Tagebuch

20. Januar 2021

Neben Patricia Highsmith hätte gestern auch noch ein Ungar 100. Geburtstag gehabt, den ich in meinem eigenen Kalender übersah, obwohl mir sein 1981 erschienener Erzählungsband durchaus mehr als ein paar Zeilen hätte wert sein können: Miklós Mészöly. Heute tritt aus den im Krieg dezimierten Reihen des Jahrgangs 1921 Bernd Engelmann an, von den Lebenden Hans Löffler, den einst Günter Kunert entdeckte und förderte. Zu großem Ruhm ist er auch nach dem Ende der DDR nicht gelangt, wie es ihm geht, weiß ich nicht. Aus meinem nur scheinbar unerschöpflichen Bestand alter Kritiken grabe ich zum 75. heute die zu seinen Erzählungen „Briefe über ein Modell“ aus. Dazu eine am 20. Januar 1989 zuerst und zuletzt gedruckte zu Armin Stolpers „Unterwegs mit einem Entertainer“. Mein neuer Schrittzähler verweigerte während eines Ausflugs zur Sparkasse plötzlich den Dienst, allein der Weg vom Parkhaus bis hin war länger als die angezeigten Schritte. 

19. Januar 2021

Wenn wir es Schneesturm nennen, was uns heute von fast allem abhielt, was wir normalerweise tun, dann ist das nicht sehr stark übertrieben: heftigster Wind, der den zum Glück nicht ähnlich heftigen Schneefall waagerecht bewegte. Die Wahl für mich: Ferdinand Gregorovius und sein Geburtstag Nr. 200, Julian Barnes und sein Geburtstag Nr. 75, Patricia Highsmith und ihr Geburtstag Nr. 100. Von Julian Barnes besitze ich fünf Bücher, von Patricia Highsmith vier und von Gregorovius gar keins. Das macht es einfach: ich wähle die größere Herausforderung. Zumal der edle Gustav Seibt, der für mich immer im Zusammenhang mit Goethe und Napoleon steht, obwohl er in diversen anderen Zusammenhängen natürlich auch steht, die „Süddeutsche“ zum Jubiläum beliefert hat. Von ihm gibt es seit 2001 auch „Rom oder Tod“, da ist er natürlich informiert. Unsereiner vom Jahrgang 1953 hat inniges Verständnis für Bürger des Jahrgangs 1959, wir erlebten da schon unseren ersten Schultag.

18. Januar 2021

Freundlicher Optikerinnen-Anruf: unsere neuen Brillen sind da.  Wir holen sie in der Mittagszeit, die Fußgängerzone ist ohne Fußgänger, ich zahle mit Karte und empfange eine Quittung, die das Finanzamt hoffentlich als besondere Belastung anerkennt. Mein Schrittzähler „Made in China“ scheint ein Montagsgerät gewesen zu sein, nicht ein halbes Jahr tat er seinen Dienst. Heute stellte er 10.48 Uhr zunächst seinen Zeit-Dienst ein, dann seinen Zähldienst, zum Schluss zeigt er nichts mehr. Sein Vorgänger aus der gleichen großen Volksrepublik lebte anderthalb Jahre. Wir wechseln nun nach Südkorea, wo das Laden des Akkus offenbar besonders lange dauert. Zur Belohnung steigt mein Administratorenzugang wieder einmal aus, ich setze die Einstellungen alle zurück und Freund Blei schafft es doch noch rechtzeitig ins Netz: 2095 Wörter. Ein Tankgutschein bringt Ersparnis von 1,44 Euro. Wir überlegen, wie wir die anlegen. Schrittzähler-App zeigt 3991 Schritte Spaziergang.

17. Januar 2021

Ein Sonntag mit Franz Blei und Winterwetter. Die Suche nach einem Archivbestand, der wohl nur in meiner Phantasie existierte, nimmt einige Zeit weg. Immerhin beende ich ein merkwürdiges Buch aus dem Ammann-Verlag aus einer Reihe von Bänden, die Arbeiten von Reich-Ranicki zu einzelnen Autoren sammeln: „Max Frisch. Aufsätze“. Merkwürdig ist dieses Buch, weil es erst auf Seite 19 beginnt, es handelt sich um eine klassische Fehlbindung, wie man sie akribischer „Made in Suisse“ kaum zutraut. Zum Glück habe ich den unvollständigen Aufsatz nicht nur in einem anderen Buch, sondern kann mir sogar das Original aus dem Jahr 1963 neu ausdrucken. Der entsprechende Archivzugang kostet 98 Euro im Jahr, das verrauchen viele in weniger als einem halben Monat. Spazieren heißt heute: mit feuchter Kapuze nach Hause kommen. Der Gelbe Muskateller zum Tatort kommt von Bruno Kirschbaum aus Langenlois, dem Weinpreisträger 2020. Eine Wohltat.

16. Januar 2021

Beim Lesen der „Vossischen Zeitung“ aus dem Jahr 1929 stoße ich auf eine siebenzeilige Meldung: Überschrift „Autounfall Bert Brechts“, Unterzeile „Auf einer Pfingstfahrt in Thüringen“. Dieser Meldung zufolge musste Brecht plötzlich wegen eines Hindernisses auf der Fahrbahn stark abbremsen, ein schwerer Wagen fuhr auf von hinten. „Brecht erlitt mehrere Knochenbrüche und Schnittwunden im Gesicht:“ Sehr viel später konnte man im Berliner Brecht-Haus sogar einen ganzen Vortrag über den Autonarren Brecht hören. Auch die Details des Unfalls, der ganz anders ablief und an einem Baum endete, an den Brecht seinen Wagen absichtlich steuerte, um einem entgegen kommenden Raser auszuweichen, der trotz Gegenverkehrs überholen wollte, sind sogar mit Fotos dokumentiert. Brecht war auf dem Weg nach Fulda, in Berlin galt das wohl als Thüringen damals. Die Quelle für alles: Das Uhu-Monatsmagazin. Zurück nun zu Franz Blei und Max Frisch.

15. Januar 2021

Erstmals seit dem 24. November wieder mehr als 10.000 Schritte gestern, unter 7000 war ich nun schon fast drei Wochen nicht mehr: kein Wetter hält uns ab. Das Büchlein „Bei Goethe zu Gast“ lag  buchstäblich einige Wochen auf dem Fensterbrett, das Lesezeichen bei Franz Grillparzer, der 1826 ein Goethe-Gast war. 2016 schon las ich diese paar Seiten, auch die entsprechenden in Grillparzers Buch „Reisetagebücher“. Mehr als der gute Wille, den heutigen Geburtstag zu nutzen, um über die Begegnung zu schreiben, ist nicht herausgekommen. Das wird in den kommenden Tagen keinesfalls besser, fast täglich wären drei oder sogar vier Namen verlockend, Namen, die mir die Entscheidung alles andere als erleichtern. Bisweilen ist sehr viel Vorarbeit nötig, weil am Ende eine ganze Reihe von Texten herauskommen soll. Da der Schnee nicht nur liegen bleibt, sondern stetig Nachschub erhält, gibt es fröhliche Schaufelszenen auf den Mietparkplätzen, hässliche Geräusche inklusive.

14. Januar 2021

Ganz sicher bin ich mir nicht mehr, welchen Titel von Kurt Guggenheim ich als ersten kaufte, ich weiß aber genau, welchen ich als ersten las: „Heimat oder Domizil?“, einst als Heft 25 in der Kulturschriftenreihe des Artemis Verlages Zürich erschienen. Und als ich kürzlich diesen Mann 25 Jahre jünger machte, was mir zum Glück so früh auffiel, dass nur sehr wenige Leser den Fehler überhaupt sehen konnten, von denen wahrscheinlich noch viel weniger ihn als solchen erkannten, war mein Ehrgeiz rasch groß genug, zu seinem heutigen 125. Geburtstag ein paar Zeilen mehr zu schreiben. Es sind erstaunlich viele Zeilen geworden und fast alles, was ich brauchte, um sie zu schreiben, konnte auf verschiedenen Stapeln um mich liegen bleiben, weil es bald erneut gebraucht wird. Ich betreibe ein planwirtschaftliches Unternehmen, anders geht es gar nicht. Meine Hausärztin zieht, als ich ein Rezept hole, meinen Termin für nächste Woche vor: es gibt gleich zwei Rezepte.

13. Januar 2021

„Ich lag gerade im Garten und nahm ein Sonnenbad, als ich eine absonderliche Figur, den Panama schief auf dem Kopf, herankommen sah. Es war James Joyce. Hinter ihm stapfte sein Sohn George, gefolgt von Lucia, die an ihren Zöpfen zupfte. Seine Frau Nora beschloss den Zug.“ Die sich so erinnert, ist Claire Goll, zuvor Claire Studer, zuvor Klara Aischmann. Man kann dies und vieles in ihrem Buch „Ich verzeihe keinem. Eine literarische Chronique scandaleuse“ nachlesen. Die Figur mit dem schief sitzenden Hut ist heute vor 80 Jahren gestorben. Wenn ich den Kopf hebe, um über meinen alten Drucker hinweg zu schauen, sehe ich sechs graue Bände aus dem Verlag Volk und Welt, sie tragen die mehr oder minder hübschen Titel „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“, „Stephen der Held“, „Dubliner“, „Ulysses“ (2 Bände) sowie „Ausgewählte Schriften. Nachlese“. „Finnegans Wake“ fehlt, wenngleich nicht mir. Mein Ehrgeiz, mitreden zu können, ist gleich Null.

12. Januar 2021

Wer Ullrich heißt, kommt in alphabetisch sortierten Büchern meist sehr weit hinten. In diesem Buch kommen noch zehn Beiträger nach mir und wer sich für das Buch interessiert, hat außerdem Pech. Es handelt sich um die Taschenbuchausgabe eines nur in einem einzigen Exemplar gedruckten Buchs mit dem Titel „Es fand sich schließlich Christoph Links – dann ging’s“. Als Kritiker würde ich sagen: es gab schon handlichere Titel. Aber das ist in diesem Fall völlig überflüssig. Im Buch bin ich ein Fremdkörper, nur entschuldbar, weil ich bei Christoph Links auch ein Buch machte. Wir kannten uns schon 15 Jahre, als er mit seinem Verlag begann. Die Bücher „Lienhard und Gertrud“ sowie „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ standen im ältesten Regal meiner Eltern in der schmalen Kammer, sie erschienen nicht bei Links, waren dafür in grobes Ganzleinen gebunden. Ihr Verfasser: der Schweizer Heinrich Pestalozzi, heute vor 275 Jahren geboren. Und meine Mutter hieß Gertrud.

11. Januar 2021

Wer, weil er wie ich Zeit und Muße dazu hat, einschlägige Feuilletons durchgrast und insbesondere Literaturkritiken für sein Archiv sucht, stößt auf das Phänomen einer ungewöhnlichen hohen Quote an kanadischen Autoren sämtlicher Geschlechter und Hintergründe, also beispielsweise auch solche, die kanadisch-haitianisch genannt werden. Es macht rasch Klick angesichts solcher Phänomene, denn Kanada wäre im Oktober 2020 das Gastland der Frankfurter Buchmesse gewesen. Weil diese aber ausfiel, also virtuell-digital daherkam ohne Gedränge und Empfänge mit Schnittchen, blieb ein Überhang an vorinvestierter Kritiker-Energie, die nun ihre Ergebnisse über die Wochen streuen darf. 2021 soll Kanada abermals Gastland sein, diesmal tatsächlich, falls bis dahin alle geimpft sind und alle Herden Immunität erreichten. Ob die Verlage zweimal hintereinander Ausnahmezustand zu spielen bereit sind, Motto Kanada First, bleibt abzuwarten, Ahornsirup-Rezepte gehen wohl immer.

10. Januar 2021

Die Suche nach Werken von Carl Ehrenstein ist rasch beendet. Da gab es 1913 die „Klagen eines Knaben“ als Band 6 der nach einigen Zwischenhochs am Expressionismus-Markt wieder fast bezahlbaren Reihe „Der jüngste Tag“. Dann gab es 1921 noch die „Bitte um Liebe“, mit dem Nachwort von Bruder Albert Ehrenstein, das wiederum in dessen großer Essay-Sammlung der Werkausgabe fehlt. In der Briefsammlung darf man dafür einige Bruder-Briefe nachlesen, nicht aber die Antworten. Als Carl Ehrenstein vor 50 Jahren starb, kannte ihn niemand mehr. Mit dem ersten amerikanischen Literatur-Nobelpreisträger steht es besser. Sinclair Lewis starb zwar vor 70 Jahren, sein ins Deutsche übersetztes Werk konnte man aber diesseits und jenseits der gemauerten Demarkationslinie in etlichen Bänden lesen, in der DDR nahmen sich der Kiepenheuer Verlag und vorher der Paul List Verlag seiner an, „Babbitt“ erschien sogar in der „Bibliothek der Weltliteratur“.

9. Januar 2021

Der Landkreis Saalfeld-Rudolstadt hat seinen gestern erstmals eroberten Podestplatz für die Corona-Hotspots erfolgreich verteidigt, nur der Landkreis Meißen ließ sich nicht von der Spitze verdrängen. In der Hoffnung, dass Pakete das Virus nicht übertragen, nahm ich gestern eine Buch-Lieferung der Thalia-Buchhandlung in Rudolstadt in Empfang, die für später angekündigte Rechnung war natürlich eher da als das Buch. Rund dreieinhalb Jahre brauchte ich zwischen 2008 und 2011, ehe ich endlich mit der dicken Biographie „Goethe. Sein Leben und seine Zeit“ von Richard Friedenthal zu Ende kam. Derartige Bücher benutze ich so lange, bis ich dann irgendwann beschließe, sie nun doch systematisch zu Ende zu lesen. Das Schöne an den Goethe-Wälzern aller Stärken ist, dass ich sie tatsächlich immer wieder brauche und gute Freunde bringen mir aus ihren Altbeständen bisweilen feine Raritäten. Richard Friedenthal wurde heute vor 125 Jahren geboren.


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