Tagebuch

20. Juli 2020

Weil ich vor fünf Jahren des 70. Todestages von Paul Valery gedachte, versage ich mir heute einen zweiten Versuch und verschiebe meine Schreibbedürfnisse zu ihm auf das kommende Jahr, da ist dann der 150. Geburtstag auch kein schlechter Anlass. Heute setzte ich einem Mann und seinem mit Abstand erfolgreichsten Werk ein kleines, hoffentlich unaufgeregtes Denkmal: Richard Billinger, dem Oberösterreicher, dessen Namen ich schon sehr früh kannte, weil er ein Kleist-Preisträger war wie nicht wenige meiner alten Lieblingsautoren. Irgendwann kaufte ich mir eine Ausgabe der „Rauhnacht“ antiquarisch, gedruckt in meinem Geburtsjahr, und jetzt endlich fand ich die Zeit, ihm etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Einen zweiten Text zu Mann und Schaffen werde ich kaum schreiben, das scheint mir sicher. Und das hat nichts damit zu tun, dass Billinger 1938 sogar den Einmarsch der Deutschen in Österreich begrüßte. Seine Probleme sind mir einfach zu fremd.

19. Juli 2020

Sonntage sind, wenn Besuch da ist, meist Abreisetage, heute ist Ankunfts- und Abreisetag in einem, vier kommen, zwei bleiben, zwei reisen zurück nach Berlin. Es ist der erste Probelauf des uralten Unternehmens Enkel besuchen Oma und Opa und bleiben da. Die Enkel erobern das Doppelbett, Oma und Opa beschränken sich ein wenig. Wir essen alle gemeinsam im Schortetal: acht Personen, wir schauen noch zur kleinen Bahn des Bergbaumuseums, sehen Grashüpfer-Völker in Aktion. Dass sie sich sogar fangen lassen, zeigt Opa, was den Enkeln zwar imponiert, aber nicht zur Nachahmung anregt. Alles, was wir nunmehr brauchen: Kindersitze, mobiles Fußball-Tor, die Roller – landen im Kofferraum, die Enkel besuchen natürlich auch die neue Wohnung ihres Lieblingsonkels, der als einziger Onkel auch keine Konkurrenz zu fürchten hat. Immerhin sieben Absätze meines Textes für morgen werden fertig. Und am Abend gibt es auf besonderen Wunsch ganze Berge von Eierkuchen.

18. Juli 2020

Auch nach sieben Jahren kommen immer noch, wenn auch nicht in Massen, Stimmen zu meinem „Kulturschock NVA“ zu mir. Erst gestern wieder ein natürlich männlicher Anrufer sächsischer Dialekt-Anmutung, der zeitgleich mit mir seinen Armeedienst in Rostock in der Kopernikusstraße absolvierte, er in der 7. Kompanie, ich in der 4., sein Block war der nächste nach meinem im Karree am Exerzierplatz, es muss der gewesen sein, in dem wir bisweilen kalt duschten, weil das warme Wasser immer schon alle war, wenn wir antraten. Alles weit, alles fern. Der Mann will ganz in der Nähe, in Großbreitenbach, Leute von damals treffen. Mein Buch habe ihm sehr gefallen, das wollte er unbedingt loswerden. Das höre ich natürlich gern. Alles andere wäre gelogen. In Berlin, lese ich, gibt es Aktivitäten, der Mohrenstraße einen neuen Namen zu verpassen. Fragt sich, wie lange noch in unserer schönen Stadt Ilmenau ein Urologe namens Mohr praktizieren will: ganz unreflektiert.

17. Juli 2020

Gesetzt den Fall, es würde sich in Deutschland eine größere Gruppe männlicher Menschen homosexueller Natur entschließen, eine politische Partei zu gründen und es gelänge ihnen wegen der Grundgröße ihrer Population und der damit verbundenen Zuneigung von Wählern, die Fünf-Prozent-Hürde zu überhüpfen, wäre dies dann ein Rückschlag für die Emanzipation? Wenn ja, wäre die Emanzipation der Einen dann die Diskriminierung der Anderen? Müssten Rot-Rot-Grüne, die momentan bittere Tränen weinen über das finstere Verfassungsgericht in Thüringen, ihr Denken neu justieren? Man kann wohl vom Tisch reden, dass Parteien mit wenig Frauen Grund hätten, gegen Quoten zu rebellieren, was aber, wenn eine Partei gar keine Frauen hätte? Wir erinnern uns der immer noch realsatirischen Klage, die Mädchen den Zugang zu Knabenchören ermöglichen sollte. Wegen radikaler Unterrepräsentanz müssten Hähne eine Hahnenquote in Hühnerställen erstreben.

16. Juli 2020

Bis gestern wusste ich nicht einmal, dass es sie gibt, heute weiß ich sogar, wie sie aussieht: die Moschus-Malve. Im Internet findet man den Hinweis auf ihre hohe Hummel-Tauglichkeit, ihren Namen aber zeigt uns unsere seit Langebrück nicht mehr ungenutzte Pflanzenerkennungs-App, während wir wegen des von der Durchsicht zu holenden Autos durch die Felder wandern, die auf dem Weg bis zur Ausspanne liegen: Felder, Teiche, Moschus-Malven. Sage einer noch etwas gegen unsere Wegränder. Wir schauten auch in den neuen an der Erfurter Straße liegenden Penny-Markt, der heute seinen ersten Tag hat und das Wohngebiet am Friedhof entscheidend aufwertet. Es wird wild gegraben und gebaggert dort, die Zahl der Bewerber übersteigt die Zahl der angebotenen Grundstücke um ein Drittel, wie aus gewöhnlich aus der Zeitung sich unterrichtenden Kreisen verlautet. Wir sehen die neuen Häuser stets mit mildem Neid, verjuxen unser Geld aber anderweitig.

15. Juli 2020

Wenn meinen bisher zehn Texten zu und über Gottfried Keller heute kein elfter folgt, obwohl sein 130. Todestag ja immerhin ein Anlass wäre, dann liegt das nicht am Regenwetter über Ilmenau. Es ist wieder eine Zeitfrage. Meine zahlreichen Keller-Bücher liegen noch gestapelt in Griffnähe, einige Dateien harren der Fortführung, das muss aber erst einmal warten. Die Zusatzversicherung hat ihre Zahlung angezeigt, der bei mir verbleibende Rest an Zahnarztrechnung rückt somit in überschaubare Dimensionen. Wieso ist eigentlich der zum Glück nie Bundespräsident gewordene Peter Sodann so lange Ehrlicher gewesen, obwohl er der mit gigantischem Abstand schlechteste Schauspieler ist, der je im Tatort den Kommissar mimen durfte? Etwas wie Mimik kennt sein Gesicht nicht, wenn er sich bewegt, sieht es immer aus, als hätte er schon spielen müssen, ehe er sich entschlossen hatte, was und wie er das spielen wollte: hängende Schultern, schiefer Kopf.

14. Juli 2020

Zurück aus Langebrück. Keinerlei Stau diesmal, keinerlei Verzögerungen unterwegs. Sogar alle Zeitungen waren zurückgelegt, was nach dem großen Personaltausch an der Tankstelle nicht ganz selbstverständlich ist. Die Genossenschaft bedankt sich bei mir für meinen Beitrag zur nächsten Haus-Zeitschrift, deren Titel ich zieren werde, innen gibt es ein Gespräch mit mir. Ich bin in Langebrück sogar ein wenig zum Lesen gekommen: Alexander Kuprin. Es ist lange her, dass ich den zuerst las, es war 1980 im August und dann vor allem im Oktober. Mein Archiv ist dennoch leer zu ihm, weil damals nur das Tagebuch einige Informationen aufnahm. Diverse Nachschlagewerke schweigen sich über ihn aus, im Westen kannte man ohnehin neben Tolstoi und Dostojewski im besten Falle noch Tschechow und Turgenjew. Vor 25 Jahren hatten wir unseren letzten Strandtag auf Bornholm: Baden im Nebel, ungewöhnlich, kein Hinderungsgrund trotzdem, Abschiedsstimmung.

13. Juli 2020

Nachtrag Langebrück: Vormittags Besuch in Pirna, kleine Runde, wir waren vorher nie dort wie auch in Görlitz nicht, weiter als bis Bautzen bin ich nie gekommen. Von Bad Schandau aus sah ich 1963 dies und das, aber das ist natürlich lange her. Wir staunten vor den Hochwassermarken: die Hilfsgelder nach drei Hochwassern in elf Jahren haben die Stadt in ein Schmuckstück verwandelt. Seltsame Graugans-Kolonie an der Elbe. Ruhiger Nachmittag vor der Fahrt zum Elbschloss Übigau, wo die Komödie Dresden ihr Sommertheater öffnet, jetzt die zweite Saison. Wir sahen „The Addams Family“, geschickte Nutzung der Örtlichkeit seitens der Regie über alle Etagen, Premiere war am Freitag, doch da gab es keine Karten mehr. Es wird abends empfindlich kühl, wenn man die Elbe im Rücken hat, mehrere Heißluftballons überflogen die Spielstätte. Von Hans Blumenberg und seinem 100. Geburtstag heute redeten wir nicht. Saßen aber noch lange am Kamin auf der Terrasse.

12. Juli 2020

Nachtrag Langebrück: Vormittags ausführliche Wanderung in der Dresdner Heide, Kriegerdenkmal, Hofewiese und zurück, Erdbeerbowle. Nachmittags nach Radebeul auf den Weinwanderweg. Nach einem Appetizer in Form eines Secco die vielen Stufen der Spitzhaustreppe mit etlichen Pausen für Menschen fortgeschrittenen Alters, oben erste Weinprobe, vier Personen, vier Sorten, jeder kostete reihum. Unterwegs allerlei Begrüßungsszenen, Corona-Symbolumarmungen und ein Prospekt für eine frisch aus der Taufe gehobene Veranstaltung „Kunst geht in Gärten“, Wir griffen uns nur die Nummer 15 heraus: Terrasse Wilhelmshöhe, wo Günther Baby Sommer Malerei, Grafik, Skulptur zeigte, Action Painting war schon vorbei, als wir kamen, dafür sahen wir originale Pencks, Peter Graf und andere. Zwei weitere Weinproben im Weingut Drei Herren und Hoflößnitz, bei den Drei Herren auch das Abendmahl. Bilanz des Tages: 14327 Schritte, Weine einer besser als der andere.

11. Juli 2020

Nachtrag Langebrück: Reichlich anderthalb Stunden verloren wir gestern durch einen Stau auf den allerletzten Kilometern vom Dresdner Tor bis Dresden Flughafen. Irgendwann waren wir doch da, es gab Kaffee und Kuchen, unser verspätetes Geburtstagsgeschenk und einen ruhigen Tagesrest auf der Terrasse. Heute Ausfahrt nach Görlitz, wobei wir kurz nach Polen gerieten, weil wir die Abfahrt verpassten. Man kann auch in Polen auf der anderen Seite der Autobahn wieder auffahren. Görlitz ist mehr als nur sehenswert, für uns waren da zunächst Erinnerungsorte, von denen wir nur gehört hatten, das Ziel: Elternwohnung, eigene Wohnung, Schulen, Garten des Großvaters, eine Rundfahrt mit dem Doppeldecker-Bus gelang uns nicht, wir hätten vorbestellen müssen. In der Kulturbrauerei Siesta, ich nahm sieben Sorten für zu Hause mit. Mückenreicher Treff am Stadtpark mit Freundin der Freundin, die wir auch seit Jahren kennen. Abends Erinnerung an Simrishamn vor 25 Jahren.

10. Juli 2020

Was für ein Freitag! Wir sammeln Würste und Eier ein, wir transportieren Weine, individuelle Mundschutz-Masken in Schwarz und Hellblau, freuen uns auf einen Garten, der dem Hörensagen nach in einen Park verwandelt wurde und haben Pläne für drei Tage, weshalb es hier erst wieder kommende Woche Ein- und Nachträge geben wird. Vor 25 Jahren kombinierten wir auf Bornholm den sandigen Boderne-Strand mit dörflichen Idyllen nahe der Rundkirche Osterlars. Sahen den Sonnenuntergang vor Hammerhavn mit Ruine Hammershus. Heute wird es auf andere Weise idyllisch. Vor 50 Jahren starb René Schwachhofer, der seinem Namen in meinen Regalen alle Ehre macht. Seit gestern habe ich 2020 schon so viele Bücher zu Ende gelesen wie 2019 im ganzen Jahr. Da ist also noch sehr viel Luft nach oben. Ich sortiere mit Blick auf Ende August, was in welcher Abfolge ich lesen muss, um wirklich alles schreiben zu können, was ich bis dahin schreiben will.

9. Juli 2020

Unter ihrem Corona-Schutz-Präsidenten haben unsere amerikanische Freunde mittlerweile die Drei-Millionen-Grenze an Infizierten überschritten, es werden an einem Tag mehr als in Schweden seit Januar insgesamt, aber das liegt nur an des Tests. Würde niemand getestet in den Staaten, wären auch alle gesund. Auf Platz 2 folgt der Corona-Schutz-Präsident Bolsonaro mit seinen Samba-Tänzern und erst sehr weit abgeschlagen danach Boris und seine Brexit-Insel. Wie wohltuend ist es, an vernieselten Juli-Tagen des Abends Große und Kleine Pandas auf ARTE zu sehen, dazu diverse Tiere, von denen man nie hörte oder sah. Heute waren wieder alle drei Donnerstags-Zeitungen zu haben, 30 Cent kosten sie mehr als bis Ende Juni. Ich erinnere noch Zeiten, da kosteten sie zwei Euro weniger, sie waren besser und umfangreicher. Zu meiner Zeit hieß die Faust-Regel, jede neue Preiserhöhung kostet zwei bis vier Prozent Abonnenten, wann war das eigentlich? Wann, verdammt.


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