Tagebuch

23. Juni 2019

Wenn ich krypto-türkische Sprechgesänge mit idiotischen Texten zu vollidiotischer Musik überlaut in die Ohren gehauen bekomme, muss ich nur aus dem Fenster schauen, um zu sehen, wessen Eltern gerade ihren Kevin allein zu Hause ließen. Es hat keinen Zweck, Death Metal aus Norwegen oder Schweden dagegen schallen zu lassen, es trifft die Falschen, weil es immer die Falschen trifft. Ich denke dann immer gern an einem Volontär, den ich in Arnstadt hatte, aus dem Westen in die Ex-Zone geraten, der mir erklärte, im Ostrock wäre ihm zu viel Text gewesen. Verglichen mit diesen Fuchtelheinis, die die kleinen Jungs und die kleinen Mädchen zutexten und gern aussehen wie US-Gangster und prinzipiell grimmig gucken, als wäre dies das einzige Erfolgsgeheimnis, waren alte Ostrocker Schweigemönche, die allenfalls in kleinen Dosen Lyrisches absonderten und zudem auch noch ein Musik-Diplom brauchten, ehe sie auf die Ostmenschheit losgelassen wurden. Genau so.

22. Juni 2019

Von der Genossenschaft gestern ein Schreiben mit der Ankündigung eines Experiments in der Sperrmüllentsorgung. Ich erkenne den Schwachsinn schon, als ich den Text halbwegs überflogen habe. In meinen paar Jahren als berufener Bürger im Kreistagsausschuss Landwirtschaft, Umwelt und Forsten, dem die Müllentsorgung zugeordnet war, half ich einst mit, diesen debilen Quark zu verhindern. Inzwischen hat sich die beschließende Fraktion derer, die nicht in Plattenbauten wohnen, wo Einzelentsorgung auf Antrag mit anschließender Komplettverantwortung der Mieter schlicht unrealisierbar ist, ohne schwerste Konflikte heraufzubeschwören, offenbar durchgesetzt. Ich werde mich nicht neben zwei alte Matratzen setzen, um mit einem Baseballschläger in der Hand zu verhindern, dass irgendjemand meinem Haufen etwas hinzufügt, das ich dann zu entsorgen habe, weil der Entsorger es als unangemeldet nicht mitnimmt. Herr, lass Hirn regnen auf die Entscheider.

21. Juni 2019

2462 Wörter sind es geworden, die ich dem Thema „Fontane sieht „Minna von Barnhelm““ widme. Wie meist hätten es mehr werden können. Da heute aber auch für mich „Minna von Barnhelm“ auf dem Abendplan steht, wollte ich es hinter mich bekommen. Ich habe ein kurzstrophiges Loblied für die neue vierbändige Sammlung der Theaterkritiken Fontanes eingeflochten respektive eingewoben und die Damen gelobt, die diese vier Bände verantworten. Solide Arbeit ist etwas, was für sich spricht und in falsche Hände fallen Bücher dieser Art ohnehin nicht, ihnen fehlt das Spektakuläre. Auf einem alten Briefumschlag neben meinem Schreibplatz steht: „Niemand ist tot, nur weil er gestorben ist.“ Darunter das Datum 13. Juni 2019. Ich schreibe manchmal solche Sätze auf alte Briefumschläge und acht Tage später weiß ich nicht mehr, in welchen Zusammenhang das gehört. Wenn ich mehr Zeit hätte, müsste ich nachdenken, ob das der Anfang ist oder doch eher das Ende.

20. Juni 2019

Donnerstage bleiben Bäcker-Tage und Zeitungstage, auch wenn der Abend auf einen Geburtstag fällt und die Woche darauf der Urlaub im Süden beginnt. Im Tiefkühlfach lagern jetzt mehr Kühl-Akkus als gefrorene Semmeln, wir verspeisen Vorräte, um Platz zu schaffen ohne Waffen. Wir wissen inzwischen, dass der orangefarbene Mann im „Weißen Haus“ eine zweite Legislaturperiode anstrebt, es heißt, er habe zunächst einmal 23 Kandidaten gegen sich, die wie stets die Nummer unter sich auskegeln. Das Geburtstagskind ist schon ziemlich groß, es wächst nicht mehr, wird mit Hilfe unseres Geschenkes noch luxuriöser auf seinem Balkon grillen können, wozu ihm sein lieber Onkel auch noch eine Grillschürze und eine Grillzange schenkte, welche es im internetgestützten Grillzangen-Handel einfach nicht so schön gibt. Wir essen in einem Gasthaus, welches wir öfter für solche Zwecke nutzen und als wir fertig sind, sehen wir draußen über Ilmenau zwei Regenbögen.

19. Juni 2019

Es ist stets ratsam, geschenkten Eintrittskarten noch einmal volle Aufmerksamkeit zu widmen, ehe man sich auf den Weg begibt, ihren Segnungen zu folgen. Heute sollte es eigentlich ins Pelto-Bad Sohnstedt gehen, das wir noch nie in der Woche besuchten, uns aber mit hübscher Regelmäßigkeit den ersten Sonnenbrand des Jahres einbrachte. Nun macht das Bad in der Woche aber erst 14 Uhr auf, wogegen nichts einzuwenden ist, es sei, man steht 10.30 Uhr mit beiden Taschen beladen am Auto. Die Schnellschuss-Alternative ist Hohenfelden. Man kann darüber nachdenken, wie man dort hinkommt, wenn die Ortsdurchfahrt Stadtilm gesperrt ist, muss aber nicht. Folgt man den Schildern für eine Umleitung, fährt man allerdings über Paris nach Rom, zumal es noch eine weitere sehr widerwärtige Sperrung im Ilm-Kreis gibt. So lernten wir interessante Gegenden kennen, ich sah Dörfer wieder, in denen ich seit meinen Zeitungsjahren nie mehr war, alles für 8 Stunden Sauna.

18. Juni 2019

Weil heute der 90. Geburtstag von Jürgen Habermas ist, ziehe ich eines meiner Habermas-Bücher aus dem Regal und zitiere: „Im Sommer 1988 ist der Reclam-Verlag Leipzig mit dem Wunsch an mich herangetreten, ein Buch zu veröffentlichen – mein erstes in der DDR. Nun ist es soweit. Aber eine DDR wird zum Zeitpunkt des Erscheinens nicht mehr existieren.“ Habermas schrieb das im Juli 1990, da stellte meine erste Nachwende-Zeitung gerade ihr Erscheinen ein, weil ihre Mission, im Osten den Boden für ein Anzeigenblatt zu bereiten, erfüllt war. Die zweite Nachwendezeitung breitete sich von Westen her in Richtung Kaukasus aus, was ihr in Ostthüringen kalte Füße brachte und schon Ende 1991 den Tod durch Fusion. Mein Interesse an Habermas war so lange groß, wie er unerreichbar war. Kaum stand die lange Reihe seiner Suhrkamp-Taschenbücher Wissenschaft in meinem Regal, entfernte ich mich von meinen philosophischen Wurzeln. Jetzt nervt seine Sprache.

17. Juni 2019

Weil morgen der 90. Geburtstag von Jürgen Habermas ist, füllte die ZEIT letzten Donnerstag ihr gesamtes Feuilleton mit Jürgen Habermas, selbst Gerlind Reinshagen rutschte nach hinten. Die Sonntagszeitung füllte gestern ihr Feuilleton mit massig YouTubern, von denen ich keinen kenne und auch keinen kennen will. Alles wegen dieses blauhaarigen CDU-Kritikers, der es der CDU so richtig gegeben hat, wie ich täglich bis zu 36mal höre. Der Schweizer Tatort aus Luzern trieb mich zu später Stunde noch an die Tastatur, das schlechte Gewissen vom Januar ist noch präsent: Ich verpasste die Erstsendung am 30. Dezember, sah die Wiederholung, schrieb mir zwei Blätter auf den Knien voll und kam dann irgendwie nicht zu Potte. Als ich die Mediathek bemühen wollte, verweigerte die mir ausgerechnet die Schweizer Tatorte, vermutlich irgendein dummes Abkommen. Und nun war das der vorletzte Tatort aus Luzern, der Zirkus zieht nach Zürich weiter, warum nicht.

16. Juni 2019

Beinahe hätte ich heute des 90. Geburtstages von Joachim Knappe gedacht. Der war aber schon am 16. Mai und ich tröste mich am Lexikon „Schriftsteller der DDR“, das ihn am 16 März geboren sein lässt. Wie auch immer, er ist seit 1994 tot und seine Tochter Katrin, die ich hätte fragen können, wird, irre genug, in diesem Jahr auch schon 65. Das haben die 1954 Geborenen so an sich in diesem Jahr und von den 1929 Geborenen leben noch so viele, dass einem der Gedanke kommt, es müsse am Klimawandel liegen. Früher starben die Alten früher. Also Joachim Knappe war der erste in der kurzen Reihe derer, die zu DDR-Zeiten mein Talent fördern wollten, als wäre dies ein Erz aus den Tiefen der Berge. Geholfen hat es bekanntlich nichts, mein Talent hat sich noch nicht bis Markus Lanz herumgesprochen, ich wüsste auch auf die Schnelle nicht, welches Markenmützlein ich mir über die Ohren zerren müsste, um wiedererkennbar zu werden bei all den Nachfolge-Einladungen.

15. Juni 2019

Zum heutigen Geo-Tag der Artenvielfalt hätte ich 24 Stunden lang alles aufschreiben müssen, was mir in meiner Umgebung an Arten ins Auge stach. Was natürlich voraussetzte, ich kenne die Arten, die ich sehe. Ich rieche aber allenfalls den blühenden Holunder unter meinem Arbeitszimmerfenster, die anderen Büsche sind mir schon ziemlich fremd, auch wenn nachts in ihnen Wacholderdrosseln lärmen. Den Welttag gegen die Misshandlung alter Menschen begehe ich mit gemischten Gefühlen, denn ich müsste mich als alter Mensch outen, um von den Misshandlungen zu reden, die mir hie und da zugefügt werden. Mein Herz ist bei Helen Hunt, die heute 56 Jahre alt wird und eine höchst grandiose Schauspielerin ist, mit und ohne Jack Nicholson. Nur sechs Jahre jünger ist der Titan, nicht das an meiner Wirbelsäule, sondern der zwischen den Pfosten stand. Als Schwager bin ich an solchen Tagen bisweilen Kartoffelsuppen-Empfänger, was mich erfreut, es lebe die Kartoffelsuppe.

14. Juni 2019

Marek Hlasko ist uralten Deutschen vielleicht deshalb ein Begriff, weil er ein paar Jahre mit Sonja Ziemann verheiratet war, der Film-Entdeckung Arthur Brauners, der es doch nicht geschafft hat, 200 Jahre alt zu werden. Marek Hlasko jedenfalls machte vor, was Peter Handke nachmachte: sich einen Filmstar angeln, in diesem Falle dann Jeanne Moreau. Lustige Holzhacker-Buben haben Hlasko den James Dean der polnischen Nachkriegsliteratur genannt. Immer noch besser als: den Juri Gagarin der Tiefseetaucherei. Sonja Ziemann lebt sogar noch, wenn meine unzuverlässigen Informationen stimmen, sie ist im Februar 93 Jahre alt geworden. Hlasko dagegen ist heute genau seit 50 Jahren tot, weil er eine Überdosis Schlaftabletten nahm. Der SPIEGEL zitierte am 29. Mai 1963 Verleger Witsch: „Der ist in zehn Jahren einer der größten Autoren Europas oder tot.“  Zwei Kritiken von Marcel Reich-Ranicki zu Hlasko stehen in dessen Buch „Erst leben, dann spielen“.

13. Juni 2019

Mein Tagebuch 2009 nennt den 13. Juni ein privathistorisches Datum: zum 163. und letzten Mal erschien meine Internet-Kolumne „Ullrichs Ecke“, sechs Jahre später ist ein 310 Seiten starkes Buch daraus geworden, bei mir immer noch erwerblich zu kaufen. Es ging, die Kommunalwahl war eben vorbei, um dies: „Hauptsache Bockwurst“. Zehn Jahre später haben wir in Ilmenau einen Bockwurst-Oberbürgermeister. „Neues Deutschland“ füllt heute eine ganze Seite mit Theodor Fontane, Hans-Dieter Schütt stellt die Frage, ob wir Fontanes Theaterkritiken noch lesen würden, wenn sie nicht von Fontane wären. Wir lesen auch Theaterkritiken von Otto Brahm oder Alfred Polgar nur, weil sie von Otto Brahm oder Alfred Polgar sind und selbst bei Schütt kann es passieren, dass wir ihn lesen, weil er Schütt ist. Einmal im Jahr treffe ich einen alten FDJler, der sehr, sehr schlecht auf Schütt zu sprechen ist und ich rede dann immer von Schütts 89er Dankesbrief an mich.

12. Juni 2019

Ich baue meine „Minna von Barnhelm“-Datei um und gewinne eine neue Fontane-Idee. Ich lese Hans Bender und rufe im Weinhaus in Essen an, es braucht weißen Nachschub. Der Katalog von Frölich & Kaufmann verlockt mit einigen Angeboten. Vor zehn Jahren bestellte ich die Zeitung endgültig ab, für die ich an die fünfzehn Jahre gearbeitet hatte. Vor zwanzig Jahren sortierte ich die Brüssel-Fotos ins Album und klebte die neuen Bier-Etiketten auf, damals der Stand 2710 Sorten, neu hinzugekommen 20 belgische und 3 deutsche Sorten. Stiller Wunsch, bis zum 50. Geburtstag auf vielleicht 4000 Sorten zu kommen. Heute bin ich nicht in der Lage, eine Zahl zu nennen, auf Nachfrage rede ich von 7000 Sorten, es können auch schon mehr sein. Für morgigen Donnerstag lege ich mir mein Buch „Samstag oben links“ bereit, damit ich ein Finale nicht vergesse, das auch schon wieder zehn Jahre alt ist. Ohne mein altes Tagebuch hätte ich ganz sicher nicht daran gedacht.


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