Tagebuch
4. August 2025
„Sehenswürdig in Schmalkalden ist die Volksbuchhandlung.“ Schrieb vor mehr als 50 Jahren der Zweitrundgänger Heinz Knobloch. Solch ein Satz würde alle zutiefst beleidigen, die 2024 tagelang ihr Jubiläum 1150 Jahre Schmalkalden feierten und sich entsprechend darauf vorbereitet hatten, unterstützt durch eine mir nicht bekannte Summe von Fördermitteln. Die Zeiten, da mittels NAW (Nationales Aufbauwerk) haarscharf am Plan vorbei Objekte wie Schwimmbäder gebaut wurden, sind auch in Schmalkalden längst vorbei. Heute sieht die Stadt einfach schön aus, hat außerdem noch eine Wilhelmsburg, die wir sahen, als das Corona-Vernichtungswerk noch nicht begonnen war. Und VIBA, die Erfolgsgeschichte. Für uns der zweite Rundgang, mal kurz auch in der Sparkasse, etwas Bares nachfassen. Ich setzte mich zwischen Luther und Melanchthon in Sichtnähe zur guten alten Elisabeth. Und posierte beschildert für eine Nougat-Werbung ohne Kind mit Kindeskind.
3. August 2025
Kurz mal in Ohrdruf. Hätte Lothar Kusche geschrieben, wenn er mal in Ohrdruf gewesen wäre. Mal kurz in Ohrdruf, hätte Heinz Knobloch geschrieben in vergleichbarer Lage. Hat er aber nicht, haben beide nicht. Was nicht heißen muss, dass sie nie da waren. Wir aber waren da. Sind durch Regen gefahren, ohne Regen angekommen, haben den Parkplatz auf der Wiese gefunden, sind eingewiesen worden, wie wir es aus guten Zeiten auf dem Theatervorplatz in Coburg kennen. Dann sahen wir kräftigen und sehr kräftigen Männern zu, wie sie Gewichte, die wie ein Baumstamm aussahen, in die Höhe stemmten. Einer scheiterte mehrfach an 120 kg, ein anderer war der beste mit 165 kg. Nebenan trieben extrem gut ausgebildete und folgsame Hunde eine kleine Schar von Laufenten über einen Rasenparcours, sehr sehenswert. Zum Schluss alle in eine Box. Ich kenne sogar den Bürgermeister. Von Schloss Ehrenstein hatte ich keine Ahnung und sogar der junge Bach war da.
2. August 2025
Weil ich gerade aus verschiedenen Gründen in verschiedenen Büchern von und über Thomas Mann umher schnüffle, mache ich eine kleine Entdeckung. In der Thomas-Mann-Biografie von Eike Middell (Reclam Leipzig, RUB 268) findet sich auf Seite 128 ein Foto mit fünf Männern drauf. Im Vordergrund der Kultusminister Grimme, der Adolf Berthold Ludwig Grimme hieß und der letzte Kultusminister Preußens in einer demokratisch gewählten Regierung war. Grimme verdeckt darauf einen fast völlig, der mir bekannt vorkommt, mir fällt nur kein Name zu ihm ein. Nur wenig aber verdeckt der Minister Arthur Eloesser und gar nicht Heinrich und Thomas Mann. Alle sind in Frack und Fliege. Da das Foto ins Jahr 1931 datiert ist, muss es die offizielle Feier zum 60. Geburtstag von Heinrich Mann gewesen sein. Eloessers Name fehlt im Bildtext des Buches, für das der 30. Juni 1965 Redaktionsschluss war. Er war Festredner damals. Sechs Seiten später noch ein Bild als Hörer.
1. August 2025
Heute ist angeblich der Tag des Bieres, obwohl man doch leicht nachschauen kann, dass auch der 23. April Tag des Bieres ist. Ich könnte jetzt sagen, dass bei mir immer Tag des Bieres ist, aber das würde versoffen klingen, obwohl es nur eine meiner Sammelleidenschaften beträfe. Ich muss die Biere selbst getrunken haben, deren Etiketten ich sammle. Es schenke mir also niemand welche, es sei denn auf vollen Flaschen. Für mich ist heute auch der Tag der Suchmaschine. Denn wieder einmal finde ich mich auf Trefferseite 1 und meine Mama hat nicht einen Pfennig dazu gezahlt. Ich stellte am 9. Oktober 2013 „Diderot: Der Hausvater“ ins Netz und da findet man es seither, wenn man von einem diesbezüglichen Bedürfnis befallen wird. Für mich hat das Wort Hausvater als eine Bezeichnung für Thomas Mann den Neugier-Knopf gedrückt und siehe, ich schrieb gut. (Ist nur als Scherz gedacht.) Vor 100 Jahren wurde Ernst Jandl geboren, ohne eigenes Zutun. Er hat seine Fans.
31. Juli 2025
Die zweite Staffel von „Reacher“ endet mit „Simple Man“ von Lynyrd Skynyrd, der Monat endet mit Rente auf dem Konto und der Chance, Rechnungen zu begleichen. Da soll noch einer klagen. „Zur Feier des Alltags“ abgeschlossen, es war mehr zu vergleichen und mit Quellenseiten zu versehen als noch zu lesen. Dennoch mindestens eine Überraschung. Mein Kalender 2026 weist schon zwanzig hundertste Geburtstage aus. Zu allen werde ich kaum schreiben können, für zwei aber sind neue Dateien angelegt. Zwei Herren des Jahrgangs 1926 scheinen sogar noch zu leben, einer wird nächste Woche 99 Jahre alt. In Japan lebt das älteste noch aktive Wirtsehepaar: sie 98, er 96, sie betreiben noch immer ihre Nudelküche auf Okinawa. Warum also hier keine Herren mit einer Werkgeschichte. Nachdem ich gestern über junge Löwen schrieb, hielt ich es heute mit gelben und alten Säcken. Würde ich Romane schreiben, hätte ich ein Problem mit den Themenwechseln.
30. Juli 2025
2014 erhielt er den Nobelpreis für Literatur und heute ist er 80 Jahre alt: Patrick Modiano, der Franzose. Das einzige Buch, das ich von ihm besitze, heißt „Eine Jugend“, ist dafür aber von Peter Handke übersetzt. Es trägt noch nicht einmal den Familienstempel. Dafür hinten ein Porträt des Autors als junger Mann. Ich erwarb heute die nötigen Kalender fürs kommende Jahr 2026, kann also mögliche Schreibanlässe frühzeitig eintragen. Eyvind Johnson kommt als einer der ersten hinein, Heinz Knobloch natürlich und die ganze Rasselbande des Jahrgangs 1926, soweit sie auch mich interessieren könnte. Jack London hat gleich im Januar seinen 150. Geburtstag. Es ist gut, zeitig genug daran zu denken. Meine London-Reihe über der Durchreiche ist sehr lang, Biografien liegen quer. Mangels Aldi auf der Pörlitzer Höhe ein Ausflug zu Aldi auf dem Stollen. Handwerker müssen in unseren Keller, weil ganz oben im Haus etwas undicht ist. Sie sind überpünktlich, diese Männer.
29. Juli 2025
Eyvind Johnson, Nobelpreis 1974, hätte heute 125 Kerzen auf der Geburtstagstorte. Wäre ein bisschen viel. Er starb schon 1976, das gäbe dann ein Erinnerungsdatum am 25. August. Mit den Schweden bin ich nicht so gut bestückt: Strindberg natürlich von vorn bis hinten, ein paar Bände Lagerlöf, Lagerkvist, Dagerman, Lidman. Was man so hat eben. Von Johnson nur „Die Nacht ist hier“. Schon dünn für alle Gelegenheiten. Mit „Der Blumenschwejk“ las ich heute den 8. Knobloch in unmittelbarer Folge zu Ende, besser war ich zuletzt 2009. Da hieß der Autor Erwin Strittmatter. Den ich danach leider vernachlässigen musste. Meine Kritik zur Strittmatter-Biografie von Annette Leo war einer meiner größten Klick- und Leseerfolge. Sie hat sich nie empört, so weit ich weiß, ich hatte sie wohl auf beiden linken Füßen erwischt. Wenn ich dagegen an Bärbel Balke denke, die mich bis ins achte Glied rückwärts verfluchte in einem ellenlangen Brief. Kritiker-Schicksal eben.
28. Juli 2025
Abreise und Heimreise wieder im Regen. Bis auf das letzte Drittel. Wir nutzen den günstigen Preis für Benzin. Zuvor noch einmal Kaufland, Wein und weitere Biere. 23 packe ich zu Hause auf den Küchentisch fürs Erinnerungsfoto. Vom Marienbader Schriftsteller-Rundgang fehlen mir nur noch die Tafeln Sigmund Freud, Vladimir Páral und Vitěslav Nezval. Den Orientierungsplan fand ich nicht, zwölf der fünfzehn Namen sind aber im Fotoordner Marienbad. Wir benötigen trotz Umweg übers Hermsdorfer Kreuz keine drei Stunden. Als alles ausgepackt ist und halbwegs Ordnung, lese ich „Der Neubäck“ über den Zella-Mehliser Wunderbäcker Werner Ansorg, den Knobloch gut kannte und porträtierte. Mein Foto am Karlsbader Jugendstil-Papierkorb landet wahrscheinlich auf der Berliner Knobloch-Website. 301 Kronen bleiben für das kommende Jahr. 1721 Kronen für alle Getränke auf Zimmerrechnung. In Maishofen zahlten wir jeden Abend bar. Das Mehrfache davon.
27. Juli 2025
Zu den Ausstattungs-Vorteilen unseres Hotels gehört, dass das Waschbecken im Bad dicht ist. Nicht nur Frauen schätzen das, die mal etwas auszuwaschen haben. Auch Männer, die ein Etikett von der Bierflasche lösen wollen. Jedes mehr oder minder leicht abgelöste Etikett verhindert, dass leere Pfandflaschen mit nach Hause genommen werden müssen. Wobei tschechische Etiketten als sehr sammlerfreundlich zu bezeichnen sind. Heute zum Schloss Petschau, hinwärts über Straßen, die mitgeführte Milch zu Butter schütteln würden, rückwärts dann auf besseren Pisten. Wir sehen den Maurus-Schrein, von dem wir bereits mehrfach hörten, dazu Vorgeschichte, Restaurationsgeschichte und einen netten Rundgang außen herum. Eine zweite Ausstellung heben wir uns auf. Zum letzten Abendessen sind schon etliche neue Gäste an den Tischen. Nach dem Abendessen ein letzter Gang zum singenden Brunnen. Meine Fotos diesmal überwiegend vom farbig angestrahlten Wasserspiel.
26. Juli 2025
Schon wieder der letzte Tag mit Anwendungen. Ich buche kurzfristig an der Rezeption den Ausflug nach Franzensbad und Eger. Das unsichere Wetter hält uns davon ab, zum Kammerbühl auf Goethes Spuren zu wandeln. Franzensbad kennen wir nur in klirrender Kälte und sehen es so nun in vollem Grün. Ohne vorweihnachtliche Dekoration sieht manches anders aus. Hilfreich die Erläuterung der Stadtführerin, worin sich die Trinkkuren von Karlsbad, Marienbad und Franzensbad hauptsächlich unterscheiden, Franzensbad hat nur Glaubersalz in verschiedenen Konzentrationen, durchschlagend die Wirkung in unterschiedlicher Schnelle. Fahrt nach Eger fast nur zu Einkaufszwecken, fast alle Mitfahrer sind am Vietnamesen-Markt interessiert, den wir deshalb kannten, weil wir 2023 vor der Kälte hinein flohen und dort aus lauter Verlegenheit Einlegesohlen kauften. Eine Frau schwärmte von 1993, als alles voller Vietnamesen war. Heute stellen sie 50 Prozent aller Gymnasiasten Egers.
25. Juli 2025
Nur zwei Anwendungen heute, weil wir den Ausflug nach Karlsbad gleich am Montag buchten und für den Therapieplan ansagen konnten. In Karlsbad waren wir 2013 zuletzt eine ganze Woche, jetzt einfach Neugier. Von einem Busparkplatz mit Pendelbus zum Theater, von dort Stadtrundgang und anschließend zwei Stunden Freizeit. Wir laufen zuerst bis zum Kaiserbad, um einen Papierkorb zu finden, über den Knobloch 1976 für die Wochenpost schrieb. Wir finden ihn nicht dort, aber dafür eine kenntnisreiche Frau an der Information im Bad, die uns den genauen Standort auf der Karte einzeichnet. Die Angabe war sehr exakt, der Papierkorb sieht so aus wie damals im Blatt. Allerdings jetzt nur von Rauchern für ihre Kippen genutzt. Wir sehen zuerst die umbenannte Gagarin-Halle, die Statue, nach der ich frage, ist kein Revolutionsopfer, sondern zum Flughafen umgesiedelt. Viele russische Schriftzüge an Geschäften sind verschwunden, Dankbarkeit für die Investoren blieb aber.
24. Juli 2025
An Tisch 15 in der Ecke sitzen die beiden alten Damen, die auch 2024 schon dort saßen, sie wachen sehr eifersüchtig darüber, dass sich niemand dort breit macht, stehen vor der Abendöffnung des Speisesaales bereits vor der Tür. Beide werden immer vom Personal besonders begrüßt, bisweilen setzt sich eine dritte alte Dame mit einem sehr vollen Glas Rotwein dazu. Heute 22. Todestag von Heinz Knobloch, von dem ich gleich drei Bücher zur Urlaubslektüre wählte, „Handwärmekugeln“ beende ich passend zum Tag. Vormittags bei Tesco Unmengen neuer Biersorten, dafür den Wein vergessen, aber außerhalb noch welchen gefunden. Ausflug mit dem Auto nach Königswart, Glück dort mit der Führung durch die Kuriositätenschau, wir mussten nicht lange warten. Leider nur eingeschränkt besucherfreundlich: die Führung in tschechisch, für uns Audioguide in deutsch sehr ausführlich, aber es ist nicht erwünscht, sich individuell zu bewegen. Wir hören mehr als wir sehen.