Tagebuch

18. Mai 2024

Auch auf dem Rückweg dauert es ziemlich lange, wenngleich wir bis Dresdner Tor eine ganze Stunde gewinnen. Unser Busfahrer liebt offenbar die Landstraßen, wo immer welche zu nutzen sind. Vielleicht steckt das zur Mautvermeidung im Blut, vielleicht hat es auch profanere Gründe. Immerhin bediente er sich während der Fahrt aus fünf verschiedenen Haribo-Packungen und war ein angenehmer Fahrer. Schon 6.45 Uhr mussten die Koffer am Bus sein, unsere wurden zuerst verstaut, weil wir erst nach fast allen anderen umsteigen mussten. Nach Ilmenau mit einem Tesla-Taxi, der Fahrer verriet uns, dass 40 Minuten laden ihm mindestens eine Tour jeweils vermasselt, sonst sei das Fahrzeug hervorragend. Wir kennen das vom vorigen Jahr: Tesla heißt Angst und Wasser schwitzen unterwegs, fährt man zu schnell oder ungeplante Umwege. Fahrende Computer eben, von der anderen Seite her gedacht. Zu Hause nichts Nennenswertes in der Post. Kein Anruf.

17. Mai 2024

Balatonfüred: Schon wieder der letzte Tag, kurze Reisen sind nicht länger. Das Ziel heute heißt Pannonhalma, danach Veszprém. Der Tagore an der Strandpromenade ist freigeschnitten, heute endlich ein Foto leidlicher Qualität. Fotografiert habe ich auch ein kleines Denkmal für Tibor Déry, der 1977 starb und zu DDR-Zeiten einer der gefragtesten ungarischen Autoren war. Ebenso Tafeln, die an Blaha Lujza erinnern, die mir bis dahin nur ein Name für eine Budapester Metro-Station war, die erst 1970 eröffnet wurde. Sie war also noch neu, als wir sie 1970, 1971 und 1973 nutzten, in den Jahren danach nicht mehr ganz so neu. Jetzt weiß ich: Blaha Lujza war eine Bühnenschönheit, die ihre Sommer in Balatonfüred verbrachte. Ihr Ferienhaus ist jetzt ein nach ihr benanntes Hotel. Vor dem letzten Abendessen an der Promenade Weinverkostung. Wir tranken einen wunderbaren Rosé an der Lázár Pince. Dort jeden Abend an einem anderen Tisch zu sitzen, wäre eine schöne Sache.

16. Mai 2024

Balatonfüred: Heute Premiere trotz vieler und langer Ungarn-Urlaube: die Puszta, genauer die Bakodpuszta. Wir werden zuerst beköstigt mit Suppe, Brot und Wein nach Belieben, dann gibt es eine Vorführung mit Graurindern als Zugtieren, mit Pferden und einem Esel als Reittieren, final eine Vorführung mit einem Zehnerzug weißer Pferde, je vier in einer Reihe nebeneinander, zwei ganz hinten, auf denen der Reiter steht. Mit einer Kutsche geht es dann hinaus in die weite Landschaft, wo die Graurinder mit ihren Kälbern sich bewegen, die Kälber gar nicht grau. Und Zackelschafe. Alle ganz offenbar an Touristen gewöhnt, sie gehen erst im allerletzten Moment aus dem Weg und schauen immer sehr neugierig. Die Wollschweine sehen wir nur aus größerer Entfernung. Unser Wein vom Montag darf im Zimmer ruhen, wir ließen ihn nicht im Bus, denn nicht alle Straßen sind EU-gefördert gut, was Weine eher nicht mögen. Dafür waren alle, die wir kosteten, hervorragend.

15. Mai 2024

Balatonfüred: Der dritte 90. Geburtstag in kurzer Folge: heute Fritz Mierau, auf den ich irgendwann noch kommen werde. Wir fahren nach Székesfehérvár, das perfekte Wort für den ersten Grundkurs ungarischer Aussprache. Unser Reiseleiter, sonst in allem löblich, verballhornt alle ungarischen Namen und Wörter grauenhaft und nicht einmal die zwei Tage mit dem Muttersprachler gestern und vorgestern halfen. Für morgen heißt es entsprechend: Wir fahren in die Puschta, übermorgen nach Fäschprämm, was also für Einheimische Veszprém wäre. Den berühmten Esterházy nennt er glatt Esterhatsi, man mochte „Gesundheit“ rufen. Am schlimmsten ergeht es Rákóczi, nach dem, wo man auch hinkommt, eine Straße oder ein Platz benannt ist. Er wird zu Rakoschi, den es auch gab, nur war Mátyás eben der Diktator von Stalins Gnaden, der 1956 gestürzt wurde und nicht der gute alte Ferenc. Nachmittags sehen wir in Füred noch das Aquarium und das Sommerhaus von Jokai Mor.

14. Mai 2024

Balatonfüred: Am fakultativen Ausflug nach Budapest nehmen nicht alle teil. Diesmal umkurven wir den Heldenplatz nicht nur, sondern steigen aus. Haben gut Zeit für Schloss Vajdahunyad, den Millenniumsbau. An der großen Markthalle steigen wir aus und verabschieden uns bis zur Treffzeit. Allerlei traurige Anblicke unterwegs: die Mátyás Pince geschlossen, wo wir oft den ersten Abend mit Freund Géza verbrachten. Nicht geschlossen, aber völlig umgebaut das „Bástya“, in dem wir sehr oft zu Mittag oder zu Abend aßen. Zeitweise waren wir etwas wie Stammkunden, denen noch nach Küchenschluss etwas aus dem Kühlschrank geholt wurde. In der Rákóczi ut 28 ließ man uns ins Haus und wir stiegen bis in die dritte Etage, wo wir einst Gäste der Familie Timkó waren. Vor  fast vor jeder Wohnungstür damals ein großes Glas mit eingelegten Gurken, Brot darin, das gären sollte. Orangeade hieß fast immer der Getränkewunsch meiner Mutter, ihre Beilage Tomatensalat.

13. Mai 2024

Balatonfüred: Es ist volle 48 Jahre her, dass wir am Balaton waren, 33 Jahre, dass wir zuletzt auch in Ungarn übernachteten. Der missglückte Ausflug nach Budapest von Bratislava aus im vorigen Jahr zählt nicht. Die Rundfahrt heute führte nach Tihany und Badacsony und mich zur Erkenntnis, dass ich mich gestern während der Anfahrt zum See und noch heute in einem sehr dummen Irrtum befand: wir sind auf der Nordseite und nicht auf der Südseite, wo wir von 1965 bis 1976 immer waren. Ein Gebäude in Tihany erkannte ich sofort wieder, weil es nach der Überfahrt damals das erste war, das wir sahen. Jetzt kamen wir natürlich nicht von unten her, sondern von oben. Für heute  und morgen haben wir einen netten älteren Reiseführer, ehemaliger Lehrer, der uns viel erzählt. Die Geschichte von der Holzkanone, die Füred zerstören sollte, war die schönste. Dem 90. Geburtstag von Adolf Muschg heute gilt mein Text zu „Noch ein Wunsch“, vordatiert für „Meine Schweiz“.

12. Mai 2024

Balatonfüred: 3.35 Uhr hatten wir am Bahnhof zu sein, wo uns der Zubringerbus zum Hermsdorfer Kreuz erwartete. Dort wiederum standen fünf Busse, von denen drei nach Kroatien wollten, einer an den Chiemsee. Wir mussten warten, bis ein sechster Bus aus Dresden erschien, der den Koordinator enthielt, dem die Aufgabe zufiel, den anderen Reiseleitern zu erlauben, das große Umsteigen in Gang zu bringen. Als unser Bus dann schließlich die beiden letzten Zusteiger am Dresdner Tor zu sich genommen hatte, waren bereits fünf Reisestunden verflossen. Trotzdem kamen wir bei Licht am Balaton an, bezogen das Zimmer 458 im Hotel „Annabella“, welches in den Jahren 1966 bis 1968 erbaut wurde: mit Balkon, mit Seeblick und einem Speiseraum für sehr viele Gäste. Das Essen löblich, alle nichtalkoholischen Getränke inklusive. Zum heutigen 90. Geburtstag Werner Bräunigs mein Text zu „Prosa schreiben“ im Netz. Die gute Nachricht: Alle Ausflüge beginnen erst um 9 Uhr.

11. Mai 2024

Am 11. Mai 2004 verbreitete sich die Nachricht, in Suhl hänge am Brett eine interne Ausschreibung für meinen ehemaligen Job. Da ich gerade eben aus diesen oder jenen Gründen meine ehemalige Redaktion besuchte, hörte ich es aus mehreren Quellen, was die Frage aufwarf, was aus meinem Nachfolger wohl werden soll, wenn ihm schon wieder ein Nachfolger nachfolgen soll. Am Ende hat er länger ausgehalten als Putin als Präsident. Zwanzig Jahre später stehen mir die Aushänge für den nächsten Aufguss in der Sauna näher als die Interna irgendwelcher Redaktionen. Am 11. Mai 1994 bereitete ich mich auf die zweite Männertagsreise allein mit meinem Vater vor. Sie führte uns nach Ernst an der Mosel unweit von Cochem, wo wir gut wohnten, wo ich meinen ersten Elbling trank, von wo es Ausflüge gab nach Trier und über die Grenze nach Luxemburg. Zuerst aber sahen wir das Niederwalddenkmal und später das Deutsche Eck. Und heute ist wieder Reise-Vorabend für uns.

10. Mai 2024

Wolfgang Mayer seligen Angedenkens, dessen „Dänen von Sinnen“ seit Jahren meine abgespülten Bieretiketten presst, ehe sie der Sammlung einverleibt werden, erfreute mich vor 30 Jahren mit einem Fax, dessen Text er als Gegendarstellung deklarierte, obwohl das natürlich keine war. Mir trug das ein Endlos-Telefonat ein, nachdem ich ein Gegen-Fax an ihn ins Adenauer-Haus versandt hatte. Und wenn ich jetzt davon lese, habe ich ihn vor Augen: wie er mich mal hasste, mal benutzen, mal beinahe mein Freund sein wollte. In meiner Zeitungszeit hatte ich solche Herren (nie Damen) immer wieder an der Strippe: einer wollte mich alle halbe Jahre überreden, endlich einmal Dagmar Schipanski medial aufs Kreuz zu legen, die allein durch DDR-Frauenförderung zu Ruhm und Ehre gekommen sei. Den Armen hatte seine Stasi-Vergangenheit aus dem Job gekegelt, nun sann er auf Rache. Familienfotos erinnern uns an Amsterdam, wo wir zuletzt 2009 waren. Von Volendam aus.

9. Mai 2024

Der Männertag treibt aus allen Richtungen Bratwurstduft an den Nasen vorbei. Unser vorgezogener Spaziergang „Teichrunde“ führt uns in den vorderen Orient, der am Wasser zu eben jener Musik tanzt und sich vergnügt, die unser Ohr Arabien denken lässt. Wir zählen auf dem Großen Teich nicht weniger als 17 Schwäne, zwei mit Jungen auf dem Brandenburger Teich. Woher die wohl immer so plötzlich kommen. Der russische Sangesbruder Bulat Okudshawa hat heute seinen 100. Geburtstag, Wikipedia meint, er sei etwas wie der Georges Brassens der Sowjetunion gewesen. Der George Brassens Frankreichs war als Chansonnier nie mein Ding, weil ich nicht der Chanson-Fan war. Das wird sich in diesem Leben nicht mehr ändern. Okudshawa schrieb einen Napoleon-Roman und andere, die an mir vorbeirauschten. 80 Jahre alt würde heute Bernd-Dieter Hüge, über den ich schon zu DDR-Zeiten schrieb und dann nicht wieder. Vielleicht hätte er es verdient, ich weiß nicht.

8. Mai 2024

Manche Bücher stehen 40 Jahre und mehr im Regal, ehe ich sie endlich lese. So jetzt „Noch ein Wunsch“ von Adolf Muschg. Vor zehn Jahren war ich drauf und dran, sein 1968 zuerst gedrucktes Stück „Rumpelstilz“ für einen Beitrag zum 80. Geburtstag zu verwenden. Bei der Absicht ist es geblieben, am 8. Mai 2014 schrieb ich den letzten Satz in die entsprechende Datei. Meine Ärztin schockierte mich heute mit einer sogenannten Verdachts-Diagnose, schrieb mir eine Überweisung und ich holte mir dort auch umgehend einen Termin. Eine mir befreundete Suchmaschine hat diverse Informationen für mich dazu, welche, an denen „Gesponsort“ steht, und welche, die selbst eine gute Position gewinnen müssen, um mich zu erreichen. Rückblick: Vor 30 Jahren acht Stunden Sonntagsdienst, vor 25 Jahren Jugendweihe-Feier in der Festhalle, die zweite nach 1992. Feier an langer Tafel im Arbeitszimmer, sogar Berlin und Gera dabei. Unvorstellbar heute, kein Platz mehr.

7. Mai 2024

2004 war das der letzte Geburtstag meines Vaters, von dem wir natürlich nicht wussten, dass es der letzte war. Für Volker Braun war es damals der 65. Geburtstag, er feierte in der Kulturbrauerei in Berlin, die ihm ein angemessen karger Ort erschien. 20 Jahre später wird wieder gefeiert, ich trage mit meinem „Volker Braun 85“ heute aus der Ferne bei. Mein Kalender weist mich außerdem auf Emil Felden hin, dessen 150. Geburtstag heute ist. Ich würde ihn nicht kennen, wenn er nicht, was ungewöhnlich genug ist, 1909 in seiner Kirche St. Martini in Bremen Kanzelreden über Henrik Ibsens Schauspiele gehalten hätte, zu einem Buch mit dem Titel „Alles oder Nichts!“ vereint 1911 im Verlag Die Tat, Leipzig. Ich besitze ein sehr gut erhaltenes Ganzleinenexemplar mit 214 Seiten Umfang, das meine anständig sortierten Ibsen-Bestände ergänzt. Mein letzter Ibsen war 2019 im Oktober „John Gabriel Borkman“ im Meininger Staatstheater, auch fast fünf Jahre her inzwischen.


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