Heinz Knobloch: Geisterbahnhöfe
Wenn nur 42 der 149 Seiten eines Buches von einem Autor sind, die verbleibenden 107 Seiten sich auf den Verleger, den Fotografen und Interviews verteilen, die mit Zeitzeugen geführt wurden, dann darf der Verfasser der 42 Seiten sich mehr als freundlich behandelt fühlen, wenn er vorn und ganz oben auf Buchrücken und im Buchtitel erscheint, bisweilen das Buch sogar nur als seins genannt wird. Das Buch „Geisterbahnhöfe. Westlinien unter Ostberlin“ hat, schematisch gesprochen, einen rein belletristischen und einen dokumentarischen Teil. Den belletristischen steuerte auf Anfrage des Verlags Heinz Knobloch bei. Der „willigte sofort ein und schrieb 1991 auf, was er mit der unterirdischen Nord-Südtrasse der S-Bahn verband.“ (Vorwort). Die erste Auflage des fast quadratischen Buches erschien im März 1992, es gehörte über Jahre zum lieferbaren Programm, was keineswegs von allen Titeln des damals noch sehr jungen Ch. Links Verlags zu sagen bliebe. Es dauerte, wenn ich mich recht erinnere, dennoch etliche Jahre, ehe Titel des Hauses überhaupt in Katalogen erschienen, die Bücher jenseits der Buchpreisbindung vertrieben: als Mängelexemplare getarnt oder tatsächlich solche darstellend. „Geisterbahnhöfe“ unterlag natürlich den klassischen Sachbuch-Regeln: sie verlangten angesichts neuer Faktenlagen nach Überarbeitung/Aktualisierung.
Der Verlag nahm die veränderte Situation im Berlin des Jahres 2008 zum Anlass, „noch einmal an die alten Schauplätze zurückzukehren und aus genau der gleichen Perspektive die historischen Stätten zu fotografieren.“ Das ergibt ab Auflage 7 der nun folgenden Jahre für Leser, die vielleicht gar nicht lesen wollen, sondern nur Bilder anschauen, den Kontakt mit einem sehr interessanten Buch. Es lohnt sich, jedes einzelne Foto im Detail anzuschauen: sie dokumentieren Geschichte. Sie dokumentieren Geschichte unprätentiös und mit unterschiedlichen Angeboten an unterschiedliche Betrachter-Generationen. Man muss nicht mit DDR vertraut sein, um zu verstehen und zu erkennen. Wenngleich es hilfreich ist, eigene Erfahrungen zu haben. Wer vermutet ein SED-Plakat zur Wahl ins Westberliner Abgeordnetenhaus? 1961 gab es das noch. „... bis heute Abend Hörspielfreund“ warb ein Plakat für die drei Sender Radio DDR, Berliner Rundfunk und Deutschlandsender. Ein anderes: „Die ganze Familie begeistert von Toiletten-Seifen“ aus der Konsumseifenfabrik Riesa. Heinz Knobloch konnte 2008 fürs Buch nichts mehr tun, er war am 24. Juli 2003 gestorben. Der Verlag entschied, seine Texte unverändert beizubehalten, ihnen aber eine Einleitung voranzustellen, die sachbuchgerecht ist und nicht nur selbst dokumentarisch gewordene Feuilletons kommentiert.
Hätte einst im Verlag jemand die Idee gehabt, dem Buch ein Personenregister zu geben (es wäre angesichts der geringen Textmenge Luxus gewesen), dann wären (falls ich mich nicht verzählt habe) 45 Namen auf 42 Knobloch-Seiten entfallen. Nur zwei Namen kommen auf drei verschiedenen Seiten vor: Hitler und Fontane, Fontane allein sechsmal auf einer Seite, viermal ist Manfred Butzmann auf einer Seite vertreten, allerdings nur auf dieser. Das Spektrum reicht von Marilyn Monroe bis Inge Lange, von Kurt Tucholsky bis Friedrich Engels. Engels erscheint ohne seinen Dauer-Kompagnon Marx. Zwei Kaiser sind präsent: unser Wilhelm II. und Österreichs Franz Josef, der immer den schöneren Bart hatte. Goethe gibt es, Lessing zweimal. Sigmund Freud. Wer seinen Knobloch kennt, ist kaum erstaunt, auch Moses Mendelssohn zu finden und Mathilde Jacob. Das Erich Honecker vorkommt, liegt am Erscheinungsjahr der ersten Auflage, früher arbeitete Heinz Knobloch honeckerfrei. Und Victor Auburtin steht auf Seite 31, weil er im Kaufhaus Wertheim, 1912 von Alfred Messel erweitert, seine künftige Frau Hedwig kennenlernte. Wer 1992 Knobloch kannte, da war seine DDR-Popularität noch weitgehend ungebrochen und zugleich ein Verkaufsargument, erkennt ihn mühelos. Wer ihn neu kennenlernte, hatte sofort all seine Eigenarten.
Selten mehr als drei Seiten umfassen die Text-Bausteine Knoblochs auf dem dramaturgischen Weg entlang der Nord-Süd-Bahnstrecke in Richtung zum Nordbahnhof. Und immer tut er, was seines Amtes ist: er sieht und schreibt als Feuilletonist. Das heißt, für alle, die das nicht so genau wissen: er schweift ohne schlechtes Gewissen ab, er wird urplötzlich und keineswegs immer erkennbar begründet, privat und persönlich. Das Verfahren ist pur assoziativ, alle Sprünge in Zeit und Raum sind ihm wesenseigen und nicht etwa Ausdrücke von Unfähigkeit. Immer ist Widerspruchsgeist als Würzprise da, manchmal nur in homöopathischer Dosis. Am Ende wird der Knobloch-Kenner sagen: alle 13 Texte hätten unter einer Überschrift auch ohne jedes Bild, ohne ergänzende Dokumente, in einem seiner Bände stehen können. Vor 1990 freilich nicht. Von manch kleinerer oder größerer Hürde informierte der Feuilletonist erst seine späten Leser in seinen späten Verlagen. Fürs Denkmal des unbekannten Zensuropfers der DDR wäre Knobloch als Ganzkörpermodell ungeeignet gewesen. Noch nicht einmal Menschen, die ihn für die Staatssicherheit vermutlich oder tatsächlich beobachteten und bespitzelten, konnte er demonstrative Empörung entgegen bringen. Er neigte zum Verstehen und Verzeihen. Es gibt scheußlichere Eigenschaften, die man haben kann.
Die politische und militärische Aktion, die etliche Berliner Stadtbahnhöfe in kurzer Zeit und für volle 28 Jahre in Geisterbahnhöfe verwandelte, traf Heinz Knobloch und Familie ganz persönlich. Als Kind war er 1935 mit seinen Eltern aus Dresden nach Berlin gekommen. Sowohl aus seiner Dresdner als auch aus seiner Berliner Kindheit hat er später je ein eigenes Buch gemacht. Als er 1991 „Geisterbahnhöfe“ schrieb, waren gedruckte Informationen über seine beiden Kindheiten schon im Umlauf. Aufmerksame Leser hätten immer wieder aus seinen Feuilletons Puzzle-Teile nehmen können, um sie zusammen zu setzen, kompakte Bilder hätte das aber eher nicht ergeben. Klar war jedoch immer, die Arbeitsmigranten aus Dresden nahmen ihren ersten Wohnsitz in einer Berliner Gegend, die zehn Jahre später plötzlich Westberlin wurde. Der Vater verlor, als Sohn Heinz offiziell nach Ost-Berlin zog, ebenfalls der Arbeit wegen, seine Arbeit, was beim Sohn kaum einen Schub essentieller Begeisterung für die Freiheit des Westens ausgelöst haben dürfte. Nun aber, nach dem 13. August 1961, waren die Großeltern im Westen, Heinz, Helga und Dagmar Knobloch im Osten (Sohn Daniel kam erst 1964 dazu). Die Erinnerungen an die Nord-Süd-Bahn wurden völlig unvermeidlich Erinnerungen an Berliner Kindheit und Jugend mit Beimengungen diverser Art.
Der erste Name, den Knobloch ins Feld führt, ist Klaus Heilbronner. Der ist als „Lonnie“ bekannt geworden (mir natürlich nicht), war Leadsänger der Berlin Ramblers, laut Wikipedia die wichtigste Country-Band Westberlins. Und zugleich Mitarbeiter von RIAS Berlin. 1985 sang er „Angelika“, bezogen auf die Nachrichtensprecherin Angelika Unterlauf, und veröffentlichte die Single „An eine Berlinerin“. Dazu wiederum Wikipedia: „Politisch war daran, dass der Song auch viele S-Bahnhöfe nennt, die im damaligen Ost-Berlin bzw. in der DDR lagen.“ Für den Westen war das politisch, wäre sicherheitshalber zu ergänzen, denn der hatte nach jenem 13. August durchaus erfolgreich die S-Bahn boykottiert, weil sie dem Osten gehörte. „Die Zeitungen berichten am liebsten von morgen. Wer weiß noch, wie es gestern war?“ So Knobloch 1991, der wie wir alle im Älterwerden eher dem Gestern als dem Morgen zuneigte. Er kannte noch die aktuellen Fluchtzahlen gen Westberlin von Juli und August 1961, er wusste natürlich, dass Westberlin auch ein Fluchtort für junge männliche Bundesbürger war, die dem Dienst in der Bundeswehr entgehen wollten. Ein Cousin von mir war unter ihnen, lebte lange in der Gegend Gesundbrunnen. Prognose: „Das Gefühl, Militärbehörden machtlos zu erleben, wird für viele ein Erzählthema bleiben, wenn sie Großväter geworden sind.“
Opa Knobloch wusste, wovon er schrieb. Und kommentierte den Umstand, dass Westbahnen von Süd nach Nord durch Ost fuhren, küchenphilosophisch: „Das ist das Kuriose daran, das Entsetzliche und Komische. Das gehört immer zusammen, wenn sich etwas ereignet, das nachher in die Geschichtsbücher gelangt.“ Er hat das Auge für dieses Kuriose: „Im Schaufenster standen, sorgfältig um die „Gesammelten Werke und Schriften“ von Erich Honecker gruppiert, die zumeist zweibändigen „Reden und Schriften“ von Mielke, Tisch, Hager, Inge Lange und wie sie alle hießen.“ Wie hießen sie denn alle? Angelika Unterlauf hat sie jahrelang in der protokollarisch vorgeschriebenen Abfolge vorgelesen. Wegen der langen Liste dauerte die „Aktuelle Kamera“ doppelt so lange wie die „Tagesschau“. Heute kürzt die Genderei die Netto-Sendezeit für uns. „Nun aber stand da ein Kärtchen, gut sicht- und lesbar auf einem Glasträger in der Mitte und lautete schlicht: „Alles umsonst“. So etwas hätte Heinz Knobloch früher guten Grunds in sein Buch „Vom Wesen des Feuilletons“ als Muster einer Pointe aufnehmen können. „Kaufte man einen Stadtplan in der „Hauptstadt der DDR“, dann gab es neben der Hauptstadt eine Art Niemandsland, weiß gelassen, nein frei gelassen im feinsten Doppelsinne. Nur ein paar Bächlein waren eingezeichnet.“
Heinz Knobloch durfte schon vor 1990 in Westberlin lesen und so erinnert er sich eines BVB-Fahrers, der genau wissen wollte, wo die Knoblochs denn gewohnt hätten. Die Antwort: „Dort, wo im vierten Stock der Balkon durch eine grüne Glasscheibe gegen den Nordwestwind abgeschirmt war. Den Krieg hat sie überstanden. Längst ist sie nicht mehr da.“ West und Ost kennend, sieht sich dieser Autor hinreichend legitimiert, davon zu erzählen. Bald reicht es, den Osten nicht zu kennen, um ihn mit Überzeugung beschreiben zu können in all seiner Undankbarkeit und Rechts-Affinität. Heinz Knobloch hat viel davon noch erleben müssen, ehe er seinem Krebsleiden erlag. „Bald kam der Kalte Krieg in diese Stadt, wo der ohne Lehrabschluss heimkommende Verlagskaufmann nur in Ostberlin Arbeit als Bürohilfe gefunden hatte. Als ich von den Eltern wegzog, wegziehen musste, weil man mir in Westberlin mein in Ostberlin verdientes Geld nicht anteilmäßig umtauschte, war ich beim Abmelden auf dem Polizeirevier vielleicht ein wenig zu übermütig, weil ausgerechnet sie mir Vorhaltungen machten wegen des Umzugs.“ Vier Wochen nur dauerte es, bis Vater Knobloch arbeitslos wurde. „Will unsereiner ehrlich über die Geisterbahnhöfe schreiben, gehört dazu die Auskunft an die Leser, dass ich mehrfach diese Strecken gefahren bin.“ Das hieß Reiseprivileg.
Auffällig, wie Knobloch vom „Ich“ zum „man“ übergeht: „Man brauchte einen Grund, der den Behörden und zuvor dem DDR-Schriftstellerverband, der das ja befürworten musste, plausibel erschien. (Wie zufällig lagen unsere Themen überwiegend in Gegenden, die nicht ohne Visum erreichbar waren.) Reisegeld bekam man nicht. Aber nach Berlin konnte man von Berlin mit einer S-Bahn-Fahrkarte reisen, und Berlin (West) gestattete solchen Besuchern die Fahrt mit seinen Verkehrsmitteln kostenlos. Die Schriftsteller reisten mit Dienstvisum, aber ohne Reisespesen.“ Meine Mutter wäre barfuß gereist, um ihren sterbenden Vater noch einmal zu sehen, sie durfte erst, als er tot war. Und ich bekam Sonderurlaub von der NVA. Knobloch formuliert seinen aus vielen Büchern bekannten Dankzettel, der hier nur nicht so heißt: „An dieser Stelle sei all jenen gedankt, die einluden: Buchhandlungen, Bibliotheken, evangelische, katholische und jüdische Gemeinden, Vereine und Universitäten. Sie zahlten Reise, Aufenthalt und Honorar – statt eines Mittagessens kaufte man sich ein Buch.“ Das Verfahren kenne ich aus meiner Studentenzeit gut: am Tag der Stipendienzahlung (bar im Umschlag) eine Rundreise zu allen Lieblingsantiquariaten zu Fuß und mit der Bahn für 20 Pfennig. In Ostberlin selbstredend. Gesundbrunnen war weit hinter Kanada.
Für alle, die schon 1991 vergessen hatten, was es hieß, zwischen den Zeilen Knoblochs zu lesen, bringt er ein Beispiel aus „Meine liebste Mathilde“: „... wer dort die Seite 28 liest, stößt auf eine Formulierung, die leicht zu übersehen, von den Lesern in der DDR aber sehr wohl verstanden worden ist.“ Und erläutert es: „Fahren kann, das war die Wortwahl für alle, die nicht fahren konnten, nicht durften.“ Diese Art Nutzung des Verbs können im Sinn von dürfen, war, glaube ich, weniger harmlose Subversivität, wie Knobloch glauben machen möchte, als typisch schlechtes DDR-Deutsch, wie es auch allen Funktionären locker über die Zunge kam. „Wer dabei war, muss erzählen.“ Der Satz gilt für Schriftsteller. Noch im Spätsommer 1990 dachte Knobloch: „Du fährst nachher nach Westberlin.“ Wer heute Kinder und Enkel in Charlottenburg hat, denkt immer noch, falls er es denn tut: Du fährst nachher nach Ostberlin. Mit einer Mauer im Kopf hat das nichts zu tun. Umso mehr verblüfft, wenn Knobloch 1991 schon kühn Vergangenheit behauptet: „Die Mauer im Kopf stand länger als die aus Beton.“ Solch eine Phrase wäre ihm früher kaum unterlaufen. „Zum anderen hatte sich die erbaute Mauer als Grenze nie ganz im Verstand aufrichten können.“ Nun erst widmet sich Knobloch seinem eigentlichen Thema: Vom Anhalter zum Nordbahnhof.
Und lässt sofort raus, was ihn ärgerlich macht: ein „Siegerübermut, der sich allemal an geänderten Straßennamen messen lässt“. Er weiß: „Es sind immer wieder sogenannte patriotische Gründe, derentwegen Einwohner eine neue Adresse lernen müssen.“ Das hat sich inzwischen sehr gründlich geändert: patriotische Gründe sind, wie Knobloch geschrieben hätte, ausgestorben worden, es gibt jetzt nur noch ideologische Gründe, die von Vertretern meinungsmächtiger Ideologien vorgetragen und durchgesetzt werden. Bisweilen gegen jede Vernunft und noch öfter gegen den Willen der meist schweigenden Mehrheiten. „Leider haben zu oft die Kurzsichtigen das Sagen. Geschichte wird beseitigt, wird abgewischt, umbenannt, überbaut.“ Und wenn alles weg ist wie im Fall „Palast der Republik“, lassen sich sogar wieder Dokumentationen anfertigen, wie alles so war und wurde. Nur weil der unschuldige Palast vor 50 Jahren in Betrieb genommen wurde. Da war ich Zeitzeuge wie schon bei der Grundsteinlegung am 2. November 1973, damals durch kräftige Zurückweisung vom genaueren Blick in die Baugrube abgehalten. Der Potsdamer Platz ist zuerst und vor allem erneuter Anlass einer Erinnerung an Krieg und Nachkrieg in Familie Knobloch: „Im April 1944 bin ich als 18jähriger Soldat, einmal auf Urlaub zu Hause gewesen, von diesem Bahnhof abgefahren.“
„Endgültig, schien es mir, von Berlin bis in die ferne Bretagne, wo bereits der Krieg auf uns wartete. Von niemandem begleitet. Die Mutter war dienstverpflichtet in einer Fabrik, mein Vater irgendwo in diesem Krieg. Eine Freundin hatte ich nicht. Es ist wohl gut, bei solchen Abfahrten allein zu sein. Abschied verlängert die Trennung.“ Zeitsprung: „Als ich schon vier Jahre später wiedergekommen war aus dem Kriege, schob ich mit meinem Vater einen beladenen zweirädrigen Karren aus der Leipziger Straße rund um den Potsdamer Platz, der damals wegen seiner Ruinen ringsum noch Anhaltspunkte bot. Mit Mühe gelangten wir in die Stresemannstraße, denn keiner von uns hatte je zuvor eine solche Karre voller Briketts regieren und balancieren müssen.“ Und nun bekommt Theodor Fontane seinen ersten Auftritt, freilich nur durch das Prisma eines Vorschlags für ein Monument des Gedenkens an ihn, den der Schauspieler Andreas Grothusen (82) erfolglos der Berliner Öffentlichkeit präsentierte. Grothusen veröffentlichte 2000 ein Buch über Menschen und Häuser des Steglitzer Fichtenbergs. Und Heinz Knobloch bekennt eigenes Unvermögen, sich vorzustellen, wie den DDR-Soldaten zumute war, die unterirdisch nicht nur die Geisterbahnhöfe, sondern auch sich selbst gegenseitig zu bewachen hatten: „Man schämt und entschuldigt sich.“
In seinem Element ist Knobloch, wenn es um Fundstücke geht, alte Speisekarten etwa, die ihm Auskunft geben über Preissenkungen, die beliebt waren (und es bis heute sind, nur sind sie im Gedränge stets dominierender Erhöhungen innerhalb unserer Marktwirtschaft Randphänomene) und sonnabends verkündet wurden. Ein garniertes Sülzkotelett sank von 2,85 auf 2,35 Mark und war dann ein Jahr später gar nicht mehr auf der Karte. Eine Karte galt bis zum 13. August 1961: „Damit wird sie gedruckte Geschichte.“ Klar, wie es gemeint ist: Knobloch neigt stark zu solchem Erzählen von Geschichte, das sich vom Erzählen zünftiger Historiker unterscheidet. Die heutzutage ohnehin gar nicht mehr erzählen, sondern Narrative formulieren. Die dann nach weithin verbreitetem Köhlerglauben zu selbständigen Agenten der Geschichte werden (Marx und Engels wären vor Lachen in keinen Schlaf gekommen und deshalb vorzeitig gestorben). „Man braucht die Geschichte nicht anhand der Siege und Niederlagen zu erzählen, sondern mit Preisen, Löhnen, Abgaben und Steuern.“ Was deren schriftliche Überlieferung voraussetzt, selbst Keilschrift oder Hieroglyphen helfen im Bedarfsfalle sehr weit, sie müssen nur in unsere Sprache übertragen werden. Knobloch erinnert sich und begründet, dass auf DDR-Rummelplätzen Geisterbahn „Dämonenexpress“ hieß.
Das muss eine andere DDR gewesen sein, jene, in der angeblich Engel „Jahresendflügelfigur“ genannt wurden, was eine Kabarettisten-Erfindung war und vor allem im Westen geglaubt wurde, für den Knobloch ja nun auch zu schreiben hatte. Er erinnert an einen Vorschlag, an dem er einst beteiligt war: hier, wo das Gelände der Neuen Reichskanzlei mit Plattenbauten überbaut worden ist, eine Bedürfnisanstalt einzurichten. Vorschläge des Grafikers Manfred Butzmann wie des Rektors Heinrich Fink fanden kein Gehör. Heute ist nur zu sagen: Natürlich fanden sie kein Gehör. Nur weil im Osten jedes Dorf mit mehr als 300 Einwohnern eine Friedensstraße hatte, ich selbst lebte reichlich sechs Jahre in einer, muss doch Berlin keine Friedensallee haben, schon gar keine an so prominentem Ort. Die Nord-Süd-Bahn, um die es immer noch geht, erlebte, weil wegen der bevorstehenden Olympischen Spiele zu schnell gebaut wurde, eine Katastrophe: 19 verschüttete Arbeiter fanden nahe dem Brandenburger Tor den Tod, den sie gar nicht gesucht hatten. „Da sich Geschichte überall durch Details erlebbar macht, bleiben wir stehen auf dieser glatten Straße, die nichts mehr verrät von jenem August 1935.“ Fragt jemand nach einer Gedenktafel, jemand, „dem naiven Teil der Bevölkerung angehörend?“ Knobloch steht an der Seite dieses naiven Teiles.
Und kennt uralte Witze, die auch von Tucholsky sein könnten: „Selbst Revolutionäre würden sich Bahnsteigkarten gelöst haben, um die Bahnhöfe ordnungsgemäß besetzen zu können.“ Er erzählt, wie aus dem Haus des Handwerks die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika wurde, wie man dort Veranstaltungen besuchen konnte, wenn man durfte und eventuell einen Berichtsauftrag zu erfüllen hatte. „Die Obdachlosen vom „Zoo“ holten sich im Intershop den billigsten DDR-Schnaps ... Ab und zu erzählte einer, dass er auch aus dem Osten gekommen sei vor Jahr und Tag.“ Das war bald vorbei. Lange vorher aber stieg der Heimkehrer Heinz Knobloch am S-Bahnhof Charlottenburg in die Bahn nach Friedrichstraße, es war der 7. Februar 1948. Mich gab es noch nicht. Als es mich fünf Jahre später gab, dauerte es noch reichlich vierzig Jahre, ehe Charlottenburg mein meistbenutzter S- und U-Bahnhof wurde. Der Feuilletonist mit Reiseerlaubnis erinnerte sich einer ersten Tour unter der Erde: „Es war der milde Kulturschock. Da lasen Menschen einfach Zeitungen, die ich nicht mitführen durfte, lieber nicht.“ Heute ist der Kulturschock ein anderer: Niemand liest mehr Zeitungen. Schon ein Buch in der Bahn ist seltener als eine Smaragdeidechse in der Eiger-Nordwand. 1991 wurde aus dem „Nordbahnhof“ der Bahnhof „Zinnowitzer Straße“.
Als ich ihn kürzlich neugierig besuchte, hieß er wieder Nordbahnhof und ich kehrte arg angefasst zurück. Knobloch folgt weiter seinen Erinnerungen, den unterirdischen wie den oberirdischen: das zum „Stadion der Weltjugend“ gewordene Walter-Ulbricht-Station sah mich im studentischen Sport, dessen vollständige Absolvierung ohne eine einzige Fehlstunde mir und meinen Kommilitonen auferlegt war, falls wir an der Hauptprüfung teilnehmen wollten. Die gesprengte Tunneldecke unter dem Landwehrkanal führte zu jener Überflutung, die U- und S-Bahn-Tunnel unterschiedlich betraf. Bei der S-Bahn dauerte es Monate: „Auch im Frühjahr 1946 wurden noch Tote gefunden.“ Soweit das Bestattungsamt Mitte zuständig war, kamen die Toten auf den jüdischen Friedhof an der Großen Hamburger Straße. Das ist jener, den Knobloch nie nennen kann, ohne an das Grab von Moses Mendelssohn zu erinnern, das einer groß angelegten Friedhofsschändung zum Opfer fiel während der Deportationen aus Berlin. „Wir wollen die Strecke nach Norden zu Fuß zurücklegen.“ Das gibt ihm Gelegenheit, zu Straßennamen, Brückennamen und schließlich zu einer Fontane-Anekdote zu kommen. Der, in der Fontane die Straße entlanghüpft, weil er nun sicher ist, sich mit seiner Emilie verlobt zu haben. Das Wort Grünanlage erscheint, bald empfiehlt er, ihnen in Berlin zu misstrauen.
Vom Nordbahnhof, als er noch Stettiner Bahnhof hieß, hat Knobloch ebenfalls eine persönliche Erinnerung: hierhin kehrte er Ende Oktober 1943 aus Polen zurück, wo er „mehr Waffenausbildung und Gehorsam geübt“ hatte als in Danziger Grünanalgen Luftschutzgräben ausgehoben. Und es fehlt nicht die Geschichte mit den Zigaretten, die es mehrfach bei ihm gibt: Vorübergehende warfen sie ihnen heimlich in die Grube. Knobloch glaubt: „Weil sie uns aber für fremde Kriegsgefangene hielten, zögerten sie aus begreiflichen Gründen. Ich habe damals doch einiges gelernt und erst später begriffen.“ Vom Tode bedroht fühlt er sich 1991 in der Invalidenstraße, es ist der Verkehr, der ihn ängstigt. Er kennt schon den frischen Streit um das Gelände des Neuen Sophienfriedhofes: „Und ist nicht das so getilgte und quasi durch die Grenzziehung geschändete Stück Friedhof ein Denkmal besonderer Art?“ Seine letzte Frage im Buch lautet: „Wie lange wird’s dauern, da werden die einst für tot erklärten Bahnhöfe der Stadt- und Untergrundbahn nur noch durch Fotos und ein paar Dokumente an ihr entfremdetes Dasein erinnern?“ Es wäre der Lauf der Dinge und wir dürfen uns gern fragen, ob überall, wo jetzt etwas ist, was früher nicht war, eine Tafel stehen sollte. Bücher wie „Geisterbahnhöfe“ sind auf ihre Art solche Tafeln, von Heinz Knobloch stammen einige mehr.