Tagebuch

8. Juli 2020

Die FDP, lese ich in einem kostenlosen Blatt, will den Prozess beschleunigen, an dessen Ende in den Formularen zur Steuererklärung die Bezeichnungen Ehemann und Ehefrau durch „Person A“ und „Person B“ ersetzt werden. Das ist wegen der Diskriminierung in den alten Bezeichnungen gar nicht vermeidbar, meinen die Liberalen, die früher gern Steuern senken wollten, was auf die Dauer wohl langweilig wurde. Ich verstehe zutiefst, dass ein Diverser, der mit seiner Hauskatze in wilder Ehe lebt, sich diskriminiert fühlt, wenn er sich als Frau oder Mann outen soll, nur um ein paar laue Rückzahlungen zu ergattern, weil er immer mit dem Fahrrad ins Gemeindezentrum fährt. Ich wäre sogar bereit, die Person B zu sein, falls meine Frau dann die Erstellung der Steuerunterlagen in ihre Hände nähme, ansonsten bleibt sie Person B und ist auf neutrale Weise immer noch diskriminiert. Wegen des 130. Geburtstages von Walter Hasenclever heute entrang sich mir ein arg langer Text.

7. Juli 2020

Vor 90 Jahren, am 7. Juli 1930, starb ein gewisser Arthur Conan Doyle. Das war nicht der volle Name von Conan, dem Barbaren, der hatte gar keinen Familiennamen, dafür aber sehr viel mehr Muskeln als dieser Doyle. Wegen seiner Beliebtheit auch in der kleinen DDR brachte der Gustav Kiepenheuer Verlag dereinst fünf fliederviolette Bändchen heraus mit den schönen Titeln „Die Abenteuer von Sherlock Holmes“, „Die Memoiren von Sherlock Holmes“, „Die Wiederkehr von Sherlock Holmes“, „Der letzte Streich von Sherlock Holmes“ und „Das Notizbuch von Sherlock Holmes“. Vielleicht wäre die DDR später untergegangen, hätte sie mehr solche preiswerten Bücher auf den Markt geworfen. Die Leser hätten dann weniger Zeit für umstürzlerische Gedanken gehabt. Ähnlich lenkte bekanntlich der Klassenfeind seine Bürger von den nötigen Revolutionen ab. Den imposanten Schauplatz von „Sein letzter Fall“ bei Meiringen sah ich eigenäugig im August 2010.

6. Juli 2020

„Unmittelbarkeit ist zwar der professionelle Wunsch, doch Wirklichkeit nur bei den gestellten und bestellten Terminen von Reportern, die schon dadurch an Glaubwürdigkeit einbüßen, dass sie immer zur rechten Zeit das signifikante Bild vor ihrer Optik haben. Zur entblößten späteren Symbolfigur kommt man nicht auf Geratewohl.“ Das schrieb vor einigen Jahren der Philosoph Hans Blumenberg, dessen 100. Geburtstag heute in einer Woche zu feiern ist, während ich im fernen Osten des einigen Deutschland weile. Es passt zu einem Foto, welches mich dieser Tage in einer großen Zeitung ärgerte, weil es passte wie das Alibi zum Mord bei Colombo: einfach zu gut, um wahr zu sein: Zwei Männer verbrennen das alte Geld: Männer war schon zu viel gesagt: es waren zwei dämliche Jogging-Jacken-Dödel aus dem kommenden Kernbestand der ostdeutschen Hartz-IV-Elite männlichen Geschlechts. Westfotografen eine helle Freude: zwei, die sich nicht zu blöd sind.

5. Juli 2020

Der siegreiche Einmarsch der Deutschen in Frankreich 1940 allein war es nicht, der eine wahre Selbstmordwelle unter Emigranten auslöste; zunächst Ernst Weiß, dann Walter Hasenclever, dann, heute vor 80 Jahren, Carl Einstein. Walter Benjamin wartete bis September, ehe er sich seinen Vorgängern anschloss. Es war ein perfider Paragraph, den die Franzosen unterschrieben hatten innerhalb des Waffenstillstandsvertrages: sie verpflichteten sich, auszuliefern, wen immer die Deutschen haben wollten. Das erzeugte Panik unter allen, die wussten oder glaubten, sie könnten auf einer diesbezüglichen Wunschliste stehen. Die Sonntagszeitung fragt heute in ihrem Feuilleton, warum Theaterkritiker nicht klatschen. Mitten im Text kommt dann der Satz: „Der Standesdünkel lässt nach.“ Und es stehen ein paar Argumente der Großkritiker-Generation 2.0 da. Ich klatsche, seit ich Kritiken schreibe, nicht mehr und nicht weniger, als ich früher klatschte. Das zeugt gegen mich.

4. Juli 2020

Den fröhlichsten Dänen, den ich je belichtete, erwischte ich in Hasle am 4. Juli 1995, er würzte eben diverse Filets mit verschiedenfarbigen Würzmischungen. Hasle hat mehrere Räuchereien, die Fische sind herrlich und nur 1900 Einwohner leben da. In Gehren war ich heute nach längerer Pause wieder einmal im „Steinbruch“, kam zu spät, weil ich von zwei Einladungen nur eine bekommen hatte. In jungen Jahren war ich selten dort, warum auch immer, zuletzt aber wegen der Vorbereitung von Klassenfeiern und der Klassenfeier selbst mehrfach. Gut, dass ich das Auto hinterm Friedhof abstellte, Parkplätze waren alle besetzt. Mein heutiger Text zu Max Klinger überrascht mich selbst, weil ich nicht nur nicht gedacht hätte, ihn je zu schreiben, sondern auch, weil er sich fast wie von allein schrieb. Dafür ersetze ich morgen einen möglichen Text zu Carl Einstein durch einen alten aus dem fernen Jahr 1989. Der brachte damals 90 Mark Honorar, für uns eine ganze Monatsmiete.

3. Juli 2020

Die Mitte der Gesellschaft müssen wir uns als eine Art Kopfbahnhof vorstellen. Ständig kommt etwas in der Mitte der Gesellschaft an, nie fährt etwas von dort weg oder geht zu Fuß in Richtung der Ränder. Einige Abende öffentlich-rechtliches Fernsehen und man erfährt: der Antisemitismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, rechtes Gedankengut sitzt dort bereits auf der Bank, nachdem es in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Gestern hörte ich, dass nun auch der Kampf ums Tierwohl in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei. Ich mache mir ernste Sorgen um die Mitte der Gesellschaft. Die meisten Menschen, die an der Bahnsteigkante stehen, wenn etwas ankommt, machen beim Bericht darüber ernste Gesichter. Noch ernster sind die Gesichter derer, die die Ankunftsberichte an- und abmoderieren. Dürfen wir eigentlich die platonische Liebe noch so nennen, wo doch Platon alle Nicht-Griechen Barbaren nannte, diese rassistische Sau?

2. Juli 2020

Gestern, verraten wohlunterrichtete Blättlein des Waldes, gab es im Kreistag eine Gedenkminute für Horst Höhne, von dessen Ableben im Alter von 80 Jahren ich auch erst aus dem Amtsblatt erfahren hatte.  Ach, wie lange kannte ich diesen Horst, der gerne Bratwürste briet, noch lieber Bratwürste aß und in allen Ausschüssen und Vereinen saß. Eine Zeit leitete er den Schulausschuss, mit dem ich auf familiärem Wege sehr verbunden war. „Dokter!“, rief er, wenn er mich sah, „Hoast!“ rief ich, wenn ich ihn sah und meistens riefen wir beide zugleich. In den Jahren nach meinem Abgang aus der lokalen Zeitungswelt sahen wir uns selten, begrüßten uns aber umso herzlicher. Manchmal machten wir Scherze über die Zeit, als Arnstadt und Ilmenau sich noch gegenseitig Erdrutsche und Erdbeben an die Hälse wünschten, Arnstadt immer deutlich heftiger als umgekehrt Ilmenau. Horst ließ sich, als ich 1992 nach Arnstadt kam, immer gern von mir fotografieren, nicht selten sogar mit Erwin.

1. Juli 2020

Ein Vierteljahrhundert ist es heute her, dass wir in Swinemünde die M/S Wilanow bestiegen, um mit ihr zur dänischen Insel Bornholm zu gelangen. Unser Ziel hieß Sandkaas, wir hatten ein sehr großes Haus mit zwei Etagen, das Auto dabei, den Schwager nebst Frau und Kind ebenfalls, die Tochter, den Sohn, viele Urlaube in dieser Komplett-Besetzung gab es später nicht mehr. Viel mehr als eine kurze Erkundung der Nachbarschaft schafften wir am Ankunftstag nicht, sahen den Strand, der nicht zu den schönsten der Insel zählt, weshalb wir dann auch lieber nach Dueodde fuhren, zum Boderne-Strand, zum Balka-Strand, wenn wir nicht gerade Rundkirchen besichtigten, Ruinen erkundeten oder Räuchereien besuchten, die zarte Filets anboten, die man frischer sich nicht wünschen konnte. Es war unser zweiter Dänemark-Urlaub nach 1994 und vor 1997. Danach zehn Jahre Pause bis 2007, seither schon wieder Pause. Dafür erreichen uns eben Bilder von dort mit den Enkeln drauf.

30. Juni 2020

Wer an einem 30. Juni in sein Tagebuch schreibt, das halbe Jahr sei um, wird zwar von jedermann verstanden, hat aber erst Punkt Mitternacht wirklich recht. Vor vierzig Jahren war ich mit meiner Tochter gemeinsam enttäuscht, weil wir die Tierschau von Zirkus Aeros nicht ein zweites Mal sehen konnten, hatten aber die wenigen Tiere wenigstens am Freitag davor schon besichtigt. Sechs Seiten Tagebuch an einem Tag, das waren Zeiten. Zwanzig Jahre später hatte ich mich mit mir selbst auf eine Seite pro Tag geeinigt, die letzte dieser Seiten schrieb ich am 9. September 2010. Heute halte ich bei zehn Zeilen pro Tag, auch das läuft im kommenden Jahr bereits wieder zehn Jahre und irgendwann kommt der Punkt, wo Nachlassverwalter zu entscheiden haben, ob sie sich mit meiner sehr gut aussehenden, aber schwer zu lesenden Schrift quälen wollen, oder ob alles besser vernichtet wird. Sollte es dann regnen, sind es nicht meine Tränen von weit oben, hoffentlich nicht.

29. Juni 2020

Dies ist nun nicht nur der erwähnte 50.Todestag von Stefan Andres, dessen letzten Roman „Die Versuchung des Synesios“ ich vor Jahren meinem Vater schenkte und im Oktober mit vielen, vielen anderen Büchern dem freien Markt in einem Buchdorf zuführte. Dies ist auch der 90. Geburtstag von Slawomir Mrozek, der nicht mehr lebt und mich ein wenig herausfordert, weil es mehr als 40 Jahre her ist, dass ich zuerst einige Stücke von ihm las, dann lange nichts mehr. Ich beglückte meine Krankenkasse und meine Ersatzkasse mit den saftigen Rechnungen meines lieben Zahnarztes, das mir von ihnen Zustehende zurückzuholen, die Gesamtrechnung ist bereits bezahlt. Nun, wo die fette Rentenerhöhung ins Haus steht, der im kommenden Jahr im Westen die Nullrunde folgen soll, wirft mich nichts mehr um. Wir im Osten bleiben weiterhin privilegiert. Morgen ist dann der 30. Juni, was uns unmittelbar an den 1. Juli erinnern wird vor 30 Jahren, mit seiner knochenharten Währung.

28. Juni 2020

Man bekommt, wenn man brav mit Maske eingetreten ist, von maskierten Frauen einen Platz in der „Altdeutschen Bauernstube“ in Königsee angewiesen, obwohl man nicht vorbestellt hat. Man speist wie in besten Zeiten sehr gut, geht maskiert aufs Klo und wieder raus. Draußen wartet man auf die maskierte Gattin und zu Hause erfreut man sich am zweiten Scheitern des Hamburger Sportvereins beim Versuch, wieder in die Erste Bundesliga zu kommen. Bremen darf gegen Heidenheim spielen, ich weiß nicht, wie viele meiner leiblichen Verwandten in Heidenheim in Aufstiegsvisionen vor sich hin schwelgen. Zum Abend schauen wir einen sehr langen Film mit sehr vielen Superschauspielern in zum Teil nur winzigen Nebenrollen, in den Hauptrollen ein gewisser Orson Welles und ein gewisser Gert Fröbe, die man immer wieder sehr gern sieht. Jean-Louis Trintignant war diesmal kein wildes Schaf, sondern ein böser Verräter. Gott liebt den Verrat, aber nicht die Verräter. Oder so.

27. Juni 2020

Pflichtgemäß hat Borussia Dortmund sein letztes Heimspiel saftig verloren und somit der ohnehin längst feststehenden achten Meisterschaft von Bayern München in Folge den nötigen zweistelligen Vorsprung verschafft. Würde Bayern nur knapp Meister, wäre es irgendwie peinlich, obwohl in dieser Saison selbst Bayern-Fans hofften, es mögen diesmal andere sein, die mit der Schale hüpfen. Nunmehr ist es endgültig klar: die Erste Bundesliga trägt mit 18 Mannschaften einen Wettbewerb um die Vizemeisterschaft, die Abstiege und ein bisschen auch die internationalen Plätze aus. So schlecht ist das nicht, nur das Wechseln der jeweiligen Meister-Trainer müsste noch irgendwie geregelt werden, denn nicht jeder langweilt sich nach drei Spielzeiten wie Pep Guardiola, der endlich auch einmal Jürgen Klopp gratulieren wollte. Wir sitzen mangels Fernsehprogramm den zweiten Abend in Folge auf unserem blumenreichen Duftbalkon bei Wein und einer Einzelkerze.


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