Heinz Knobloch: Die Suppenlina
Am Anfang war ein Bindestrich. In der Wochenpost Nummer 47/1980 widmete Heinz Knobloch Lina Morgenstern innerhalb seiner Feuilleton-Reihe „Mit beiden Augen“ anlässlich ihres 150. Geburtstages den Text „Die Suppen-Lina“. Das war Text 623 der Reihe, gedruckt Mitte November. Sieben Jahre später stand „Die Suppen-Lina“ in Knoblochs Buch „Berliner Grabsteine“. Im „Dankzettel“ zu seinem wiederum zehn Jahre später erschienenen Buch „Die Suppenlina“ (nun ohne Bindestrich) schreibt Knobloch: „Kaum war im Sommer 1980 in meiner wöchentlichen Rubrik „Mit beiden Augen“ in der „Wochenpost“ das Feuilleton „Die Suppen-Lina“ erschienen, kam ein Brief von Dorothea Gerth (die heute vielleicht nicht mehr am Leben ist).“ Ich will nicht behaupten, dass man das zwingend hätte recherchieren müssen, es hätte dem Buch aber sicher gut zu Gesicht gestanden. Ich muss allerdings darauf bestehen, dass auch 1980 der Sommer nicht bis in den November reichte. Wie auch immer, wem Faktentreue und penible Recherche nachgesagt wird, der sollte genau das liefern. Selbst wenn Dorothea Gerth keineswegs von eigenen Erinnerungen an Lina Morgenstern berichtete, sondern nur „von der Kochschule des Berliner Hausfrauenvereins zwischen 1929 und 1935“. 1935 kam Knobloch eben mit seinen Eltern aus Dresden nach Berlin.
„So hat man die Begründerin der Volksküchen zu Lebzeiten genannt.“ Das ist der erste Satz über „Die Suppen-Lina“ in „Berliner Grabsteine“. Damals gab es offenbar den ehrenrührigen Begriff der „Suppen-Trulla“ noch nicht (eigene Forschungen zum Thema kann ich nicht nachweisen), ich finde, tut mir leid, die „Suppen-Lina“ mit oder ohne Bindestrich nicht als sonderlich liebevoll bezeichnet. Denn diese Lina Morgenstern, man kann es bei Heinz Knobloch bröckchenweise, puzzleteilweise nachlesen, war ja wesentlich mehr als die, die die Volksküchen erfand und immer neue gründete. Sie war offenbar in so vielen Vereinen als Gründerin, Mit-Gründerin, Präsidiumsmitglied vertreten, dass sie sich auf der Straße, wie sehr viel später Dietrich Genscher in der Luft, selbst begegnen konnte in höchster Eile von da nach dort und dort nach hier. Wäre hyperaktiv nicht ein besetztes Wort, müsste man sie hyperaktiv nennen, einfach aktiv wäre Understatement, respektive eine Untertreibung. „Lina Morgenstern, die vor über hundert Jahren den Berliner Hunger lindern half. Mit siebzehn Jahren hatte sie einen „Pfennigverein zur Unterstützung armer Schulkinder“ eingerichtet, das geschah 1847 und war vormärzlich gedacht.“ Was man natürlich erst hinterher erkennen konnte, der März 1848 kam ja erst noch, er war ein Jahr vorher nur einfach ein Monat.
„Ein Leben, das eine Biographie verdient. Wie soll ich ihm hier anders gerecht werden als durch aufgezählte Daten und Taten, zu denen man sich Ursachen und Wirkungen denken muss. Aber selber denken, das geht ja.“ Als Heinz Knobloch für den Jaron Verlag Berlin aus „Berliner Grabsteine“ (Buchverlag Der Morgen Berlin) „Alte und neue Berliner Grabsteine“ werden ließ, ist dieser ganze kurze Absatz ersatzlos gestrichen. Der Grund ist natürlich der, dass es inzwischen nicht nur „Die Suppenlina“ von Heinz Knobloch in der Edition Hentrich Berlin gab, es waren ihm auch Andreas Winkelhorst und Mathilde Haubricht mit ihren Arbeiten zu Lina Morgenstern zuvor gekommen. Fünf Jahre nach Knoblochs Tod hat Reinhold Kruppa nachgelegt, er nutzte den Titel von Mathilde Haubricht kaum gewandelt einfach nach und im Grin-Verlag merkte das keiner. Nur der Kruppa-Titel ist, während ich dies schreibe, lieferbar, die beiden anderen unzugänglich. Was für eine Magisterarbeit (Winkelhorst) eher normal ist. Während er im Personenregister erscheint und im Text zweimal, ist Haubricht offenbar in keinerlei Hinsicht anregend oder zitierbar geworden. Heinz Knobloch hat sie womöglich einfach gar nicht gelesen. Philologische Kenntnis-Pflichten sind in Feuilletonisten-Kreisen keineswegs bindend. Auch ihre Verweise müssen nicht nachprüfbar sein.
Wobei ich, wenn mir ein Literatur-Verzeichnis zum Nachlesen empfohlen wird, dieses gern auch zugänglich hätte. „Für meine Buchabsicht „Suppenlina“ suchte und fand Petra Juliane Kerber um 1983 etliches in Bibliotheken.“ Auch das ist dem Dankzettel von Dezember 1996 zu entnehmen, nicht aber, wer die hilfreiche Dame war. „Das Buch über die Menschenfreundin jedoch wurde aufgeschoben. Volksküchen waren damals für uns bloß deutsche Vor- und Frühgeschichte.“ Wer schob da was auf? Ein Verlag? Welcher? Oder der Autor selbst? Für wen war denn das als Vor- und Frühgeschichte ein vorläufiger Verschiebe-Grund? 1996 durfte man dazu alles schreiben, was das Herz begehrte. Und es passt auch nur sehr bedingt dazu, wenn der nächste Satz schon lautet: „Statt dessen war über Rosa Luxemburgs „Liebste Mathilde“ zu schreiben!“ Mit Ausrufezeichen! War das eine Anweisung, innerer Auftrag? „Über ihre als Unperson aus unserer Gegenwart gelöschte beste Freundin und Sekretärin.“ Wie aber löscht man jemanden aus einer Gegenwart, der zu keinem Zeitpunkt in ihr war? „Es war so notwendig und aktuell, dass das Buch erst 1985 mit einjähriger Verspätung erscheinen durfte.“ Das soll ein bisschen bitter und ein bisschen wie Ironie klingen. Hatte Heinz Knobloch zwei parallele Projekte: Lina und Mathilde und eins davon musste warten?
„Nach einem Rundgang über den Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee drängten Peter und Liane Hüne, das Lina-Morgenstern-Buch zu vollenden.“ Wann war dieser Rundgang? Das Buch erschien in der Edition Hentrich, die von Gründer Gerhard Hentrich 1998 verkauft wurde (laut Wikipedia). In einer „edition hüne“ erschien 2014, elf Jahre nach Knoblochs Tod, eine Sammlung seiner Berlin-Feuilletons unter dem Titel „Gehst du durch Berlin ...“, ausgewählt und mit Vorwort versehen von Peter und Liane Hüne. Mir ist bisher nirgends ein Exemplar davon begegnet. „Die Edition Hentrich kümmerte sich um nah- und fernliegendes Material. … Was blieb mir übrig, als das in Ansätzen begonnene Buch zu schreiben.“ Wohl selten hat Heinz Knobloch seine Leser stärker im Unklaren gelassen als mit dem „Dankzettel“ für dieses späte Buch, das offenbar etwa vierzehn Jahre von der Idee bis zur Beendigung brauchte und kräftigste Mithilfe. Von Vollendung zu reden, wäre verfehlt. Wie konnte etwa der Satz „Der Gleichschritt ist eine deutsche Erfindung.“ in dieses Buch geraten? Mit dem Nachsatz: „Er wurde nie abgeschafft.“ Gleichschritt gab es schon, als die noch als Germanen firmierenden Deutschen kürzlich von den Bäumen geklettert waren. Erfunden haben sie viel später den Paradeschritt; den Unterschied sollte freilich auch ein gedienter Deserteur kennen.
Das lineare Erzählen ist Heinz Knoblochs Sache nicht. Das zu demonstrieren, bedurfte es nicht des späten Themas Suppen-Lina. Erst auf Seite 49 findet sich der Satz: „Es ist an der Zeit, nach Lina Morgensterns Herkunft und Kindheit zu fragen.“ Zweimal hat der Autor das entscheidende Wort vorher schon genutzt: „Mir geht es eigentlich darum: Den mittlerweile vergessenen Namen dieser Berliner Wohltäterin, dieser jüdischen Deutschen, in unsere zunehmend eigennützige Gegenwart zurückzuholen.“ Will er sagen, dass die vor dieser Gegenwart liegende Vergangenheit weniger eigennützig war? Das wäre zu diskutieren. Das zweite Mal ist Lina Morgensterns „Illustriertes Universal-Kochbuch“ gemeint: „Ein über 650 Seiten starkes Buch, das sich bis heute in Haushalten findet. Ungeachtet, dass es von einer Jüdin stammt, entging es 1933 der Bücherverbrennung.“ Wie viel Sinn macht eine solche Aussage? Wurde irgendwo in Nazi-Deutschland jemals ein Kochbuch verbrannt? Nur, weil es eine längst tote jüdische Verfasserin hatte? Von der bekanntesten aller Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 in Berlin auf dem Opernplatz mit ihren „Feuersprüchen“ ist auch akustisch überliefert, wogegen es ging: gegen den „undeutschen Geist“ in diverser Form von marxistisch bis jüdisch, nicht aber um Suppe. 70.000 Menschen sahen dem Spektakel angeblich zu.
Ehe er noch Lina Morgensterns Geburtsdatum nennt, die Namen ihrer Eltern, die Zahl ihrer Geschwister, hat Knobloch bereits Ortsangaben zu den Volksküchen gemacht, nummeriert in zeitlicher Folge: Kochstraße 9 (1); Landsberger Straße 65 (4); Invalidenstraße 66g (6); Grüner Weg 9/10 (7); Friedrichstraße 9 (8); Linienstraße 47 (9). Für die fehlenden Küchen ließen sich offenbar keine näheren Daten finden. Dafür ist ein Stammgast der Kochstraße namentlich genannt, Lina Morgensterns Rückblick allem Anschein nach entnommen: Baron von Falken aus Königsberg. Er habe 24 Jahre lang in der Volksküche Nummer 1 gespeist. Knobloch ertappt seine Suppenlina bei einer sachlichen Falschaussage: „Offenbar ein Fehler. Lina Morgenstern nimmt es nicht immer genau … Zu jener Zeit hat Berlin keine Charlottenburger, sondern nur seine Charlottenstraße.“ Wir treten ihm also keineswegs zu nahe, wenn wir erwähnen, wo er selbst es nicht so genau nahm. Wir registrieren nüchtern, dass er der Kaiserin Augusta auf den 216 Seiten seines Buches viel Platz einräumt, historisch sehr gut begründet, denn die Kaiserin hat sich der Sache der Volksküchen tatsächlich persönlich mehrfach und wirkungsvoll gewidmet. Dennoch fällt auf, dass Knobloch die Episode mit der kaiserlichen Verwechslung von Backpflaumen mit Morcheln noch in „Berliner Grabsteine“ eher spöttisch-abfällig erzählt, im Buch dann erst spät und nur eben so als Anekdote.
Durchweg freundliche Erwähnung findet jene berühmte, für manche berühmt-berüchtigte „Gartenlaube“ (begründet 1853), die eine ganze DDR lang als Inbegriff von Kitsch und Kolportage galt. Schaut man sich die lange Liste der dort in Fortsetzungen abgedruckten Romane an und vergleicht sie etwa mit dem, was Julius Rodenberg ab 1874 in seine „Deutsche Rundschau“ aufnahm (Knobloch hat das Verdienst, Rodenberg für DDR-Leser neu entdeckt zu haben), dann muss man dem alten Urteil noch immer zustimmen. In „Berliner Grabsteine“ war Morgenstern der Anlass für eine der gern öffentlich gemachten Themen-Ideen Knoblochs, die er toll fand, aber nicht selbst bearbeiten wollte: „Jemand sollte einmal unsere Vergangenheit im Spiegel ihrer Speisezettel und Vereinsnamen darstellen.“ Allein die Vereine, die Lina Morgenstern als Mitglied hatten, zeigen eine ganz unfassbare Vereins-Meierei, von der ich noch in der Schule lernte (oder war es erst im Studium), dass sich die nach Bismarcks Sozialistengesetz verbotene Sozialdemokratie ins tarnende Vereinswesen flüchtete und sich dort so wohl fühlte, dass sie wenigstens geistig dort verblieb. Die Basis-Gliederung heißt bis heute Ortsverein. Lina Morgenstern redigierte 30 Jahre die „Deutsche Hausfrauenzeitung“ und schrieb eine dreibändige Darstellung „Die Frauen des 19. Jahrhunderts“.
Der letzte Absatz des Buches vor dem Dankzettel, der auch nur eine Buchseite ist, geht so: „Ich erinnere mich gut an die Volksküche in einem Schulgebäude am Tempelhofer Ufer im Nebenhaus. Wir gaben Lebensmittelmarken ab, und mein Vater holte dort täglich ein warmes, überaus schmackhaftes Essen, das wir 1948 mit der uns zugeteilten Ration nie so gut und reichlich hätten kochen können. Damals hörte ich zum erstenmal das mir fremde Wort „Volksküche“, das zum roten Faden dieses Buches wurde.“ 1948 ersetzte die Volksküche nicht mehr die Hausfrau wie zu Lina Morgensterns Zeiten: „Die meisten Arbeiterfrauen haben nicht kochen gelernt.“ Knoblochs Mutter konnte vermutlich kochen, das wollte ihr der Sohn sicher nicht indirekt absprechen. Aber er wollte eine ganz persönliche Beziehung zu seinem Unter-Thema Volksküche vorweisen können. Auch sonst bietet „Die Suppenlina“ den einen oder anderen Einschub zum persönlichen Leben des Autors. Vor allem, als es um die Verpflegung von Soldaten auf Berliner Bahnhöfen geht, fühlt er sich angeregt, eigene Erinnerungen an Krieg und Gefangenschaft niederzuschreiben, die er so noch nicht oder aber in anderen Worten oder Perspektiven aufgeschrieben hatte. Immer kleinteilig, nie im übergreifenden Zusammenhang, es bleibt ein Themenkreis des Verschweigens statt des Erinnerns.
„Die Suppenlina“ trägt den Untertitel „Wiederbelebung einer Menschenfreundin“ und wirbt mit dem Hinweis „Mit über achtzig Rezepten aus ihrem berühmten Kochbuch“. Die Edition Hentrich oder Knobloch oder beide sind auf die schöne Idee gekommen, dem ohnehin immer löblichen Personenregister noch ein Rezeptregister hinzuzufügen. Es ist nicht alphabetisch sortiert, sondern gibt die Abfolge der Rezepte nach den Seiten, auf denen sie sich finden, geteilt nur in „Volksküche“, das sind jene Rezepte, die allenfalls in sozialistischen Betriebskantinen nachgekocht werden könnten oder ihren marktwirtschaftlichen Pendant, und, ohne Sammeltitel, in die Rezepte für Mutti und Vati und Oma. Das hat den netten Effekt, dass die englische Linsensuppe unmittelbar auf den Berliner Kaffeekuchen folgt, der Bärenschinken in Burgunder auf Hirschohren. Was man halt so kochte außerhalb der Volksküchen. Es sei erinnert, dass ein Buch mit Rezepten keineswegs als Unikat im Werk Knoblochs steht. Die massivste derartige Edition heißt „Guten Appetit. Eine Weltreise mit Messer und Gabel“, erschienen im Verlag für die Frau Leipzig, die Nummer der Druckgenehmigung deutet auf 1967, ein Erscheinungsjahr nennt der Verlag nicht. Das Buch hat 448 Seiten und nennt auf Umschlag und Titelblatt zwei Autoren: Günter Linde und Heinz Knobloch.
Das Buch liefert nicht den geringsten Hinweis, wer von den beiden Autoren wofür verantwortlich war. Haben sich die beiden nach Ländern aufgeteilt oder formulierte einer die Rezepte, der andere die landeskundlichen Passagen. Günter Linde war außenpolitischer Redakteur der Wochenpost, zu ihm finden sich ein paar Informationen in „Das war die Wochenpost“ von Klaus Polkehn (Ch. Links, Berlin). Erna Linde nennt der Verlag für die Frau als verantwortlich für die Rezepte, damit wird die Arbeitsteilung noch rätselhafter. Rezepte findet der Knobloch-Leser auch in „Eierschecke“, seiner Darstellung seiner Dresdner Kindheit. Rezepte gibt es in „Rund um das Bett“, als „Sibylles Kopfkissenbuch“ im Verlag für die Frau erschienen, Rezepte gibt es in „Hecht, Zander, Barsch“, als „Sibylles Angelhaken“ ebenfalls im Verlag für die Frau erschienen. Linde-Informationen bringt Knobloch auch selbst in „Das Lächeln der Wochenpost“ und „Mit beiden Augen. Mein Leben zwischen den Zeilen“. Man muss halt wie fast immer Puzzleteile zusammenfügen. Die „Weltreise mit Messer und Gabel“ hat nicht nur ein alphabetisch sortiertes Rezept-Register von Aal grün bis Zwiebelsuppe nach Bauernart, es hat als letzte Zeile des Buches vor dem Register auch eines der bei Buchautoren beliebtesten Goethe-Zitate: „Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent!“
Kein Schelm, der Gutes dabei denkt. Goethe war kein Rufmörder, Goethe doch nicht! Er wäre ja nach seinen Beiträgen für „Frankfurter Gelehrte Anzeigen“ längst selbst mausetot gewesen, hätte sich jemand an seine Hass-Mail gehalten, die natürlich noch keine war. Ohne ausdrücklichen Hinweis auf seine Entdeckung hat Heinz Knobloch in seiner „Suppenlina“ enthüllt, dass Erich Honecker keineswegs den „Kaffee-Mix“ erfand, der es einst schaffte, in kürzester Zeit das sonst stets übervolle Studenten-Café der Humboldt-Universität radikal zu leeren. Lina Morgenstern war es mit ihren Volksküchen, die (S. 148) „Kathreiners Malzkaffee halb mit Bohnen gemischt“ ins Angebot aufnahm. Seite 103ff erzählt Knobloch von einem Etappen-Leutnant und seinem heftigen Disput mit Lina Morgenstern. „Sie irren, Herr Leutnant!“ habe sie gesagt. Knobloch kommentiert: „Wann jemals hat ein deutscher Mensch das zu einem deutschen Offizier zu sagen gewagt?“ Das waren vermutlich mehr deutsche Menschen, als wir alle ahnen. Man kann sich zwanglos eine deutsche Mutter vorstellen, die ihrem deutschen Sohn in Uniform auf dessen Aussage „Die Russen sind gar keine Untermenschen!“ ironisch entgegnet „Sie irren, Herr Leutnant!“ Knobloch aber weiß, Lina sei „noch Jahre später vorsichtig, lässt diese Episode sogar ganz weg.“ Er aber kennt sie.
Ein Kapitel im Buch scheint laut Dankzettel gar nicht von Knobloch zu sein, sondern von Lothar Uebel. Der schrieb über Kreuzbergs Bürgermeister Carl Herz, ein anderes Kapitel konnte nur entstehen, weil Dr. Hermann Simon eine Schrift von Dr. Julius Moser aus dem Jahr 1907 zur Verfügung stellte. Im daraus entstandenen „Exkurs: Die Lösung der Judenfrage“ begibt sich Knobloch ins weite Feld der Berliner Straßenumbenennungen, manche würden sagen: ins verminte Gelände. „... da stock ich schon, weil es im Berliner Bezirk Wilmersdorf eine Straße gibt, Seebergsteig, harmlos klingend, aber nach einem aggressiven ideologischen Wegbereiter des Naziregime benannt.“ Wer das war, überlässt er seinen Lesern herauszufinden. Es war der Theologe und Dogmen-Historiker Reinhold Seeberg (5. April 1859 – 23. Oktober 1935), nach dem am 14. April 1936 die Dunckerstraße umbenannt wurde, die wiederum 1898 nach Franz Günther Duncker (4. Juni 1822 – 18. Juni1888) benannt worden war. Die erneute Umbenennung in Toni-Lessler-Straße am 1. September 2003 erlebte Heinz Knobloch schon nicht mehr. Der Theologe Seeberg mag eine finstere Gestalt gewesen sein, zuletzt bei den völkischen „Deutschen Christen“, ihn aber zum Wegbereiter des Naziregimes zu ernennen, täte ihm zu viel Unehre an. So wichtig war er nicht.
Mein Exemplar der „Suppenlina“ hat Heinz Knobloch am 19. Februar 2000 mit einer Widmung „Für Sybille El-Qalqili“ versehen, die Edition Hentrich ließ dafür auf der Innenseite des vorderen Buchdeckels etwas wie ein Ex libris vordrucken. Sibylle Erika El-Qalqili Freiin von Quernheim (19. Februar 1944 – 23. Juni 2019) hat ihre letzte Ruhestätte auf dem Waldfriedhof Zehlendorf und offenbar keine Erben, die sich für handsignierte Bücher interessierten. Gut für mich, der ich nicht sammle, aber ein Autogramm auch nicht verachte. Mein Exemplar ist benutzt worden, es enthielt keinerlei Anmerkungen oder Markierungen, jetzt ist es voll davon. Es ist, wie der vorwarnende Antiquar gern mitteilt, schief gelesen. Das ist besser als die verrostete Klammerheftung in einem anderen Knobloch-Titel meines Bestandes. Ob Heinz Knobloch mit seinem Buch tatsächlich etwas wie eine „Wiederbelebung“ der Lina Morgenstern gelungen ist, wage ich weder zu behaupten noch zu leugnen. Aus dem Heinz-Knobloch-Freundeskreis erfahre ich, dass er die Gedenktafel für sie und ihre Volksküchen in der Linienstraße 47 nicht nur selbst mit enthüllte am 16. Dezember 1997, er bezahlte die Tafel auch aus eigenen Mitteln. Vermutlich bin ich als Anwohner der Mulackstraße einst vielfach an Nummer 47 vorbei gelaufen, ohne ihre Geschichtsträchtigkeit auch nur zu ahnen.