Tagebuch

5. September 2026

Früher, also vor 25 Jahren noch, trug ich meine Farbfilme zu Foto Richter und wenn sie entwickelt waren, holte ich sie wieder ab. Am 5. September 2001 waren es die Bilder aus Blankenberge an der belgischen Nordsee, ich war recht zufrieden und verstaute alle gleich in ein Album inklusive aller Beschriftungsstreifen. Am 5. September 2006 wohnte ich einer Gerichtsverhandlung bei, in der eine blauäugige Richterin, die dazu blond war, das Prinzip „im Zweifel zu Gunsten des Angeklagten“ umkehrte und alles zu Ungunsten des Angeklagten auslegte. Sie war der ihr Selbstgefühl kräftig hebenden Überzeugung, sie müsse Zeichen setzen. Die höhere Instanz in Erfurt bestätigte ihr Urteil, womit meine Grundsympathien für höhere Instanzen des Rechtsstaates ein wenig ins Umherwanken gerieten. Nach all den herrlichen Waldbränden des Jahres ein Artikel in der Berliner Zeitung, nie seit Aufzeichnungsbeginn habe weniger Waldfläche im Jahr gebrannt. Die Quelle: Satellitenbilder.

4. September 2026

Gestern kursorischer Überblick über meine zirka 80 geschriebenen Seiten zu Martin Walser. Mit der Blickrichtung 2027. Wenn das letzte Quartal 2026 heranrückt, liegt es nahe, in die ebenfalls nahe Zukunft zu schauen. Was nichts gegen die Vergangenheit bedeutet. Ich lese, beim Blättern neugierig geworden, in „Die Diktatur der Geschwindigkeit“ von Peter Schneider. Das war der, der immer gerufen wurde, war ein Zeitzeuge von 68 gefragt. Also wurde er ständig gerufen, denn 1944, 1968 und 1977, westdeutsche Jahre als Arbeitgeber einer Dauer-Erinnerungskultur, verloren nie wirklich an medialem Interesse. Schneider also schrieb 1998 diesen schönen Satz: „Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ich jemals die Gegenwart eines Panzers als Wohltat empfinden könnte.“ Lange, lange vor Anton Hofreiter, den nur seine langen Haare davon abhielten, sich eine Panzerhaube über die Rübe zu stülpen. Ich sah im NATO-Hauptquartier Russen in Uniform, 90er Jahre. War das Illusion?

3. September 2026

Wenn mir schon niemand widerspricht, muss ich es eben selbst tun. Ich habe Herbert Friedrich zum einzigen noch lebenden Angehörigen des deutschsprachigen Literaturjahrgangs 1926 ernannt. Das stimmt nicht. Auch Dagmar Nick, geboren am 30. Mai 1926 in Breslau, lebt noch. Sie hat vor allem über Griechenland und Israel geschrieben, es gab aber auch einen Band mit drei Hörspielen von ihr, den es aktuell nirgends gibt. Ich stieß auf sie, weil sie in einer Anthologie mit der ebenfalls 1926 geborenen Elisabeth Borchers Christa Reinig gewissermaßen einrahmt. Die ist mit sechs Gedichten vertreten, obwohl sie gar nicht vertreten sein dürfte. Nun ja. Es gibt Menschen, denen auffällt, dass in unserem schönen Rechtsstaat, den manche auch zu gern Linksstaat nennen, mit zweierlei Maß gemessen wird. Quod licet jovi, non licet bovi, lernte ich in der Lateinnachhilfe meiner Mutter. Es gibt gute Attentate, von Ukrainern verübt und eben die bösen. Nordstream prima, Leipzig: würg!!

2. September 2026

Heute ist Annerose Kirchners 75. Geburtstag. Ein alter und ein neuer Text von mir sind zu lesen. Ich meinerseits lese in einem Beitrag, dessen Bezahlschranke ich nicht überhopsen kann, sie habe für die Ostthüringer Zeitung 4000 Kritiken geschrieben. Das würde bedeuten, sie hätte über mehr als zehn Jahre an jedem Kalendertag einschließlich sämtlicher Sonn- und Feiertage je eine Kritik im Blatt gehabt, selbst in Blättern, die gar nicht erschienen sind oder in anderen mehr als eine Kritik. Es müsste dafür einen Sonderfonds an Honorar gegeben haben. Kurzum, Korrektoren, die es nicht mehr gibt, haben mindestens eine Null übersehen. Lege ich meine Honorare aus der nämlichen Zeitungsgruppe zugrunde, dann würde Annerose jetzt bald der Reichensteuer unterliegen. Mein bisschen Glückwunsch hat sie gelesen. Der Mohr hätte seine Schuldigkeit getan, wenn es ihn noch geben dürfte. Soweit er nicht durch einen mir unbekannten afrikanischen Philosophen ersetzt ist.

1. September 2026

Lange bevor moderne Mythen gewoben wurden um Menschen, die im Alter von 27 Jahren starben, starb Ludwig Christoph Heinrich Hölty in diesem Alter, der Hainbund-Dichter. Das war am 1. September 1776. Da begann der immer noch junge Goethe eben, den jungen Goethe in sich zu vergessen. Arzttermin für neue Tabletten, erstmals seit langem sind nicht alle in unserer Apotheke verfügbar, ich muss morgen mit Abholschein noch einmal antreten. Das tapfere kleine Deutschland zeigt den bösen Russen, wo der Sanktionshammer hängt, nachts sendet das Fernsehen passend dazu „Rocky 4“, wo Dolph Lungren sich von Sylvester Stallone ordentlich vor die Russenbirne hauen lässt vor den Augen der Sowjetprominenz mit und ohne Uniform. Ahnungslose amerikanische Serienfilmer zeigen in „FBI“ böse Ukrainer, die mit netten Ukrainerinnen Menschinnenhandel treiben und über so was von Leichen gehen dabei. Böse Ukrainer, was soll das denn, bitte, sein?

31. August 2026

Was schon zu packen ging, wurde gestern gepackt, auch die Getränkerechnung nebst Kurtaxe ist beglichen. Zum Frühstück ist jeder Tisch besetzt, an dem wir je saßen. Wir laufen zum Parkhaus, statt erst das Auto vors Hotel zu holen. Alle leeren Flaschen entsorgt, drei Kronen Pfand auch ohne Etikett. Das Ilmenauer Kaufland bringt das technisch nicht fertig, in Marienbad klappt es. Kurz vor 13 Uhr sind wir zu Hause. Staufreie Fahrt, die tschechischen Tankstellen stehen nicht unter Druck aus der Straße von Hormus oder leiten den Druck unter die Erde ab. Wenig Post. Heute ist der 150. Geburtstag von Emil Faktor, auf den ich mich leidlich vorbereitet habe, nur die Zeit zum Schreiben fehlte schließlich. Vielleicht hole ich das nach. Morgen wäre auch schon der 250. Todestag von Hölty fällig. Auch in den habe ich mich mehr als eingelesen vorm Urlaub. Es geht einfach nicht alles. Unter den Mails eine lange, die Götz R. Richter betrifft, für die ich mir Zeit nehmen muss. 

30. August 2026

Marienbad. Mit den „Scherben“ von Christiane Grosz bin ich fertig. Die meisten Gedichte sagen mir nichts. Daneben noch ein wenig Johann Peter Hebel. Wer am liebsten nichts von dem versteht, was er liest, ist hier fehl am Platz. Immerhin weiß ich jetzt mehr über Kalender, als ich sonst wohl je erfahren hätte. Kurz vor 12 Uhr starten wir gen Pilsen, eine kleine Gruppe, einen verlässt schon kurz nach dem Aussteigen am Ziel die Kondition. Am 2. April 2023 waren wir zuletzt hier. Die gemütliche Kostprobe im Biermuseum ist ersetzt durch die Ausgabe einer immerhin gekühlten Bierbüchse, die jeder trinken kann, wo es ihm behagt. Wie geplant, schauen wir nach der Führung das Puppen-Museum an, preiswert und enorm kinderfreundlich. Auch wir drehen ein wenig da und hebeln dort, am Ende ein paar nette Fotos. Im Hotel kommt gerade eine volle Busladung aus dem Hunsrück an, das hatten wir noch nie. Unsere Stammplätze beim Essen sind erwartbar verloren.

29. August 2026

Marienbad. Letzte Anwendung Gasinjektion. Nach dem Frühstück folgen wir Google Maps bis zum Kammerbühl. Die Dame im Reisebüro hatte von einem komplizierten und langen Fußweg dorthin gesprochen. Tatsächlich kann man hundert Meter weit von Goethe-Stollen und Goethe-Gedenkstein sogar bequem parken. Den Stollen könnte man besichtigen, wenn man sich lange genug vorher anmeldet. Immerhin weiß ich nun, wenn wieder einmal von diesem Vulkan die Rede ist, den von Johannes Urzidil gesammelten Fakten aus „Goethe in Böhmen“ eine eigene Vorstellung hinzu zu fügen. Vom Kammerbühl direkt zum Naturlehrpfad Glatzen, den wir in umgekehrter Richtung abwandern als beim letzten Besuch. Den schönen Nachtfotos von gestern an der Singenden Fontäne heute Naturbilder hinzugefügt. Libellen aus nächster Nähe. Abends noch Gang zum ehemaligen Hotel neben dem Museum. Dort eine neue Fassaden-Dekoration mit berühmten Marienbad-Gästen.

28. August 2026

Marienbad. Goethe-Geburtstag. Drei Anwendungen. Spätes Frühstück nach anstrengendem Sport im Wasser. Der Ausflug zur Brauerei Chodovar ist neu im Programm. Wir halten zuerst am Kloster Tepla, das wir schon sahen am 21. Juli 2024. Es regnet kurz, aber heftig, was uns einen längeren Aufenthalt im Klosterladen aufzwingt. Es gibt dort nette Dinge. Die Führung in der Brauerei ist überraschend interessant. Gearbeitet wird dort sehr früh und nur bis Mittag, weil nachmittags die Gruppen kommen. Chodovar betreibt die Mälzerei selbst, das machen nur sehr wenige Brauereien noch. Wir erkundigen uns nach einer alten Dame, die wir 2024 und 2025 schon sahen und erfahren, dass ihr Enkel jedes Jahr zwei Monate Aufenthalt im Hotel finanziert. Sie ist jetzt 90 Jahre alt und  im Vergleich zu beiden Vorjahren, wo sie immer ihren Stammplatz in der Ecke hatte und schon an der Bar vorher ein Schlückchen nahm, gebrechlich geworden. Ihre Tochter umsorgt sie am Tisch.

27. August 2026

Marienbad. Drei Anwendungen. Ich las „Goethe im Elbogener Ländchen“ zu Ende von Ernst Frank. Wir werden in diesem Jahr Elbogen (Loket) nicht sehen. Dafür erneut bis zu Mordvilla mit dem Relief an der Fassade, auf der anderen Straßenseite die farbige Tafel, die Lessing mit weißer Katze an seiner Schreibmaschine zeigt, draußen Sternenhimmel. Danach zum Denkmal für Goethe und Ulrike, die eben zu Goethe und Marienbad gehört. Im Goethe-Büchlein von 1932 kein Zweifel des Autors an der seltsamen späten Liebe. Ich versuche mir vorzustellen, was ein 17-, 18-jähriges Mädchen von mir halten würde, würde ich sie auffallend anbaggern. Was ich von mir selbst halten würde, weiß ich genau. Den Goethes ist alles zu verzeihen, heißt die Moral für Erdenmenschen. Vor 15 Jahren starb Heinz Drewniok, von dem ich 2024 das Hörspiel „Die Sau“ las und dann auch darüber schrieb, es ist nachzulesen. Tschechischer Grüner Veltliner zum Abend, trinkbar durchaus.

26. August 2026

Marienbad. Das endlich fertig gewordene neue Swissôtel nebenan sahen wir gestern noch, drei Jahre lang Fortgang der Arbeiten. Heute fünf Anwendungen für mich. Der freundliche Mann an der Rezeption bekennt, nichts von Theodor Lessing zu wissen nach zwanzig Jahren in Marienbad, er ist sich auch nicht sicher, wo und wie man den Jüdischen Friedhof findet. Wir finden ihn, fahren fast bis vors Tor und sehen bald auch das Grab, das wir suchen. Auf dem Grabstein zwei Inschriften, deutsch und tschechisch. 2025 standen wir erstmals vor der Villa, in der er erschossen wurde. Der dicke Band mit seinen Theaterkritiken ist noch ein offener Posten in meiner Lese-Rechnung, das Lesezeichen zeigt an, wo ich fortsetzen müsste. Grandiose Anwendung heute zum Schluss. Sie nennt sich hier Hydrojet. Ich kenne das aus der Reha in Bad Rodach: Rückenmassage von unten her auf einer Art Wasserbett. Das könnte ich jeden Tag dreimal haben. Abends Rosé wie zu Hause.

25. August 2026

Marienbad. Schön, wenn man Überraschungseffekte nicht auf diese Abläufe beziehen muss: die Ärztin sieht unsere Anwendungen aus dem Vorjahr auf ihrem Bildschirm, fragt, ob wir zufrieden waren. Und da wir zufrieden waren, werden wir ähnlich versorgt. Heute erst einmal nur zwei Anwendungen. Wegen des Ausflugs am Freitag müssen wir den gedruckten Plan noch einmal korrigieren lassen, es geht problemlos. Zum Begrüßungsnachmittag im Hotel Reitenberger sind ungewöhnliche Massen erschienen, so viele wie nie. Aus unserem Hotel nur sehr wenige, wir sind teurer. Im Vorjahr der Mann, der seinen Kuchen nicht bezahlen wollte. Heute einer am Abend, der offenbar eine Melonenkur verordnet bekam. Er trug einen kleinen Mount Everest an Melonen-Scheiben zu seinem Tisch, erst danach kümmerte er sich um das eigentliche Abendmenü. Mit den Wassermelonen liefert die Küche den Hit. Auch andere schleppten ab, als gäbe es kein Morgen.


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