Tagebuch

27. Mai 2020

Was wird sich Donald Trump anlässlich des 100.000. Corona-Toten morgen in seinem Land ausdenken: Überfällt er China, tritt er aus der UNO aus, wenn er sich schon nicht zur rassistischen Polizei-Gewalt gegen Schwarze äußern will? Nimmt er den Titel „Blödester Präsident seit George Washington“ doch nicht an? Ich nehme heute auch keine Titel an, ich versuche, mich an die nun gestern endgültig eingesetzten neuen Zähne zu gewöhnen, meine Zunge versucht es auch, die fast ohne Pause auf Widerstände stößt, wo lange keine waren. Der Zahnarzt hat mich sanft auf allerlei vorbereitet: Probleme bei S-Lauten etwa, Probleme mit Hirschgulasch in öffentlichen Gaststätten. Bisher höre ich nur, das Zähneputzen klingt anders als früher im inneren Ohr. Ich müsste mich eher mit dem Biss eines Krokodils anfreunden als mit dem Malmen eines paarhufigen Wiederkäuers. Ich sage mir tapfer: Wer die 67 hinter sich hat, muss nehmen, was kommt, sehr viel mehr kommt nicht.

26. Mai 2020

Zum Jahrgang 1955 habe ich ein besonderes Verhältnis. Mit einer Angehörigen verbindet mich das Verhältnis sogar schon 46 lange Jahre lang. Am 1. Juni wäre Feier-Zeit, der 1. Juni wäre Tag der Hochzeit geworden, wenn dieses Standesamt in Lichtenberg nicht für den 1. Juni keine Termine vergeben hätte. So wurde es der 9. Juni, was letztlich nicht wirklich wichtig war. Und kommendes Jahr fahren wir notfalls mit Mundschutz nach Venedig deswegen, weil wir eben alle fünf Jahre nach Venedig fahren um den 9. Juni herum. Heute aber grabe ich aus dem immer noch teilweise nicht erschlossenen Altbestand meiner Texte aus der Zeit der zweiten deutschen Diktatur (damit auch Altbürger verstehen, wovon ich Neubürger rede) einen über Doris Dörrie hervor. Die wird heute 65, weil sie eben auch dem Jahrgang 1955 angehört und am 9. Juni wird noch jemand 65, den wir erst später besuchen werden wegen Corona und ihrer Krise. Dörrie-Kolumnen sammle ich immer noch.

25. Mai 2020

Etwas über 1900 Wörter sind es geworden, was ich „Noch einmal Herbert Nachbar“ nannte. Und meine Lust auf weiteres Nacharbeiten ist kaum geringer danach, wenn ich auch erst einmal alles wieder an Ort und Stelle räumte. Zwanghaft fast meine fortlaufende Beschäftigung mit Stephan Hermlin, den ich längst weit über Karl Corino hinaus bei einer Lüge nach der nächsten ertappe und immer größer wird meine Ratlosigkeit, warum der Mann mit Pfeife und weißgrauer Musterfrisur das sich und seinen Lesern antat. Zugleich die alte Corino-Frage neu: Warum recherchierte nie jemand nach, warum glaubten alle oder nahmen alle hin, was er sich zusammenlog? Heute stieß ich auf eine angebliche KZ-Opfer-Beerdigung auf dem Münchener Waldfriedhof, deren Zeuge Hermlin geworden sein will, die so mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie stattfand. Und auf eine Militärsoldzahlung aus Frankreich in die Schweiz, die es so schwerlich gegeben haben kann.

24. Mai 2020

„Ich war die ganze Woche zu Hause geblieben, um da zu sein im entscheidenden Moment und verpasste ihn dann doch.“ So steht es rückblickend am 24. Mai 1980 im Tagebuch. Vierzig Jahre später ist die Lage umgekehrt: Ich bin in Ilmenau, das Kind in Berlin. Was so man so Kind nennt. Ich kenne es von meiner Mutter. Die es ihren Urenkeln erläuterte: Euer Opa bleibt immer mein Kind. Ich werde es bis zum Uropa nicht schaffen. Ich sah einen Bericht über die Bochumer Inszenierung von Thomas Braschs „Lieber Georg“, Regie Karge/Langhoff. Ich schrieb damals auch über Filme, die ich sah, viel ins Tagebuch. Heute halte ich mich zurück. Sehe fast nur noch Krimis. Lese immerhin 60 Seiten Herbert Nachbar, der am Pfingstsonntag 1980 starb, vor vierzig Jahren. Er fasziniert mich irgendwie und tatsächlich regte mich erst sein früher Tod an, ein drittes Buch von ihm zu lesen. Das alte Tagebuch verrät: ich hätte es nie gelesen, wäre es kein bb-Buch gewesen.

23. Mai 2020

Im Mai 1980 las ich nicht weniger als 24 Bücher zu Ende, nicht alle sehr dick, aber keineswegs alle sehr dünn. Schwer vorstellbar, dass ich nebenbei meine Diplomarbeit in Arbeit hatte, Vater einer Tochter war, Mann einer lieben blonden Gattin, Sohn, der aus den Händen seiner Mutter das monatliche „Zusatzstipendium“ in Empfang nahm, nach dem Mai waren noch drei restliche geplant. Der von heute aus höchst wichtige erste Satz im Tagebuch vom 23. Mai 1980 lautet: „Ausgerechnet am bewegten Haushaltstag habe ich den Anfang für meine Diplomarbeit gefunden, der mir erfolgverheißend erscheint, von dem aus ich abspulen kann, es ist der vierte Versuch.“ Noch heute bin ich immer auf den Anfang angewiesen, schreibe mir neuerdings bisweilen sogar Anfänge auf, weil es danach mit bis zu 3000 Wörtern am Tag weitergeht, als hätte ich den Rest fertig im Kopf. Kennt jemand „Die rote Jagd“ von Stephan Hermlin? Liest sich als gedruckter NVA-Werbefilm.

22. Mai 2020

Nach 32.000 Schritten an drei Tagen heute ein ruhiger Freitag. Das Smartphone, in seiner immer unergründlichen Fähigkeit zu überraschen, erinnert am Frühstückstisch ungefragt daran, dass wir am 22. Mai 2017 in Maastricht waren und es zeigt auch gleich noch ein paar Fotos von damals. Mir fällt, natürlich, bin ich versucht zu sagen, das sensationelle Eis von dort ein, für das wir Schlange zu stehen hatten. Ein Freitag mit Hermlin und Reich-Ranicki, mit Iwan Bunin und Hilde Spiel. Am Abend bei ARTE ein Film mit dem Titel „Freistatt“. Die alte Bundesrepublik als KZ für „schwer erziehbare Jugendliche“, die Dachorganisation hieß Diakonie. Das eigentlich Erschreckende ist aber: was man sah, geschah zwischen 1968 und 1970. Am 22. Mai 1980 schrieb ich in meinem Tagebuch von Aktionskunst im Westfernsehen (ttt = Titel Thesen Temperamente): „Gestern wurde einer gezeigt, der auf dem Markusplatz in Venedig 350.000 zerknüllte Zeitungen placiert hatte“.

21. Mai 2020

Gut, dass Christus ein Mann war, sonst wäre aus Christi Himmelfahrt nie ein Männertag zu machen gewesen. Früher, als die Türken vor Wien standen, fuhr ich, damit meine männlichen und sonstigen Kollegen in Ruhe mit ihren Familien feiern konnten, mit meinem Fotografen, der im kommenden Jahr auch schon 50 Jahre alt wird, in der Gegend herum, um Material für die Zeitung zu finden: Feld-Gottesdienste bei Neustadt und was da so anfiel. Deshalb auch war ich ein schlechter Chef, weil ich die Scheiß-Dienste des Jahres: Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Weihnachten immer selbst machte, damit sich alle anderen ihre mehr oder minder vorhandenen Eier schaukeln konnten. Ich wollte nur Silvester. Heute, fern von Wien und Moskau, erpirschen wir weitere bisher unbekannte Regionen des Ilmenauer Rundwanderweges, wir sehen erstmals im Leben zwei Dittmarsteiche, ebenfalls erstmals im Leben die Blankenburger Teiche, wo es ein sensationelles Froschkonzert gibt.

20. Mai 2020

Heute ist der 99. Geburtstag von Wolfgang Borchert. Wir könnten mal eben rasch das Wolfgang-Borchert-Jahr ausrufen, den schwierigen Pilgerpfad zu seinem Grab in Hamburg beschreiben, den ich beging mit verzögertem Erfolg, vielleicht ist ja auch längst alles besser findbar. Aber es machen immer die einen alles etwas besser als die anderen und bisweilen sind deshalb die einen den anderen ein wenig voraus. Ich zum Beispiel vergaß gestern, den 90. Geburtstag von Lorraine Hansberry zu erwähnen, obwohl ich doch tapfer an meinem zweiten Text zu ihr bastele. Aber das Bild eines im Stehen kauenden Klippschliefers, ich gebe es zu, hat bisweilen die Macht, sich vor die Literatur in meinem Kopf zu drängen, auch die Zunge jener etwas kleineren, weil fünf Jahre jüngeren Giraffe, die die Stäbe ihres hohen Zaunes mit Ausdauer beschleckte, wirkt in solche Richtung. Sollte ich nach meiner Wiedergeburt den Tierbeobachtern zugeordnet werden, lege ich keinen Protest ein.

19. Mai 2020

Was tut man, wenn von 8 bis etwa 16 Uhr nicht nur kein warmes, sondern gar kein Wasser aus den Leitungen kommen soll? Man bevorratet sich ein wenig für fällige Spülungen nach fälligen Vorgängen, man stellt Schüsseln auf, in denen man sich die Hände waschen kann und dann setzt man sich in das seit Wochen nur in Kürzesteinsätzen aktive Eigenfahrzeug, in dem man keine Maske tragen muss, gibt in das noch beinahe jungfräuliche neue Navigationsgerät den Zoopark Erfurt ein und fährt dorthin. Man steht dort ein wenig in einer disziplinierten Schlange, erwirbt für 30 Euro zwei Karten, es ist inzwischen 10.23 Uhr geworden und dann schreitet man den Rundweg ab mit den entsprechenden Halts unterwegs bei den entsprechenden Tieren. Angeblich sind die Tiere froh, wieder Menschen besichtigen zu können, was ich nachempfinden kann. Unterwegs erfahre ich, dass Bienen keinen Flieder mögen und frage mich, warum ich das nicht schon früher erfuhr.

18. Mai 2020

Auf Sardinien, höre ich heute in den öffentlich-rechtlichen Medien, gab es keinen einzigen Corona-Fall, weswegen man dort eigentlich hätte hinfahren können, wenn man hätte hinfahren können. Man hätte aber an einigen Corona-Fällen vorbeifahren müssen, was im Spaßfaktor gegen Null tendiert. Immerhin sind wir heute bis zur Besichtigung von Sparpreisen der Bahn von Ilmenau/Pörlitzer Höhe bis  nach Venedig vorgedrungen. Es ist, wenn man die Tankfüllungen und die Parkgebühren addiert, selbst in der weniger günstigen Variante günstiger als man denken würde, wenn man denken würde. Nebenbei, weil ich nicht immer nur amerikanische Protestdramen lesen kann, die in der uralten Bundesrepublik boykottiert wurden, weil sie entweder künstlerisch nicht wertvoll oder  dramaturgisch nicht innovativ waren, schlimmsten Falles beides zugleich, während die DDR es liebte, Amerika von Amerikanern bloßgestellt zu sehen, nebenbei nehme ich Proben von Hermlin.

17. Mai 2020

Am 17. Mai  2000 fuhren wir auf den Flumser Berg, schauten zu den Churfirsten gegenüber, auf den Walensee tief unten: „Es war spürbar kühler oben trotz Sonne und wir sahen ein Tier, das nach menschlichem Ermessen eine Gemse gewesen sein muss. Es beobachtete uns eine Weile, ehe es sich im Wald verdrückte.“ Damit wäre die Aussage umschifft, wo wir heute wären, wenn wir wären, wir sind aber nicht. Stattdessen haben wir eine größere Runde von uns aus am Tierheim vorbei, am Schlachthof vorbei, über die Mandela-Brücke bis zum Schützenhaus, dann zum Großen Teich, wo das Leben wieder aussieht wie Leben, fernöstliche Bürger ein wenig grillten, gedreht, was in die Nähe der 10.000 Schritte bringt, wenn man schon seine Zeitung an der Tankstelle geholt hat. Das Summen des Schrittzählers ereilte mich, nun ja, in sitzender Stellung in den von mir aus gesehen hinteren Regionen der Wohnung. Auch der Kölner Tatort bedient meine private Schauspielertheorie.

16. Mai 2020

Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ hätte ich heute auf keinen Fall in Hof gesehen, säße ich doch auf der Nachtfähre von Sardinien zum italienischen Festland, nachdem ich heute noch die Costa Smeralda und die Insel La Maddalena gesehen hätte. So aber sah ich die Sky-Konferenz-Schalte der ersten Geisterspiel-Liga mit einem netten Sieg der Dortmunder gegen die Schalker. Noch vor den Abpfiffen brachen wir zu unserer Runde durchs Gewerbegebiet auf, da begegnet einem samstags allenfalls mal ein einsamer Jogger, man kann in Ruhe die Verhaltensregeln beim Friseur-Besuch studieren und sich später von einem gut ausgeschilderten frei laufenden Hund hinter einem Zaun erschrecken lassen, der bellt, als hätte er die Größe eines afrikanischen Elefanten. Noch aus sicherer Distanz sieht er furchterregend aus. Mein nagelneuer hellblauer Mundschutz lässt die Brille nicht so rasch beschlagen wie mein alter schwarzer Bankräuber-Mundschutz, das ist meine feine Lockerung.


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