbeschwerten Narrenfreiheit in geschützte Dichter-Werkstätten überführen. Aber auch 1968 jonglierten sie bestenfalls mit Worten und manchmal mit Dingen, die sie für Ideen hielten. Leider hatten Puddingpulver-Attentate den Keim zu echtem Terrorismus in sich. Die forsche Abwertung von Dichtung „für Väter und Mütter“ hat nicht erst heute rückblickend eine ungeheure Arroganz an sich, die Arroganz einer halben Generation (hoch gegriffen), die alles, was ihr nicht passte, „faschistisch“ nannte und so den Begriff bis zur Unkenntlichkeit verwässerte, aus dessen krudem Gegenbild sie Selbstwertgefühl bezog (und bezieht). Ja, hier hat zweifellos auch Fringeli mit Lob geschadet. Weil eben der frische Stadtguerilla-Spruch an der Klowand einfach zu schnell in blutige Realität kippt, in der kaputt gemacht wird, was kaputt macht.

„Wer sich auf Gomringer einläßt, lernt das Staunen.“ Abrupt ist das gesagt. Aber schon wenige Seiten später, wenn unauffällig der Satz folgt: Das gab's noch nicht, dann ist eines klar: der Markt, von dem der gescholtene Enzensberger wissend schrieb, verleibt sich auch seine wütendsten Gegner ein, indem er ihnen seine eigene Seele einhaucht. Wer das Alleinstellungsmerkmal erstrebt, verhält sich marktförmig, denn nichts anderes trägt jeder vor, der mit seiner Geschäftsidee Investoren generieren möchte. Lässt sich ein blauer Strich auf blauem Grund für Millionen verkaufen, dann ist der blaue Strich Kunst, obwohl er natürlich, wir erinnern uns des Kaisers neuer Gewandung, einzig ein blauer Strich auf blauen Grund bleibt und nicht einmal des Zeitalters der technischen Reproduzierbarkeit dazu bedarf. Prost, Benjamin! Gomringer war, hält Fringeli für uns fest, nicht rezensierbar. Was soll man auch zu „konstellationen“ schreiben, ohne Unfug zu verbreiten? Das weder Dada noch August Stramm heuristischen Wert dabei haben? Ja und?

Festhalten will ich noch eine schöne Frage: „Wann war einer so negativ wie dieser Peter Rühmkorf – ohne jemals destruktiv zu sein?“ Und einen schönen Einstieg: „Peter Rühmkorf ist der ergiebigste Superlativ der deutschen Nachkriegsliteratur, der spannendste.“ Und einen schönen Rundumschlag: „Wenn man bedenkt, daß es Schriftsteller gibt, die sich gezielt auf Stoffsuche begeben und vor lauter Recherche kaum zum Schreiben kommen, wird Federspiel vollends zum Unikum.“ Und ein schönes Zitat von Otto Steiger: „Man muß eine gerechtere Welt schaffen, nicht einen gerechteren Hypothekarzins.“ Otto Steigers Schicksal in der Schweiz, dieses Wissen verdanke ich Dieter Fringeli, ohne dass der den Vergleich zog, ähnelt so deprimierend vergleichbaren Schicksalen von DDR-Autoren, nur eben mit genau umgekehrtem Vorzeichen, dass man schon den Mut verlieren mag angesichts von so viel Symmetrie. Wie hellsichtig war einst Günter Kunert, als er sich vor vielen Jahren auf das dicke Eis von Symmetrie-Theorien begab, um seinem Schwarzsehen ein solides Fundament zu geben!

Zu Walter E. Richartz schweige ich, weil jeder Satz über seine selbstmörderische Konsequenz zynisch klingen muss. Auch Dieter Fringeli hat sich zurück gehalten auf seinen zehn Seiten zu ihm. Ich schließe mit dem Hinweis auf Hugo Loetscher, der sich unwillig zeigte, Fringelis Logik zu folgen in der Gewichtung epischer Werke der deutschschweizerischen Literatur. Der jedoch zugleich kräftig in Fringelis Kerbe schlägt: „Wir bestrafen Jakob Schaffner mit Nicht-zur-Kenntnisnahme und merken nicht, daß wir uns mit der Nichtlektüre seiner Johannes-Romane selbst bestrafen.“ Das führt geraden Weges zu „Dichter im Abseits“. Die heben wir uns für einen anderen Geburtstag auf. Das muss nicht einer von Dieter Fringeli sein wie heute.


Joomla 2.5 Templates von SiteGround