Tagebuch
22. Oktober 2026
Eine reichliche halbe Stunde dauerte die am Montag vereinbarte Wohnungsbesichtigung. Wir wissen nun präziser, was auf uns Ende Januar zukommen wird. Vor allem unsere Küche wird in stärkste Mitleidenschaft gezogen werden, ein Teil unserer Fliesen wird zum Opfer fallen. Im Esszimmer wird eine Wand nicht mehr dazu passen nach der Strangsanierung. Danach gibt es eine Atempause bis Ende April, ehe alle Zimmer zur Baustelle für neue Heizungsrohre werden. Dreißig Leute werden wochenlang in unserem Aufgang und dann Hausnummer für Hausnummer weiter zugange sein. Die Wohnungstür wird tagsüber offen stehen, die Haustür auch, die Kellertüren auch. Hoffentlich zieht es nur wie Hechtsuppe und nicht Diebe an. Immerhin: als Inhaber zweier Bäder und zweier Toiletten werden wir privilegiert sein: wir können, wenn wir müssen und brauchen den Pelzmantel nicht erst überzuwerfen, um das Klo drei Aufgänge weiter aufzusuchen bei Bedarf.
21. Oktober 2026
Die Krokodilstränen, die ich heute vergieße, weil EMMA nach 50 Jahren ihr Erscheinen einstellt, erreichen den Boden nicht, auf den sie fallen müssten, weil sie unterwegs schon mangels Masse verdunsten. Spätestens als Alice Schwarzer ihre eigene Nachfolgerin in der Redaktionsspitze feuerte, war mir klar: das eine ist das eine und das andere das andere. Natürlich hat sie recht, wenn sie meint, es sollten die Jüngeren das selbst machen, wenn sie nicht nur Umbrüche, sondern einen einzigen Umbruch wollen. Bibliotheken sind ja heute auch nicht mehr Bibliotheken, sondern Orte, an denen man auch Bücher ausleihen kann, auch. Ansonsten kann man dort als Kind Spiele spielen und lesende Omas beobachten und falls die lesenden Omas zwischendurch müde werden, können sie in einer Ecke, in der innovative Bibliothekarinnen den Platz, an dem einst Bücherregale standen, mit Liegestühlen verschönert haben, schlafenden Omas zuschauen: Opas lesen ohnehin eher nicht.
20. Oktober 2026
Wer sein eigener Auftraggeber ist wie ich es bin, der kann Aufträge ablehnen, ohne sich abmahnen zu müssen. Da ich mich jedoch gut kenne, weiß ich, dass ich mir niemals den Auftrag erteilt hätte, heute zum 80. Geburtstag von Elfriede Jelinek irgendeinen Tiefsinn abzusondern. Jelinek klingt mir irgendwie wie Reichinnek, beide mit einer gewissen Basis-Verwandtschaft zu dem, was wir früher, als die Welt noch in Unordnung war, Maschinengewehr Gottes hießen. Wer wir waren, die derart absonderlich dachten, weiß ich nicht mehr. Einst saß unweit meines Büros eine nette Frau namens Dagmar, die bestimmte Geschlechtsgenossinnen wilde Hilde nannte und das wäre heute vermutlich sogar strafbar. Wenn wir uns in sehr großen Abständen treffen, klopfen wir uns gegenseitig auf die Schulterblätter und sagen uns: Gut siehst du aus. Obwohl der Satz systematisch an Wahrheitsgehalt verliert. In Frankreich waren es nun doch nur Proteste und nicht wie eben noch Schülerproteste.
19. Oktober 2026
Während ich im Keller mit Ausdauer die alten Jahrgänge „Journalist“ sortiere für die anstehende Ausschlachtung und Entsorgung, verpasse ich meinen heutigen Zahnarzttermin. Wir finden einen Ersatztermin in der kommenden Woche. Zu später Stunde gestern ließ Denis Scheck in seiner Bücher-Werbeverkaufsschau „Druckfrisch“ wieder einmal einem Bertelsmann-Produkt freiesten Lauf. Die deutsch-britische Kulturhistorikerin Andrea Wulf, die im kommenden Jahr das DDR-Rentenalter für Frauen erreicht, hat ein Buch über Georg Forster geschrieben, der angeblich vollkommen vergessen ist. Immerhin weiß sie und sagt es auch, dass in jenem Kleinstaat dieser Georg Forster keineswegs vergessen war, eher im Gegenteil. Das Stichwort nimmt Scheck nicht auf, es wäre zu klären gewesen, warum es der Westen war, der Forster vergaß und der Osten nicht. Stattdessen ging es um Therese Huber, die ich anno 2014 zu ihrem 250. Geburtstag als Thema hatte.
18. Oktober 2026
Zum Jahrgang 1926 gehört Joachim Kupsch. An seinem 100. Geburtstag heute wissen wir, was 2006, als er starb, nur er wusste: am vorletzten „Führer-Geburtstag“ in die NSDAP aufgenommen mit einer sehr hohen Mitgliedsnummer. Seit diese Mitgliederkartei öffentlich ist, ereilt es posthum nicht wenige, die nach dem Krieg dann zu emsigen Antifaschisten wurden. Auch Alterskollege Helmut Baierl bekam seine Mitgliedsnummer am 20. April 1944, wir verraten es schon einmal vorab, weil wahrscheinlich niemand so heftige Staatssicherheits-Poesie hat drucken lassen wie er, der den Jahrgang für mich am 23. Dezember abschließen wird. Den neuen Kieler Tatort zum Gelben Muskateller sehen wir zeitversetzt, denn Teil 1 hätten wir in Crikvenica wohl sehen können, dann wäre uns aber das späte Abendessen entgangen. So also erst morgen Teil 2 von heute. Im Reiseteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung heute ausgerechnet die Kvarner Bucht, wie schön.
17. Oktober 2026
Zwei Todestage heute: Gerhard Holtz-Baumert, über den manches zu sagen wäre, vor 30 Jahren, Bernhard Kellermann vor 75 Jahren. Sein Werk steht nahezu komplett hinter mir, mit einer halben Drehung meines Stuhles sehe ich alte und neuere Ausgaben, die älteste von 1948 mit dem Vermerk „Osw. Ullrich“, da gab es unseren kleinen Familienstempel noch nicht. Der Tag vergeht mit der Herstellung der Vorurlaubsordnung, nachdem wir die Zeitungen der Woche geholt haben. Post ist auch allerhand eingegangen. Geburtstagsnachfeier im kleinen Kreis im „Mekong“ und danach bei uns zu Hause. Das Ritual mit dem kroatischen Kräuter- und Wurzellikör macht allen Spaß. Die drei kroatischen Bierflaschen, die wir transportieren mussten, weil im Hotel das Waschbecken mangels Stöpsel nicht zum Abweichen der Etiketten nutzbar war, bereiteten keinerlei Schwierigkeiten. Die Sammlung mit Treueherzen steht nun bei 89, wir rücken der nächsten Prämie schrittweise näher.
16. Oktober 2026
Heimreisetag. Ab 8 Uhr Koffer verladen. Um Platz zwischen den Infizierten und den anderen zu schaffen, müssen alle, so weit es möglich ist, nach vorn rücken. Frühzeitig ist klar: der einzige Bus, den wir treffen müssen, hat einen riesigen Vorsprung, weil er eine Stunde früher als wir startete und dazu weniger Kilometer zu fahren hatte. Dass der große Daniel Chodowiecki heute seinen 300. Geburtstag hat, interessiert bei der nicht enden wollenden Fahrt mit Staus und Baustellen natürlich nicht einmal uns. Noch kurz vorm Umstieg am Urbicher Kreuz müssen wir hinter einem alle Spuren beanspruchenden Schwerlasttransport herschleichen. Die vielen Taxifahrer, die auf uns für diverse Richtungen warten mussten, hatten zum Glück ihre Laune nicht verloren. Was gewesen wäre, wenn der kapitale Hirsch ins Auto vor unserem Bus gesprungen wäre bei Tobolc und nicht noch knapp auf die andere Seite, wollen wir uns nicht ausmalen kurz vor Mitternacht zu Hause.
15. Oktober 2026
Crikvenica: Rijeka und Opatija sind die heutigen Ziele, Beginn die Burg Trsat mit Ausblicken auf Stadt und Meer. Eine Attraktion ist ein Luftschutztunnel, für den sogar ein kleiner Eintritt gezahlt werden muss. Unsere Gruppe ist seit Dienstag verkleinert, weil sich nach dem alten Herrn noch seine Familie und eine weitere mit einem Virus infiziert haben, sie sollen Morgen im Bus ganz hinten sitzen. In einer Kirche erwischen wir eine Konzertprobe mit großer wuchtiger Akustik und teilweise sehr jungen Musikerinnen. In Opatija hat die Uferpromenade einen Walk of Fame nach berühmten Vorbildern, ich fotografiere die Sterne für Nikola Tesla, Miroslav Krleža und Goran Ivaniševic. Von Krleža findet sich auch eine Skulptur, die ein wenig an eine sehr berühmte von Balzac erinnert. Immerhin zwei Bücher von ihm stehen bei mir: „Beisetzung in Theresienburg“ und „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“. Wir sind zeitig zurück, etliche baden noch in Pool und Meer.
14. Oktober 2026
Crikvenica: Es gibt Gesang im Bus, Gesang noch einmal beim Essen. Geburtstag ist Geburtstag. 2025 war es in Levico, 2027 wird es in Venedig sein. Der 13. Oktober war genau wegen dieses Tages immer wieder Anreisetag für uns: 1991 nach Pesaro an der Adria, 1996 nach Forte dei Marmi in der Toskana, 2001 nach Montagnola im Tessin, 2024 nach Sardinien. 1995 Abfahrt schon am 12. Oktober nach Premeno am Lago Maggiore. Die italienische Dominanz ist auffallend. Heute sehen wir Novi Vinodolski, das Weingut, dessen Weine wir gestern schon im Zug verkosteten. Der Rosé gestern war nicht trocken, heute gibt es auch einen trockenen zur Probe. Alle Weine sehr gut, zwei kleine Fläschlein gibt es als Präsent zum Geburtstag. Später holen wir die Fahrt mit dem Schiff nach bei Traumwetter, erkunden ein wenig Selce, vor allem den dortigen Friedhof. Auf unserem Mini-Schreibtisch abends noch ein Geburtstagsgruß des Hotels: Schokoladenkuchen mit Schleife.
13. Oktober 2026
Crikvenica: Wegen der Folgen eines Güterzug-Unglücks können wir heute nicht die volle geplante Strecke mit dem Weinzug fahren. Wir starten in Plase und werden bis zum Ziel mit Weinproben, Snacks und exzessiver Akkordeonmusik versorgt. Der Musiker begleitet uns auch auf den weiteren Stationen. Wir besichtigen eine Mühle (mit Führung) in Delnice, danach kommt das Mittagsmahl mit Hirsch und Polenta, nebenan ein Wildpark mit weißen Hirschen. An der Wand ein echtes Bärenfell. Es soll mehr als tausend Bären geben in Kroatien. Ein Familienbetrieb, der Liköre herstellt, ist das nächste Ziel. Ein älterer Fahrgast muss notärztlich behandelt werden, er hatte schon vorher im Bus Probleme, das verzögert die Rücktour. Zwei Weingläser bleiben uns mit Aufschrift „Weinzug“ für zu Hause, im Zug können wir sie uns umhängen. Mit Wein für den Balkon sind wir versorgt: zu den Vorzügen unseres Zimmers zählt ein kleiner Kühlschrank, der auch für Bier gut ist.
12. Oktober 2026
Crikvenica: alles in allem 17 Stunden waren wir unterwegs gestern: 12:37 Einfahrt in Österreich, 15:28 in Slowenien, 18:20 in Kroatien. Wir hatten das zweifelhafte Vergnügen, den unfähigsten Busfahrer erleben zu müssen, der uns je in unserem nun doch schon recht langen Leben von A nach B zu transportieren hatte. Es gelang ihm, zwischen Ilmenau und Hermsdorfer Kreuz eine volle Stunde Verspätung einzusammeln, wobei er buchstäblich jeden Abholort im ersten Anlauf verfehlte, trotz Navi. Er überlas Schilder, übersah Abfahrten, musste haarsträubende Manöver absolvieren, um auf Gegenfahrbahnen zu kommen. In Ilmenau wendete er auf der Kaufland-Kreuzung. Am Ende aber ein schönes Zimmer 597 mit herrlichem Meerblick, den wir erst heute entdeckten. Gestern war es zu dunkel. Die für heute geplante Fahrt mit dem Schiff muss verlegt werden wegen des Windes, wir besuchen die Insel Krk und erkunden anschließend Crikvenica. Buffet-Versorgung sehr gut.
11. Oktober 2026
Heute ist der 150. Geburtstag von Gertrud von le Fort. Heute ist auch der 98. Geburtstag von Gertrud Ullrich. Man hieß offenbar eine Zeitlang so, obwohl die beiden Namenstage der beiden Heiligen weit weg waren. Die ältere Gertrud sammelte ab 1947 Preise und Mitgliedschaften und starb am 1. November 1971. In meiner Bibliothek findet sie sich, weil sie in der Insel-Bücherei mehrfach vertreten war, die ich einst sammelte: dreifach immerhin. Sonst in Anthologien, die ich jetzt nicht absuchen werde. Von meiner Mutter besitze ich vor allem Tagebücher, das früheste über die erste (und einzige) Reise in die Sowjetunion, genauer ans Schwarze Meer nach Gagra, wohin man als DDR-Bürger eben so gelangen konnte. Wenn kommenden Sonntag Joachim Kupsch aus dem Kreis der 1926er sein rundes Jubiläum haben wird, werde ich an seinen Regalplatz neben dem Fernseher in Gehren denken: Dort stand er mehrfach in der Reihe mit den Musiker-Biographien.