Tagebuch

16. November 2020

„In älteren Tagebüchern blätternd, sah ich wieder, was alles man vergisst, wenn man es nicht aufschreibt: Fast alles. Besonders die wichtigen Kleinigkeiten. Also aufschreiben.“ Notierte Christa Wolf unter dem Datum 27. September 1961 im Amselweg in Halle. Bei mir ist es anders: ich vergesse eher, was ich aufgeschrieben habe, dann nämlich ist es erledigt. So lese ich meine eigenen alten Sachen immer wie fremde Sachen, auch das schrieb ich schon irgendwann irgendwo. In meinen alten Tagebüchern blättere ich äußerst selten, viele hielt ich seit Jahren nicht mehr in den Händen. Christa Wolf folgte ihrem Vorsatz, jedes Jahr am 27. September ausführlich zu schreiben, seit 1960 tapfer, wenngleich nicht immer mit viel Freude und Energie. Telefonat mit dem Finanzamt heute, die Bestattungskosten für meine Mutter betreffend. Allein das Ausfüllen des Fragebogens hätte mich mehr gekostet als die eventuelle Anrechnung eingebracht hätte. Weg also. Vergangenheit.

15. November 2020

Bis nach Ilmenau hat es Prinz Charles nicht geschafft, deshalb waren wir die beiden einzigen, die der auf nahe Null reduzierten Prozedur des Volkstrauertages zuschauten, Kränze hin und weg, keine Musik, keine Rede, wir hätten uns anmelden müssen wegen Corona, so aber hatten wir so viel Platz zum Abstandhalten, dass wir uns sogar feuchtes Niesen hätten erlauben können. Ich verbrachte den lieben langen Sonntag mit Anna Seghers, die Korrektur meines Textes verlege ich auf Montag. Der schöne lange Heimweg bei milden Temperaturen und blauem Himmel wie selten an diesem Tag brachte gut fünf Kilometer für die Gesundheit. Einer, den ich einst für den Volksbund warb, kam uns auf seinem Fahrrad entgegen, gefolgt von seiner Frau, ebenfalls auf dem Fahrrad. Beide hatten heute den Friedhof gemieden. Dafür standen wir überrascht am Grab des früheren Pennewitzer Pfarrers, der zum Jahrgang 1928 gehörte wie meine Mutter, aber schon wesentlich länger tot ist.

14. November 2020

Wir könnten den 14. November als den Vorabend von Wilhelm Raabes 110. Todestag begehen, das wäre aber dann doch ein wenig albern, zumal es andere Anlässe gibt. Da ist beispielsweise der sehr erstaunliche Umstand, dass das Herannahen des 120. Geburtstages von Anna Seghers zu einer sehr wundersamen Vermehrung der Seghers-Experten mehr oder minder fortgeschrittenen Alters führt. NEUES DEUTSCHLAND veröffentlicht eine Doppelkritik zu gleich zwei neuen Seghers-Büchern, eines von Monika Melchert, die nur harte alte DDR-Bürger noch kennen, und eines von Volker Weidermann, den zu kennen sich empfiehlt, falls man auf literarischen Feldern grast oder im Betrieb als Nudel tätig ist. Man entdeckt, dass Anna Seghers doch nicht nur jene kommunistische Funktionsträgerin war, als die die üblichen Verdächtigen sie immer hinstellten. Dass selbst Marcel Reich-Ranicki es deutlich besser wusste, wurde sehr gern übersehen: außer zum Beispiel von mir.

13. November 2020

NEUES DEUTSCHLAND von gestern brachte eine sehr verspätete Nachbetrachtung zum Ableben des DDR-Philosophen Alfred Kosing. GOOGLE von heute lieferte mir beim Herumsuchen einen zeitnäheren Nachruf aus der Feder (ha,ha!) von Arnold Schölzel. Und dann schaute ich in meinem Lieblingsnetzwerk für Antiquariate nach und siehe da: man findet im Dutzend das millionenfach zur Jugendweihe für DDR-Kinder verschenkte Buch „Weltall, Erde, Mensch“ (mein Exemplar habe ich noch im Keller und las es einst sogar vollständig von vorn bis hinten durch), weil da dieser Kosing mitmischte. Kosing war an diversen Wörterbüchern beteiligt als Verfasser, nach der Wende soll Kosing im Kosmetik-Studio seiner Frau das Geld verdient haben, mit dem er den Druck zahlreicher Bücher finanzierte, die er nun ohne alle Zensur verfassen durfte. Ich gebe zu, dass ich vierzig Jahre nach Ende meiner Uni-Zeit in Berlin immer noch mit Grausen an den FDJ-Sekretär Schölzel denke.

12. November 2020

1945 rettete ein damals 13 Jahre alter Schüler aus den Trümmern der Franziskanerklosterkirche in Berlin, deren Teile Kirche, Schule und Bibliothek am 3. Februar durch Bombenangriffe bis auf die Grundmauern zerstört waren, 6000 Bücher. Später wurde er Bibliothekar und noch sehr viel später stieß er auf einen Text von mir, den ich der Weimarer Autorin Dora Wentscher gewidmet habe. Und heute rief er mich an: Er kannte Dora Wentscher und ihren Ehemann Johannes Nohl persönlich gut, kümmerte sich 1964 um ihr Vermächtnis, Nohl war schon 1963 in Jena gestorben. Ich sagte, dass ich in meinen Berliner Jahren oft in der Stadtbibliothek war, er, dass wir uns da wohl begegnet sein könnten. Mag sein, obwohl man als Student, der nur etwas lesen will, eher selten mit dem Direktor oder seinem Stellvertreter zu tun hat. Vielleicht saß er ja 1976 bei jener berühmten Lesung „Für Spanien“ mit Anna Seghers und anderen in der ersten Reihe, als ich in der zehnten oder elften saß.

11. November 2020

Trump kann doch noch gewinnen. In Alaska haben Eskimos, Robben und Eisbären mehrheitlich für ihn votiert, es ist noch nicht ganz klar, ob nicht doch einige Robben mehrmals zur Urne gerobbt sind, um ihren Briefwahlzettel in den Schlitz zu schieben. Alaska ist ein wunderbares Land, es hat Sarah Palin hervorgebracht, die Geographie in ihrer Schule abgewählt hatte und dennoch den Job als Gouverneurin gewann. Bei uns übernehmen am 11. 11. 11 Uhr 11 die Narren die Macht, diesmal ohne Klimbim auf der Straße, dort gewinnt man als Narr die Macht, wenn man drei Millionen weniger Stimmen hat als die Konkurrenz und glaubt, vier Millionen weniger könnte nur einen noch größeren Sieg bedeuten. In dieser Logik wäre gar keine Stimme der denkbar größte Sieg. „Briefe an Leser“ heißt ein 50 Jahre altes kleines Büchlein von Anna Seghers, das ich heute zu Ende las, es gab damals 60 handsignierte Exemplare, von denen ich keins besitze, damals war 1970, ich ganze 17.

10. November 2020

Ich bin zum Gratis-Hörtest eingeladen in die Schillerstraße nach Rudolstadt und darf dazu sogar zwischen zwei Terminen wählen. Keine Ahnung, welcher Adressenhändler meine Anschrift dahin verhökert hat, ob es vielleicht sogar ein Humorhändler war, den selbiger verlassen hat. Warum sollte ich hundert Kilometer verfahren, um etwas zu bekommen, was ich hier auch bekommen kann, falls ich es denn haben will. Noch aber höre ich dank meiner schlechten Augen sehr gut, ich rieche sehr gut dank meiner schlechten Augen und damit ist alles hinfällig. Der Sperrmüll wurde tatsächlich heute abgeholt. Die gestrigen Nachrichten sorgten dafür, dass wir nicht etwa einseitig an bestimmte Dinge denken: kein Mauerfall ohne Pogromnacht, respektive umgekehrt. Nicht erwähnt wurden eine Revolution 1918 und ein Marsch auf eine Feldherrnhalle 1923, man muss nicht immer nur auf Vollständigkeit setzen. Währenddessen warten wir auf die ersten Umzugswagen vorm Weißen Haus.

9. November 2020

Wir dürfen heute endlich unsere drei schriftlich angemeldeten Teile an der Stelle deponieren, die uns von der Abfall-Obrigkeit für individuell zu beantragende Sperrmüllentsorgung vor gefühlt 37 Wochen zugewiesen wurde. Alles muss bis morgen 6 Uhr bereit liegen, weshalb wir es heute schon aufstapeln, denn so früh stehen wir wegen alter Matratzen und Bettkästen nun doch nicht auf. Die Hunde bellen wieder nach einem stillen Wochenende, es ist das längst bekannte Bellen zweier verlassener Hunde, die offenbar einfach zu blöde sind, zu begreifen, dass an fünf von sieben Tagen Herrchen und Dämchen ihrer mehr oder minder geregelten Arbeit nachgehen. Ich lese über eine Tagung der Goethe-Gesellschaft in Weimar im Jahre 1912, was also schon ziemlich lange her ist. Damals muss das Essen nicht gut gewesen sein in Weimar, die Forellen schmeckten nach Sumpf, die Getränke jedenfalls deutlich besser. Was ich bezüglich des Ehringsdorfer Bieres gern bestätige.

8. November 2020

Rudolph William Louis Giuliani, genannt Rudy, sieht mittlerweile auch aus, als ob er es nicht mehr bis zur Fluchttreppe schafft, wenn es im Altersheim brennt, dafür aber hat er phantastische Zeugen für den demokratischen Wahlbetrug ausgegraben. Einer durfte während der Auszählung tatsächlich  nicht telefonieren, der andere nicht näher als fünf Fuß an die Zähler heran. Wenn ich weniger als fünf Fuß an jemanden, der zählt, heranrücke, verstoße ich gegen die Corona-Regeln, ich muss dann nur noch ein wenig trocken husten, und schon habe ich einen dieser demokratischen Idioten, die offenbar tatsächlich alle Stimmen zählen wollen, nicht nur die für Trump, womöglich infiziert. Rudy hat Männer aus dem Volk gewählt, dick, hässlich und stotternd. Nun müssen sich nur noch Richter finden, die, nach dem sie als Kinder zu heiß gebadet wurden, auch noch vom Wickeltisch stürzten. Große Wanderrunde heute: Corona-Gedächtnis-Wanderung rund um die alte Mülldeponie.

7. November 2020

Vielleicht baut Donald Trump schon heimlich im Keller des Weißen Hauses seine elektrische Eisenbahn ab, während oben die verbliebenen Jünger nach Zeugen suchen für Wahldiebstahl. Vielleicht füllt er auch seine Golfballsammlung in wasserdichte Säcke, während der Sohn seinen geliebten Sonderdruck von Goebbels‘ Sportpalastrede in Folie einschlägt, damit er keinen Schaden nehme. Immerhin muss man auf die Idee mit dem totalen Krieg erst einmal kommen, selbst wenn man der Sohn dieses Siegers ist. In Trump-Hirnen entstehen seltsame Synapsen-Verbindungen, die zu noch seltsameren Logiken führen. Wie auch immer, wir nutzen diesen hübschen Sonnabend mit seinem hellblauen Himmel, um uns einer Wartegemeinschaft beizugesellen, die auf einen Wagen mit Wein wartet aus der Region Nahe. Mangels Lagerkapazität ist unser Kontingent überschaubar, es gibt Oberärzte, die stapeln halbe Jahresrationen in ihren Kofferraum, ich verstehe sie sehr gut.

6. November 2020

Ich stelle mir vor, bei einer Ilmenauer Oberbürgermeisterwahl hätte ein Kandidat nach Auszählung der Stimmen in Heyda und Bücheloh seinen Wahlsieg verkündet und anschließend darüber gejammert, dass ihm auf dem Stollen, im Briefwahllokal des Rathauses, auf dem Ehrenberg, vor allem aber in Manebach die Wahl gestohlen worden sei. Er hätte seinen Ordnungsamtsleiter, seinen Justitiar des Rathauses losgejagt, die Stimmenauszählung auf der Pörlitzer Höhe zu stoppen, weil dort immer die Linken gewinnen. Dann wäre wohl rasch ein Auto vor seinem Domizil vorgefahren, man hätte ihm eine Jacke übergezogen, deren Ärmel hinten gebunden werden und das wäre es dann für ihn gewesen. In Amerika ist das anders. Man nennt das eine uralte Demokratie, von der wir erst spät lernen durften. Was wir nie lernen mussten, war das Zählen. Vermutlich haben deutsche Zähler andere Gene, deutsche Briefwahlzettel stehen unter Gottes Schutz, sie scheinen fälschungssicher.

5. November 2020

Dass ich eines Tages eine schriftliche Arbeit zur Erlangung des Grades eines Magister Artium von der Titelseite mit der Anschrift des Verfassers in Berlin-Tempelhof bis zur Seite 118 und der letzten Literaturstelle lesen würde, eingereicht im Jahre 2002, hätte ich mir nicht träumen lassen. Meine letzte akademische Aktivität fällt ins Jahr 1989, als ich mich vertraglich bereit erklärte, gegen ein geringes Entgelt extern eine Diplomarbeit zu betreuen, was im Zuge des Zusammenbruchs des mich beherbergenden Staatswesens hinfällig wurde. Jetzt habe ich den Verfasser 18 Jahre nach Abgabe seines Werkes sogar in Zürich ausfindig gemacht, wo er wie wahrscheinlich alle jüngeren Leute etwas tut, was mit seiner einstigen wissenschaftlichen Qualifikation nichts zu tun hat.  Aber auch ich kann ja nicht direkt damit prahlen, dass mir meine Promotion zum Fortschrittsbegriff zu einer fortschrittlichen Tätigkeit verhalf, im Gegenteil. Immerhin mache ich nun, was mir Spaß macht.


Joomla 2.5 Templates von SiteGround