John Updike 90

Nur weil ich vor fünf Jahren „John Updike 85“ ins Internet stellte (vgl. http://www.eckhard-ullrich.de/jahrestage/2665-john-updike-85), muss heute nicht zwingend „John Updike 90“ folgen, zumal er tot ist, während andere, älter als er, nicht nur noch herumleben, sondern die Welt mit Büchern beglücken, als wäre das der übliche Normalfall. Was wäre zu Alterswerk die finale Steigerungsform? Als Updike noch ein sehr junger Mann war, ereilte ihn das Glück. Das Glück hieß Chefredakteur, eine Gestalt im Leben gar nicht so kleiner Menschengruppen, die keinesfalls automatisch für das Denkmal des unbekannten Chefredakteurs mit ewiger Flamme geschnitzt ist. Updike war eben in ein Büro in der dreizehnten Etage gezogen, eben war seine erste Geschichte in „The New Yorker“ gedruckt worden, als ihm der nämliche Chefredakteur bedeutete, er werde nunmehr Autor der Rubrik „Talk of the Town“. Volker Hage, der später (2007) eine ganze Updike-Biographie schrieb, erzählt das in seinem Buch „Alles erfunden. Porträts deutscher und amerikanischer Autoren“. Und er erzählt dabei auch etwas, was jedem Schreibenden, beliefere er Zeitungen, Magazine oder Verlage, als Traum nicht nur für frostige Winternächte erscheinen dürfte. Mit 23 Jahren befand sich John Updike in der hoch privilegierten Situation, seine Texte niemandem mehr vorlegen zu müssen: sie wurden gedruckt, wie er sie schrieb.

Um letztmalig auf den Chefredakteur zurückzukommen: der muss natürlich nicht nur ein Mann rascher Entschlüsse gewesen sein, vor allem ein Mann sicheren Urteils. Rasche Entschlüsse können auch sehr kleine Geister fassen, die aufrecht unter Teppichen lustwandeln, ohne sich den Scheitel zu verziehen. Mit dem sicheren Urteil dagegen ist eher eine Fähigkeit aus der Mangelwirtschaft beschrieben. Einige nutzen ihr trainiertes Vermögen diesbezüglich nur, um alles wegzubeißen, was scheinbar oder tatsächlich besser ist als sie selbst. Updike also war John im Glück, was ihn nicht daran hinderte, als erstes Buch einen Lyrik-Band zu veröffentlichen. Updike war schon 1983 einer, als ihn Volker Hage besuchte, der am Computer schrieb. Damals waren Buchstaben auf dem Bildschirm noch grün, man brauchte Zusatzprogramme, wenn man aus anderen Sprachen zitieren wollte. „Man kann alles wunderbar hin und her schieben, verändern und löschen“, verriet Updike dem neugierigen Literaturredakteur aus dem fernen Deutschland. Da das vierzig Jahre her ist (fast), ist es den Satz wert, dass ich Autoren des Jahres 2022 kenne, die stolz darauf sind, keinen Computer zu besitzen, keinen zu benutzen und niemals e-mails zu schreiben. 1983 besaß Updike in seinem dreistöckigen Haus nahe Boston mehrere Arbeitszimmer, eins sah aus wie eine Redaktionsstube.

Ich bin nur vier Jahre jünger als Volker Hage, habe den Wahnsinn des Übergangs in Großraumbüros noch erlebt, den Übergang zum News Desk zum Glück nicht mehr, nur noch aus den Reden meiner Ex-Kollegen, weil ich eben einen Chefredakteur hatte, der es eher mit den Entschlüssen als den kompetenten Urteilen hielt. Als es des 80. Geburtstages von Updike zu gedenken galt, schrieb ich „Updike liest in Hemingways Nachlass“ (vgl. http://www.eckhard-ullrich.de/jahrestage/324-updike-liest-in-hemingways-nachlass) und war noch in kurzen Abständen darauf neugierig, wie sich die Zahl der Zugriffe auf meine Seite und ihre einzelnen Rubriken und Texte entwickelte. Das verfolge ich schon lange nicht mehr, allenfalls in sehr großen Abständen. Aber Updike war für eine Zeit mein „Hit“. Ich selbst sein eifriger Leser und ein noch eifrigerer Sammler seiner Bücher. Schaue ich heute nach meinen Notizen, sehe ich knapp 70 Druckseiten, erstaunlich vielseitig verwendbar auch für heutige und spätere Tage. Und ich gerate fast unvermeidlich an Marcel Reich-Ranicki, den unter deutschsprachigen Kritikern vielleicht größten Updike-Fan (auch so etwas dürfen Kritiker durchaus sein). Er nahm den Amerikaner sehr gern als gute Gelegenheit, die deutsche Literatur insgesamt, die sein eigentlicher Gegenstand immer blieb, mehr oder minder heftig zu geißeln.

Reich-Ranicki konnte Neid erregend präzise und prägnant formulieren. Und es sich sogar erlauben, eine Kritik zu zerpflücken, die eine Kollegin geschrieben hatte, die eigentlich gar keine richtige Kollegin war: Gabriele Wohmann in diesem Falle. Der Kritiker der Kritikerin hatte, kaum zufällig, die besseren Argumente. Noch in seiner späten Phase, als er lieber Leser-Fragen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beantwortete als lange Essays zu schreiben, war ihm das Stichwort Updike höchst willkommen. „Von John Updikes umfangreichem erzählenden Werk liebe ich vor allem die Geschichten. Sie lassen sich gut lesen und schwer beschreiben. Seine Diktion ist von preziösen Wendungen und erlesenen, allzu erlesenen Metaphern nicht ganz frei. … Updike liebt sprachliche Askese nicht weniger als stilistischen Prunk. … Wir haben es mit Bruchstücken eines großen Selbstporträts zu tun.“ Die eine nicht geschriebene Autobiographie dann vielleicht doch ersetzen. Im Gespräch hatte Updike einmal geäußert, sinngemäß, sein Leben sei nicht interessant genug. Worüber zu streiten wäre. Letzthin ist der Weltruhm Updikes aber doch aus den Romanen erwachsen und aus den Sex-Stellen in diesen Romanen, was natürlich niemand gern zugibt. Wer im noch heute verklemmt-prüden Amerika ins Dickicht von Schamhaar dringt, den ereilt der Ruhm.

Für seine Rezeption in der DDR, es gab einmal sowohl dieses kleine Land als auch eine Updike-Rezeption darinnen, war es kennzeichnend, die Sex-Stellen bisweilen sogar unangenehm und/oder peinlich zu finden, was DDR-Leser nicht hinderte, zuerst nach ihnen zu blättern. Erwin Pracht (22. Februar 1925 – 13. Dezember 2004), zu Zeiten Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin, filterte in seinem Nachwort zu „Hasenherz“, dem ersten Band der Rabitt-Reihe, die schließlich auf fünf Bände anwuchs, Gesellschaftskritik aus und Humanismus. Mit Humanisten war die DDR gern unzufrieden, weil sie in aller Regel nicht zu den Ursachen des Faulens und Sterbens im faulenden und sterbenden Kapitalismus vordrangen, weder Antworten noch Lösungen kannten. Immerhin: man konnte sie gelegentlich als Bündnispartner betrachten (und missbrauchen), je nach Lage des tobenden Klassenkampfes. „Aber es ist sein Verdienst, zu einem Zeitpunkt, als das wirtschaftliche Wachstum der Nachkriegsjahre andauerte und unbegrenzt zu sein schien, Unbehagen artikuliert zu haben.“ Dass DDR-Autoren sich bezüglich der DDR ähnlich auszeichneten, war 1978, gerade 1978, keinen Gedanken wert für einen fest installierten Professor. Der auch dies bei Updike fand: „Updike zerstört auf seine Weise den in den USA weit verbreiteten Mythos vom Sportidol, dem Sportler, der als erfolgreicher Außenseiter von der Gesellschaft gehätschelt wird.“

Ein in der DDR recht weit verbreitetes Buch mit dem Titel „Literatur der USA im Überblick“, es war die verbesserte Neuauflage von „Amerikanische Literatur im Überblick“ (Reclam Leipzig), behandelt John Updike auf leicht merkwürdige Weise. Karl-Heinz Wirzberger (2. Juni 1925 – 23. April 1976), gemeinsam mit Karl-Heinz Schönfelder Autor dieser Gesamtdarstellung, wollte offenbar auch einmal ausführlicher über „Der Zentaur“ schreiben, dem Kollege Schönfelder in der DDR-Ausgabe ein zwölfeinhalb-seitiges Nachwort gewidmet hatte. So kommt dann auf drei Reclam-Seiten fast zur Hälfte „Der Zentaur“ vor, das gesamte restliche Werk muss sich mit der anderen Hälfte begnügen. Wirzberger, er war noch Rektor der Humboldt-Universität, als ich mein zweites Philosophie-Semester dort absolvierte, postuliert auch sofort das Hauptthema, es „ist der fortschreitende moralische Verfall und die geistige Verarmung des Menschen in der spätkapitalistischen Gesellschaft der USA.“ Wirzberger trat, man kann es, muss es aber nicht verheimlichen, ausgerechnet an „Führers“ Geburtstag, am 20. April 1943, in die NSDAP ein, lieferte damit der alten Bundesrepublik, in der bekanntlich nie irgendjemand in irgendeine NSDAP eingetreten war vor 1945, weshalb es Persilscheine regnete, ein begeisterndes Faktum.

„Sein abstrakter bürgerlicher Humanismus lässt ihn die wahren Ursachen für die Zerstörung der menschlichen Persönlichkeit nicht erkennen.“ Im Gegenzug half, von solchen Professoren unbemerkt oder wenigsten unreflektiert, der konkrete proletarische Humanismus die eigene Basis zur Luftblase zu machen, die 1989/90 einfach implodierte. „Den Sozialismus in seinem Lauf, den halten weder Ochs noch Esel auf.“ So tönte eine großer Vorsitzender in der erodierenden DDR, während der Spätkapitalismus seine zerstörten Persönlichkeiten ausschwärmen ließ, die Konkursmasse real existierender Sozialismus zu übernehmen. Heute wissen wir, wer die Ochsen und Esel waren: sie saßen, wie Brecht es formulierte, in einem Haus mit vielen Telefonen (während das Volk auf solche endlos warten musste). Soweit, so schlecht. John Updike hat sich, so weit ich es übersehe, mit der DDR nicht befasst, dafür sehr wohl mit Sowjet-Literatur, was ihm heute sicher angekreidet werden würde. Er war ein Kenner und ein guter Leser. Was mich wiederum mehr für ihn einnimmt als die Romane, nicht unbedingt mehr aber als die kurzen Erzählungen. Wenn ich zu Updike greife, dann sind es meist Bücher wie „Amerikaner und andere Menschen“, „Vermischtes“, „Wenn ich schon gefragt werde“ und „Updike und ich“. Da finde ich, profan gesagt, immer etwas.

Zurück zu Marcel Reich-Ranicki, der das Ende des Sozialismus in den Farben der DDR oder Polens auch nicht aufhalten wollte. Er nutzte die Gelegenheit, als er die Sammlung „Der verwaiste Swimmingpool“ besprach, der bundesdeutschen Übersetzungswirtschaft einen ebenso schweren wie folgenlosen Schlag aufs Haupt zu versetzen. Von den 25 Geschichten des Bandes fand er zwei gut, sogar hervorragend übersetzt: die Namen dieser Übersetzer: Hans Wollschläger und Dieter E. Zimmer (der eine auch als Autor eines Karl-May-Buches hervorgetreten, der andere eines Bandes über Heinrich von Kleist), die restlichen 23 aber „wurden von Uwe Friesel und Monica Michieli ins Deutsche gebracht, nein, nicht ins Deutsche, sondern in ein Kauderwelsch sondergleichen.“ MRR erinnerte an seine früheren Attacken gegen miserable Übertragungen aus dem Englischen, Graham Greene und Saul Bellow betreffend, und zögerte nicht, für den Updike (den er sonst immer gut übertragen fand) einige Beispiele zu liefern. Und weil es Vergnügen macht, „Hier irrte Goethe!“ zu rufen, sage ich, dass Reich-Ranicki sich irrte, wenn er meinte, das Wort „Zudecke“ sei ein Neuwort, eigens von diesen schlimmen Fingern erfunden. Ich kenne „Zudecke“ als ganz normales Wort.

Die Formulierung mit Askese und stilistischem Prunk hat der Kritiker-Papst, wie er gern genannt wurde, bei sich selbst abgeschrieben (wie vieles in seinen Antworten für die neugierigen Leser der Sonntagszeitung übrigens). Auch wenn er über John Updike schrieb, hatte er immer seinen Goethe parat, immer seinen Thomas Mann. Das ist weniger nervig als bewundernswert, man muss die passenden Worte ja erst einmal gefunden, gespeichert und verwendbar gehalten haben, ehe man sie für sich sprechen lassen kann. Zitat ist immer zuerst Anerkennung fremden Geistes, Ausweis eigener Gedankenlosigkeit ist es zuweilen natürlich auch: etwa, wenn der Zitierte Karl Marx heißt oder Stalin. Unter den schönen Sätzen über Updike, die MRR hinterließ, greife ich diesen heraus: „Zweierlei kann Updikes Held nicht verstehen: dass er wird sterben müssen und dass es unzählige Menschen gibt, die leben können, ohne an den Tod zu denken.“ Oder: „Von der Qualität der epischen Prosa zeugt ja nicht nur das, was ihr Autor berichtet, sondern auch das, was er verschweigt, genauer: was er zu verschweigen sich leisten kann.“ Oder: „Updike ist kein Untergangsprophet: Er lässt die Kirche im Dorf. … Updike hingegen ist kein Aufklärer und kein Polemiker, über ein Programm verfügt er nicht, seine Epik kennt keine Tendenz.“

Und weil es so viel Vergnügen macht, noch mehr: „Aber anders als jene Erzähler, die von Literatur kaum mehr verstehen als Vögel von Ornithologie, ist John Updike ein Kenner“. „Updike gehört zu jenen Künstlern, die wissen, was sie wollen, die aber nicht nur wollen, was sie schon können.“ Man muss das nicht kommentieren, man kann es einfach so stehen lassen. „Updike ist ein Erzähler, der darstellt, indem er feststellt, der deutet, indem er verdeutlicht.“ Als ich vor vielen Jahren „Auf der Farm“ las, erschienen in der DDR-Reihe „Spektrum“, notierte ich mir unter anderem dies: „Nichts, weder das Stillen der Lust noch das Sichten von Land, befriedigt ein tieferes Wesen in uns als das Löschen des Durstes.“ Ich könnte darüber meditieren, warum ich mir genau das abgeschrieben habe, tue es aber nicht. Denn da steht auch dieses Eingeständnis: „Je weiter ich in diesem schmalen Buch vordringe, um so mehr bin ich sicher in dem Gefühl, diesen Updike heimlich unterschätzt zu haben. Hier ist tatsächlich bedeutende Literatur geschrieben.“ Am 28. Oktober 2005 griff ich mir Updikes Satz: „Die Stille zwischen ihnen knirschte auf den Tellern und ließ das Silber mit der Wut von Schwertern klirren.“ Mein Kommentar: „Solche Sätze schwimmen im Text wie roher Fisch in einer Leberknödelsuppe.“ Meine Vermutung, Marcel-Reich-Ranickis Vorliebe für Updike habe mit Texten wie „Transaktion“ zu tun, erwähne ich nur, er kann sich nicht mehr dagegen wehren.

In „Venezuela für Besucher“ fand ich dies: „Die Füße der Indios sind vorn sehr breit, weil sich die Zehen beim Ersteigen der Avocadobäume weit spreizen. Die Füße der Reichen sind vorn sehr schmal, weil die Zehen von spitzen italienischen Schuhe zusammengepresst werden.“ Und auf der nächsten Seite: „In Venezuela flirtet nur der unbedeutende Mittelstand. Die Indios entführen oder werden vergewaltigt; die Reichen kommandieren oder geben sich gleichgültig in anmaßender Kapitulation hin.“ In „Der Bankrotteur“ fand ich: „Er ist der Beweis für ein Leben nach dem Tod.“ Auf so etwas muss man kommen, Updike kam darauf. Einen Bestattungsunternehmer lässt er berichten: „Vergangenen Winter hatten wir eine alte Frau hier, die wollte als Vogelfutter an einem Baum aufgehängt werden, aber das läuft Landesgesetzen zuwider.“ Mich erinnerte es an eine Geschichte, die Max Dauthendey aus Indien erzählte, aber natürlich nur, weil ich Max Dauthendey gelesen hatte. Dagegen muss der nächste Satz aus „Die Witwe“ niemanden an irgendetwas erinnern: „Flatterhaftigkeit ist die unvermeidliche Haltung der Engel.“ Ich schließe mit einer Frage, gestellt in „Schnee in Greenwich Village“: „Lassen sich manche Vegetarier für den Thanksgiving Day nicht Truthähne aus gemahlenen Nüssen modellieren?“ Vermutlich ja, glaube ich, vermutlich.


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