Tagebuch

5. August 2026

Beinahe hätte ich seiner zu früh gedacht. Man wird halt immer wieder Opfer von Druckfehlern. Er hieß Per Wahlöö und schrieb Schweden-Krimis im Duo. In gedruckter Form werden wohl nur noch Rollator-Fahrer sie kennen, als Verfilmungen mit Kommissar Beck überlebten sie. Gemeinsam mit Maj Sjöwall schrieb er, der heute 100 Jahre alt wäre, nur starb er eben schon 1975 an Krebs. Im Verzeichnis der Bücher meiner Eltern finde ich fünf Titel: Der Mann auf dem Balkon; Der lachende Polizist; Der Polizistenmörder; Alarm in Sköldgatan; Und die Großen lässt man laufen. Warum ich sie selbst in meinem größten Krimi-Lesejahr 1981 unbeachtet ließ, weiß ich nicht mehr, nur noch, dass ich plötzlich geneigt war, über Krimis in der DDR zu schreiben. Wie aus manch anderem ist daraus nichts geworden. Dem Fernseh-Krimi aber bin ich treu geblieben und werde ihn auch wieder genießen, an Sonntagen in Kombination mit Gelbem Muskateller, wenn die Endlospause endet.

4. August 2026

Wer Bücher liebt, kennt Ulrich Keiner. Klares Dekret des Mannes, der Thüringens allzeit einziges literarisches Journal zusammenhält, Jens-Fietje Dwars. Ich kann den dicken Heften, die zweimal im Jahr erscheinen, nicht böse sein, auch wenn sie mich jahraus, jahrein tapfer ignorieren. Denn fast immer transportieren sie genügend Substanz mitten in ihrem Kreislauf des gegenseitigen Lobens, dass ich die kleine Toleranz-Klappe öffnen kann in mir: nimms hin, Bruder. Aber Bücher liebe ich offensichtlich nicht, denn ich habe noch nie von Ulrich Keiner gehört. Ich durchforste derzeit meinen arg unvollständigen Heft-Bestand nach bestimmten Namen, mit denen ich mich zu befassen gedenke. Manches, was ich finde, befremdet mich so arg, dass ein Basis-Zweifel an mir zu nagen beginnt. Ein Verleger bespricht seine eigenen Bücher, und das immer wieder. Wer drückt dafür sogar seine Hühneraugen zu? Die Thüringer Haupt-Orakel kann ich nicht mehr befragen, leider.

3. August 2026

Einmal im Jahr ist Kalendertag. Unser bevorzugter Bürobedarfs-Laden in der Lindenstraße ist, wie manch anderer auch, nicht mehr da, also fahren wir auf den Ehrenberg. Dort kann man alles haben, was wir brauchen, die A-4-Kalender für meine Schreibtermine sind diesmal von solcher Stärke wie nie zuvor. Hat man einen in der Hand, denkt man, es sind die beiden, die man sonst kaufte. Da es längst Termine für 2027 gibt, die nicht vergessen werden wollen, ist es gut, sie zu haben. Dass ich Frank Kuschel am 8. September zum 65. Geburtstag gratulieren werde, glaube ich eher nicht. Auch wenn er in meiner Geburtsstadt Arnstadt einen Verlag betreibt mit einem Gesamtprogramm, das alten Verlagshasen mit ganz langen oder viel kürzeren Ohren die Kinnladen herabklappen lässt. Ich kannte ihn schon, ehe er als Geschäftsstellenleiter Altkadern nette Jobs verschaffte. Später erzwang er Finanzausschuss-Sitzungen 7 Uhr früh an Freitagen, nur um allen zu zeigen, dass er es konnte.

2. August 2026

Mein neuester Text, der am 6. August im Netz zu finden sein wird, überraschte meine Korrektur-Leserin mit der seltenen Tatsache, fehlerfrei zu erscheinen. Was nicht bedeuten muss, dass nicht wir beide etwas übersahen. Ich stieß beim Suchen in meinen wenig vollständigen Exemplaren des „Palmbaum“ auf einen Skandal von vorgestern, der mir vorführte, wie rasch Skandale von damals vollständig und zu ihrem eigenen Besten dem Gedächtnis entfleuchen. Es ging um einen Herrn Peter D. Krause, der das D in der Mitte brauchte, um nicht unterzugehen in all den Krauses dieser Welt, die zu allem auch noch Peter hießen. Er sollte Kultusminister in Thüringen werden, was ungefähr so undenkbar war wie der Thüringer Literaturpreis für mich. Und ich habe in jungen Jahren für die „Junge Welt“ und nicht für die „Junge Freiheit“ geschrieben. Krause war einmal Mitarbeiter von Vera Lengsfeld und ich mit Vera Lengsfeld auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf.

1. August 2026

Während ich brav zwei Folgen „Walker“ pro Abend schaue, bringe ich Austin mit einem Massaker in Verbindung, das heute vor genau 60 Jahren dort 16 Menschen das Leben kostete. Es war ein 25 Jahre alter Veteran, er hieß Charles Whitman und war wohl nicht mit Walt Whitman verwandt. Mit 25 Jahren ein Veteran zu sein, das schafft man nur dort, wo es jedermanns recht ist, jeden, der unerlaubt eine Schwelle überschreitet, niederzuschießen. Ich wurde durch einen Anruf aus Köln überrascht, der mir ein langes und sehr angenehmes Gespräch mit einer ehemaligen Journalistin und jetzigen erfolgreichen Buchautorin einbrachte. Wir versprachen uns, in Kontakt zu bleiben. Diesen vermittelte, wie es gelegentlich geschieht, mein Internet-Schaffen. Jeder meiner Texte wird im Schnitt öfter pro Jahr aufgerufen, als eine so genannte akademische Buch-Auflage an Exemplaren umfasst. Wenn ich alle Aufrufe seit 2011 addiere, bin ich mehrfacher Millionär. Will ich mehr?

31. Juli 2026

Knapp 13 der 744 Stunden dieses Monats Juli habe ich mich des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bedient, der Grundkurs Mathematik der Gesamthochschule Wümmen an der Bömme mag sich die Aufgabe stellen, das prozentual zu bestimmen. Ich habe dennoch ohne zu murren und zu maulen, ohne zu fragen, was Kanzler Merz dazu sagt oder Bärbel Bas, meine Rundfunkgebühren ungekürzt unfreiwillig entrichtet, mein Sehbedürfnis bediene ich per Streaming. Noch nie war die Zeit der Wiederholungen so lang wie in diesem Jahr. Aber es war ja auch so trocken wie nie, so nass wie nie, die Fallzahlen stiegen wie nie und meine Rente ist hoch wie nie. Jetzt müssen wir nur noch den August überstehen, irgendwann spielt die Bundesliga wieder und ich habe heute nicht pünktlich meine Steuererklärung abgegeben. Kenne aber Menschen, die dieses taten und es zugleich bekannt gaben. Ich las einen Gedichtband zu Ende, der mich fast Zeile für Zeile ratlos und hilflos machte.

30. Juli 2026

Friedrich Merz ist in der Politik so etwas wie der Chris Dercon der Berliner Theaterlandschaft. Eine ihre Eigenmacht genießende Multiplikatoren-Klientel gab dem Mann für die Nachfolge des Regie-Wüterichs vom Rosa-Luxemburg-Platz von Beginn an nicht die Spur einer Chance. Man hätte ihn scheitern lassen können, eine ganze Philosophie und zusätzlich Phänomenologie des Scheitern hätte schöne Feuilleton-Seiten gefüllt, mit vergossenen Krokodilstränen hätte man der Austrocknung per Klimawandel ausgesetzten Elbe aufhelfen können. Nun: trockne weiter, liebe Elbe, am Ende ist immer die CDU schuld. Sie müsste für solche Zwecke eigens erfunden werden, gäbe es sie nicht schon als immer noch ansehnlichen Rest einer Volkspartei. Von der SPD redet niemand mehr, der ernst genommen werden will, die AfD ist auf Dauer für echte Blutwallungsträger als einziger Feind dann doch langweilig. Wohin treibt die Bundesrepublik, fragte einst Karl Jaspers. Wohin denn nur?

29. Juli 2026

Rechnitz. Es gibt Leute, die denken da sofort an Elfriede Jelinek. Ich denke nie an Elfriede Jelinek. Jedenfalls nicht freiwillig. Aber ich sehe natürlich, wenn wieder irgendein Theater irgendeine superbrandaktuelle Textfläche von ihr auf die Bühne gerotzt hat. Die üblichen Verdächtigen sind auf übliche Weise begeistert. Ein Jahr später erinnert sich niemand mehr an den Kramotsch mit Sauce. Rechnitz hat eine Geschichte, natürlich. Man stellt sich ihr offenbar, wie zu erkennen, wenn man  im Netz nach der Gemeinde schaut. Man liest dort auch von niederländischen SS-Leuten. Wäre so auch schlimm genug. Unsereins kennt ein wenig das Burgenland und liebt Österreichs Weine. So klingelte denn am Morgen ein mir bis dato unbekanntes Transportunternehmen, um mir eine Kiste Wein aus Rechnitz auszuliefern. Drin unter anderem zwei Uhudler, ihn kenne ich vom Hörensagen allein. Drin auch als freundliche Beilage ein Heurigenkalender und eine Karte des Burgenlandes.

28. Juli 2026

Mehr als sechs Jahre ist es her, dass ich „Fritz Usinger: Marie Luise Kaschnitz“ ins Netz stellte. Meine drei Usinger-Bände aus der Werkausgabe der Waldkircher Verlagsgesellschaft (Friedberger Ausgabe) liegen (wegen mangelnden Platzes an der richtigen Stelle) nicht ganz passend quer über Johannes R. Becher. Es gibt schlechtere Liegeplätze in meiner aus sämtlichen Nähten platzenden Bibliothek. Und nun ein Anruf aus Traben-Trarbach, wo ich im Mai 1994 schon einmal war, einer von zwei Männertagsausflügen mit meinem Vater. Eine Kunsthistorikerin, Jahrgang 1940, wie sie mir verriet, bedankte sich für meinen Beitrag mit Worten, die ich sehr gern hörte, aber hier für mich behalte. Es stellte sich heraus: sie hat Fritz Usinger mit ihrem Vater noch selbst kennengelernt und verfügt über Nachlass-Schätze. Und es gibt Bezüge zu Henry Benrath, der eigentlich Albert Heinrich Rausch hieß, geboren eben im hessischen Friedberg. Wir werden Mail-Kontakt halten.

27. Juli 2026

Langsam wäre für den Vorgang eine DIN-Norm fällig: Erst das Verbrechen, dann die Betroffenheit, Fassungslosigkeit, der Blumenhaufen und die Kerzen in ihren roten Behältern. Die übliche Frage: Hätte es verhindert werden können? Die übliche Antwort: Nein. Es werden erste Konsequenzen gefordert. Noch nie ist jemand zu den zweiten oder dritten Konsequenzen vorgestoßen. Die Frage, ab wann wusste Angela Merkel wovon, ist nicht mehr zu stellen. Der junge Mann mit seinem stets griffbereiten Pappschild: Warum? ist inzwischen erwachsen geworden. Jedenfalls sieht man ihn nicht mehr: nirgends. Für die Ukraine ist das wieder sehr schlecht. Man spricht nicht mehr von ihr. Und dann brennen auch noch Wälder. Können sich die Ereignisse nicht besser untereinander abstimmen. Immerhin sehen wir Korrespondenten, die wir vorher nie sahen. Am 27. Juli 1946 starb in Paris Gertrude Stein. Lebensgefährtin Alice Babette Toklas überlebte sie um mehr als 20 Jahre.

26. Juli 2026

Mein Geburtstagskalender erinnert an Ana Maria Matute, doch irrt er an dieser Stelle, denn die Spanierin war im vorigen Jahr an der Reihe mit ihrem 100. Geburtstag. Solche Fälle kommen vor und nicht in die Hauptnachrichten. Im Jubiläumsjahr von Hermann Kant versucht sich wieder einer einmal in der Übung „Ich will nicht Minister werden“, es wird allerdings kaum ein Roman über ihn daraus werden. Verkehrsminister ist ein Job wie Wirtschaftsminister in der freien Marktwirtschaft: man ist zuständig für Rahmenbedingungen, nicht etwa für Wirtschaft oder gar Verkehr. Eine Brücke ist in China gebaut und eingeweiht, wenn bei uns die zweite Planungsphase beginnt und Grüne langsam ihre Zuchten im Keller prüfen, wann genau sie nun entsprechende Frösche, Fledermäuse oder Schmetterlinge aus der Kiste lassen müssen, damit sie mit finalen Erfolgsaussichten das verzögern können. Und dann auch noch Abdul zum Christopher Street Day. Wieder kein Rechter.

25. Juli 2026

Wenn ich morgens versonnen, versonnen ist natürlich Quatsch, klingt aber stimmungsvoller, in meinen beiden Teegläsern rühre, denke ich regelmäßig an einen einfachen Schulversuch aus der Zeit vor unserer Zeit. Es ging um die gesättigte Lösung. Wenn man lange genug Zucker in Wasser schüttet und rührt, Tee ginge auch, dann kommt der Punkt, an dem sich der Zucker trotz heftigsten Rührens nicht mehr auflöst. Da mir sonst nie etwas aus Schülerzeiten plötzlich vor Augen steigt, muss das besonders einprägsam gewesen sein. Würde ich meinen vierten Roman schreiben, könnte ich lange darüber meditieren, warum eben dies und nichts anderes. So aber nehme ich diesen doch angenehm sonnigen Samstag als Tag, an dem die Rentenerhöhung im Briefkasten liegt. Bei der Wahl, ob ich mich über die vielen Abzüge ärgere oder über die Netto-Erhöhung freue, entscheide ich mich für oder. Ich musste nicht auf den nächsten Parteitag warten: der Mensch im Mittelpunkt.


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