Tagebuch

29. Juli 2019

Da, wo Herbert Marcuse zeit seines Lebens akademisch und außerakademisch wirkte, schrieb und redete, stand Revolution nie ernsthaft auf irgendeiner Tagesordnung, vielleicht schrieb er deshalb so gern über Revolution. Die so genannte friedliche Revolution in der DDR ermöglichte es seiner sterblichen Hülle, auf den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, eben noch Ost-Berlin, zu finden, obwohl er in Starnberg starb. Heute vor genau vierzig Jahren. An seinem Grab stand ich schon. Man kann seine Sachen tatsächlich noch lesen, müsste ihm aber mit ganz anderen Fragen begegnen als seinerzeit, als aus Puddingpulver-Attentätern echte Bombenleger und Mörder wurden und alleweil von Marcuse faselten. Ich bin längst zu Ludwig Marcuse über gegangen, der mit Herbert nur den Familiennamen teilt, sonst nichts. Morgen werde ich an Renate Feyl denken, die 75 wird und keineswegs über sie schreiben. Schon weil ich viel zu wenig von ihr kenne und weiß.

28. Juli 2019

Vor fünfzig Jahren starb in Rostock der einstige Mitbegründer des DDR-Schriftstellerverbandes im Ostseebezirk, Erich Fabian, im Alter von 76 Jahren. Dass er einen Dostojewski-Roman schrieb, las ich eben erst im Lexikon, dass er „Von Puschkin bis Gorki“ schrieb, weiß ich aus meinem Bücher-Regal, wo das Bändchen über neun russische Dichter aus dem heute längst vergessenen Schweriner Petermänken-Verlag nicht ganz unpassend quer über meinen Tschechow-Beständen liegt. Ein Beitrag über Tschechow steht zwischen dem über Tolstoi und dem über Gorki. Das Buch ist auch wegen des Literaturverzeichnisses interessant, weil es auf Texte hinweist, die heute kaum noch jemand kennt. Pikant: Fabian weist auf seinen eigenen Roman als benutzte Quelle hin, auf die Idee muss man erst einmal kommen. Mein zweiter, deutlich längerer Melville-Text ist heute fertig geworden nach dem ersten gestern, ich kann also beruhigt gen Berlin reisen, alle Pflichten erledigt.

27. Juli 2019

In 8000 Jahren wird der Chiemsee verschwunden sein, weil die Tiroler Ache ständig Geröll hinein schiebt. Lese ich im Reiseteil der heutigen WELT, was mich nun sofort stark beunruhigt. Ich wollte zwar in den nächsten 2700 Jahren nicht an den Chiemsee fahren, werde es nun aber doch einmal tun müssen, falls sich nicht Greta Thunberg entschließt, hinfort freitags an der Quelle der Ache zu stehen und grimmig zu schauen. Knapp 2500 Wörter sind für meinen kleinen Beitrag zu Max Kommerell zusammen gekommen, weshalb ich ihn erst heute ins Netz stelle, gerade noch zeitig genug zum 75. Jahrestag seiner Beerdigung in Marburg. All meine Kommerell-Bücher stehen wieder im Regal, meine Inge-Jens-Bestände sind auch wieder an ihrem Platz, ihre Geschichte der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste liegt quer über Günter Grass, ein e mehr, und sie läge queer über ihm, was auch nur ein Kalauer ist. Für einen lauen Sonnabend reicht er hin.

26. Juli 2019

Am 7. August, entnehme ich der ZEIT IM OSTEN, erscheint bei Christoph Links ein Buch über Menschen, die nach einem Ausreiseantrag in den Westen kamen. Nachdem wir es immer nur mit den spektakulären Fluchten hatten: zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Ein weiteres Buch, das Christoph Links vielleicht nicht mehr verantwortet, weil er den Verlag ja abgab, müsste eines sein, das von Menschen handelt, die zu Hause blieben in der DDR, aber darunter leiden mussten, dass ziemlich beste Freunde nach dem Westen ausreisen durften. Ich könnte ein mehrstrophiges Lied davon singen. Nun ja. Inzwischen hat sogar Birgit Breuel gesagt, dass Menschen aus dem Westen so viel Umschwung wie wir hier nie im Leben verkraftet hätten. Gute IM wären viele von ihnen sicher geworden. Von Max Kommerell las ich zuerst „Schiller als Gestalter des handelnden Menschen“, dann “Schiller als Psychologe“ und schließlich eine lange „Betrachtung über Heinrich von Kleist“.

25. Juli 2019

Nun will ich es mal so sagen: Wenn du dir vornimmst, an einem Mittwoch nach Oberhof zu fahren, weil du seit schätzungsweise dreihundert Jahren nicht mehr in Oberhof warst, dann tu es. 1983/84 feierten wir Silvester mit Uwe und Tina in Oberhof, dann waren wir von Fehrenbach aus noch mal da, auch da war es das gemeinsame Silvester mit Uwe und Tina, das wir nie vergessen wegen des unschlagbaren Spruches „Frühs wird nicht geraucht.“ Gestern also alles ohne Uwe und Tina: der Rennsteiggarten ist auch nach dem Verblühen fast aller Blüten schön. Toll aber und das ist dann  schon fast alles, was von Oberhof zu sagen wäre: das Exotarium. Wir schauten einer Amurnatter zu, wie sie drei lebende Mäuse verspeiste. Amurnattern waren im einzigen Zoohandel der DDR zu haben, weil sie aus der Sowjetunion kamen. Max Kommerell war in der DDR nicht zu haben, er starb am 25. Juli 1944, 42-jährig. 1930 schmachtete ihn Claus Graf Schenck von Stauffenberg an.

24. Juli 2019

Großes Nachrufe-Ausdrucken. Brigitte Kronauer ruft die Feuilleton-Chefs auf den Plan respektive die Alpha-Nachrufer. Bei der Gelegenheit die Nachricht, die es nicht bis in die Tagesschau schaffte: Peter Hamm ist tot. Gar nicht weit von Brigitte Kronauers vier Büchern über der Tür stehen bei mir Peter Hamms Bücher, auch vier, alle aus der „Edition Akzente Hanser“. Sie tragen diese Titel: „Der Wille zur Ohnmacht“, „Aus der Gegengeschichte“, „Die Kunst des Unmöglichen oder Jedes Ding hat (mindestens) drei Seiten“ und schließlich „Pessoas Traum“. Auf diesen schwierigen Portugiesen ist Hamm immer wieder zurückgekommen. Meine Hamm-Affinität ist auch damit begründet, dass wir gemeinsam Geburtstag haben: ich denke, wenn ich ihn sonst auch übers Jahr vergessen haben sollte, spätestens am 27. Februar an ihn. Das wird sich nicht ändern, nur dass er nun nicht mehr feiern kann. Auch für ihn gibt es sehr feine, sehr kundige Nachrufe. Nun aber Schluss mit Sterben.

23. Juli 2019

Tagesschau-Nachricht: Brigitte Kronauer ist tot. Gestorben: gestern. So gehen Zufälle: ich zog gestern die Klarsichthülle mit den ausgeschnittenen Artikeln zu Herman Melville aus dem Ordner, nachzuschauen, was ich habe und ob etwas für meine aktuellen Zwecke brauchbar sein könnte. Das älteste Stück aus der Silvesterausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ (Nr. 304/2004): „Die Lehre der Galapagos-Schildkröten“ von Brigitte Kronauer, fast eine ganze Zeitungsseite zu „Ein Leben. Tagebücher und Briefe“ von Herman Melville, das Buch steht auch in meiner Melville-Reihe. Von Brigitte Kronauer selbst nur vier Bücher über der Tür vom Wohnzimmer in den Flur, den Anfang machte einst die SZ-Bibliothek mit „Berittener Bogenschütze“. An dem schreckt mich heute allein der Klappentext ab: Nein, solche Romane interessieren mich nicht, nicht mehr, wäre vielleicht die treffendere Aussage. Wir sitzen fast bis Mitternacht auf dem Balkon, Test der neuen LED-Leuchten.

22. Juli 2019

„Nach einer Weile nämlich fing der Lehrer ganz ungewohnt freundlich zu fragen an, wer von uns Schülern und Schülerinnen zu Hause eigene Bücher besitze, und da trat im Nu ein betretenes Schweigen ein, denn außer dem üblichen Messbuch besaß niemand eins.“ Oskar Maria Graf hat diesen Augenblick als den stolzesten seiner Jugend bezeichnet, denn er konnte dem Lehrer Männer verraten: „Ich habe schon neunzehn Bücher, drei vom Schiller“. Das war 1905, man feierte überall in Deutschland den 100. Todestag von Friedrich Schiller. Den 125. Geburtstag von Oskar Maria Graf feiert heute vermutlich niemand, auch ich blätterte nur ein wenig in den roten Büchern des List Verlages, das Zitat fand ich in Band XII, die Lesenotiz trägt das Datum 18. September 2010. Den Herausgeber der Werkausgabe, Wilfried F. Schoeller, lernte ich inzwischen auch kennen, wir sprachen über ein langes Interview, das er mit seiner jetzigen Frau führte, einer sehr lieben Frau.

21. Juli 2019

Mein Tagebuch vom 21. Juli 1999 vermeldet redaktionellen Ärger, zunächst war nicht einmal der Terminkalender zu finden, dann nervten diverse Anrufer, während mein Fotograf die Damen zum Eis führte inklusive Sekretärin. Der Gedanke, dass es heute in diversen Redaktionen diverser sich groß dünkender Zeitungen gar keine Sekretärin mehr gibt, eine Geschäftsstelle sowieso schon nicht, macht mich froh, unter diesen Bedingungen nicht mehr arbeiten zu müssen. Eine Redaktion ohne Sekretärin, jeder Blödsinn dringt direkt ein ohne Vorfilter, ich lese von den Beschwerden damals: Gräfenroda fand zu viel Langewiesen im Blatt und noch einmal bin ich froh: Ilmenau reicht von, nun ja, nicht direkt von der Maas bis an die Memel, aber immerhin. Noch bevor ich die Kurzreise nach Sohnstedt antrat, stellte ich meinen Keller-Brocken ins Netz. Es gibt im Pelto-Bad eine neue Sauna, wo vorher ein Whirlpool war, 70 Grad, sehr fein, alles Holz noch extrem frisch duftend.

20. Juli 2019

Während im Westen heute wieder einmal alle gebannt auf den 20. Juli 1944 starren, einen neuen Grübel-Grübel-und-Studier-Anlass lieferte unlängst eine Biographie zu Stauffenberg, die den lieb gewordenen Fehldeutungen des Geschehens in aller Vorsicht widersprach, was nun die Urenkel auf den Plan ruft, die bekanntlich die Motive ihrer Urgroßeltern besonders genau kennen, überlege ich, wie es ein Ilmenauer anstellt, in eine nicht existierende Gegend in Südtirol zu fahren: in den Pfingstgau nämlich. Meine ehemalige Heimatzeitung fragte gestern gewöhnliche Menschen nach ihrem diesjährigen Urlaub und der vorletzte Mann der Reihe will in den Pfingstgau. Schade, dass ich nie erfahren werde, wie er dorthin gelangte, ich würde sonst gern einmal nach Seldwyla fahren, weil mir dieser Schweizer Ort bisher auch nur aus der Literatur bekannt ist. Qualitätsjournalismus ist eine Frage der Auffassung. Man nimmt außerhalb Thüringens ja auch Bratwurst mit Ketchup.

19. Juli 2019

Nun ist er da, der 200. Geburtstag von Gottfried Keller, dem ich in dieser Woche schon drei Texte widmete, zwei sind noch in Arbeit, dann wird erst einmal ein Päuschen eingelegt. Die ersten beiden Sätze zu Nummer 4 fielen mir auf dem Weg zum Geldautomaten ein, was insofern aus der Reihe fällt, weil ich sonst meist unter der Dusche erste Sätze in den Kopf bekomme. Ohne erste Sätze geht es bei mir nicht, was blöd klingt, weil es bei niemandem ohne erste Sätze geht. Aber bei mir geht sehr oft der Rest fast von allein. Ich schreibe in guten Wochen 10.000 und mehr Wörter, worüber Jack London oder Ernest Hemingway, die ihre Wörter zählten, was ich seit meinen Schulaufsätzen nie mehr tat bis ich das PC-basierte automatische Zählwerk nutzen konnte, sehr froh gewesen wären. Was, ich muss es nicht betonen, nicht etwa heißt, ich vergliche mich mit London oder Hemingway. Nur manchmal, ein bisschen, und dann verrate ich es niemandem, liebes Tagebuch.

18. Juli 2019

Um Sommerlöcher zu stopfen, führen Zeitungen Sommerinterviews. Dort dürfen sich dann Leute verbreiten, deren Pressemitteilungen sonst immer sehr künstlich und medienrechtlich sauber in Konjunktivsätze verwandelt werden. Madeleine Henfling sprach von der neuen Kulturausschuss-Vorsitzenden des Stadtrates dies: „Mit Tina Wittrich haben wir eine sehr gut vernetzte Frau, die im Kulturbereich jeden kennt und selbst jahrelange Erfahrungen hat.“ Wer aus dem Jahrgang 1983 das über jemandem vom Jahrgang 1993 sagt, hat auf jeden Fall seltsame Vorstellungen davon, was die Wörter alle und jahrelang bedeuten. Der Vorteil dieser Jahrgänge: sie haben noch sehr viel Zeit zu lernen und dabei könnte es passieren, dass sie betroffen feststellen: sie kennen doch nicht jeden im Kulturbereich. Ich zum Beispiel kannte den Verein Kulturelle Koordinierung und seine Anführer schon, als Tina Wittrich noch gar nicht geboren war. Was mich als Mann von vorgestern ausweist.


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